Kultur

Lola schreibt

Von Anne-Sophie Scholl. Aktualisiert am 05.08.2010

Die deutsche Schauspielerin Franka Potente veröffentlicht ihre erste Kurzgeschichtensammlung «Zehn». Ein beachtenswertes Debüt.

Lässt sich nicht in Schubladen strecken: Franka Potente (36). (Bild: Keystone )

Das Buch

Franka Potente: «Zehn», Piper Verlag, 176 Seiten. Erscheint am 9.August.

Der Sturm fegt den Regen über die Strasse, er knallt einen Mülleimer gegen das Schaufenster. Es ist der berüchtigte Kamikaze, der Götterwind. Frau Michi muss die Storen vor den Fensterscheiben herunterlassen. Der Fremde, der bei ihr im Laden steht, hilft ihr dabei. Während draussen der Sturm weitertobt, schaut sich dieser in aller Ruhe die Fächer in ihrer Auslage an – die Blattfächer und die Faltfächer, die Frau Michis verstorbene Eltern in alter Tradition gefertigt haben. Es ist ungewöhnlich, wie aufmerksam ihr der Geschäftsmann zuhört. Noch ungewöhnlicher ist es, als sie am nachfolgenden Tag ein Paket von ihm erhält. Mit dem Fächer darin, der als Familienstück eigentlich unverkäuflich im Laden gelegen hat. Und mit einer Einladung an sie, falls sie einmal in sein Heimatland kommen sollte – nach Deutschland.

Entfremdung und Tradition

Es ist die erste von zehn Kurzgeschichten in dem Band, den die deutsche Schauspielerin Franka Potente (36) vorlegt. Zehn Geschichten später sitzt die junge Japanerin Naski in einem Flugzeug, das sie aus Amerika zum Begräbnis ihres Grossvaters nach Japan zurückbringt, und stürzt mit der Maschine in ein gewaltiges Luftloch. Naski hat während ihres Schüleraustauschs in Los Angeles die grosse Freiheit erlebt. Japan war innert kürzester Zeit von ihr abgefallen – «die tägliche Stille beim Essen, Tempelbesuche, die strengen Blicke des Vaters, das Gefühl, jeden Tag die Beste sein zu müssen». Doch der Tod des Grossvaters zwingt sie, während der «Kitamakura» in ihrer Heimat zu bleiben: 49 Tage Trauerpflicht, die sie in Form von Kästchen auf einem Papier abhakt.

Abkehr von der Aussenwelt in der einen und nahezu distanzlose Bewunderung für den westlichen Lebensstil in der anderen Geschichte, dazwischen acht weitere Vignetten, die zumeist lose, fast unbemerkt miteinander verknüpft sind – eine Figur, die in einem Nebensatz wieder auftaucht, ein Schauplatz, der sich wiederholt, oder ein Konzept, das in einer späteren Geschichte wieder aufgenommen wird. So entsteht ein filigran verwobenes Panorama einer japanischen Gesellschaft, in dem sich ein Motiv durchzieht: die Brüche. Denn alle leben auf dem schmalen Grat der Gleichzeitigkeit verschiedener Lebensentwürfe.

So auch Haruka und Tadaski, ein junges Ehepaar, das Geschenke kauft, eines für Harukas lebensfreudige Schwester Miyu und eines für Tadaskis Vorgesetzten, bei dem das Paar zum Abendessen geladen ist. Dumm nur, dass der Massagestab und der auserlesene Reiskonfekt in Grösse und Gewicht gleich und erst recht in annähernd identischem Geschenkpapier verpackt sind – blau oder blau mit grünen Schimmer, in welchem Paket stecken die Süssigkeiten? Wirkte Haruka gerade noch frech, nahezu verwegen, taucht sie in einer späteren Geschichte wieder auf: Als Nebenfigur neben Miyu, die in einem Café müde Businessleute in stets wechselnden Fantasykostümen aufheitert und ihr Einkommen an Wochenenden in einem Stripclub aufbessert, wirkt Haruka in Traditionen gefangen.

Präzis und feinsinnig

Je nach Blickwinkel verschiebt sich das Bild. Und so schleicht sich die Frage ein: Geht es am Ende gar nicht um Japan? Sozusagen aus dem Negativ heraus findet man sich als westlicher Leser in einem zuweilen grotesk verzerrten Spiegel wieder.

Wie mit einem präzis gesetzten Tuschepinsel skizziert Franka Potente mit wenigen Worten ihre Geschichten. Ein erstaunlich feinsinniges Debüt der deutschen Schauspielerin, die mit dem Film «Lola rennt» 1997 weltweiten Erfolg feierte und als deutscher Hollywood-Export an der Seite von Johnny Depp im Film «Blow» und neben Matt Damon in «The Borne Identity» glänzte. Und vielleicht doch nicht so erstaunlich, ist die eigenwillige Schauspielerin doch für ihre Weigerung bekannt, sich in Schubladen stecken zu lassen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.08.2010, 11:58 Uhr