MS Ammanns letzte Fahrt
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 11.08.2009
3,5 Millionen Bruttoregistertonnen (Pardon, Jahresumsatz), elf Mann Besatzung, die beiden Kapitäne inklusive. Nun wollen sie der See den Rücken kehren. Einen neuen Schiffsführer haben sie nicht gefunden. Deshalb wird auch die MS Ammann nicht wieder in See stechen. Ihre letzte Fahrt führt auf den Schiffsfriedhof. Wirklich schlimm ist das für alle Freunde literarischer Fracht, gerade der hochkarätigen und exotischen, die dieses Schiff immerzu lieferte. Hätte sich dieses Ende nach 29 glorreichen Jahren nicht vermeiden lassen?
Von der Kapitänsbrücke aus sieht jeder Nachfolgeaspirant wie ein Leichtmatrose aus. Man erinnert sich, wie Siegfried Unseld, der mit MS Suhrkamp ein viel grösseres Schiff steuerte, einst bei seinen Übergabeversuchen scheiterte. Bei allem guten Willen, den Egon Ammann glaubhaft bezeugt: Ein geduldiger Matrosenerzieher ist er nicht. Mehr noch: Der Schiffsführer, der ihn davon überzeugen könnte, ihm sein Lebenswerk anzuvertrauen, der muss erst erfunden werden – und dazu reicht die vereinte Fantasie von Mandelstam, Pessoa, Machado und Hürlimann nicht hin.
Ein Neuer müsste einen neuen Kurs steuern, das weiss Egon Ammann – dafür kennt er den Buchmarkt und seine rasanten Veränderungen gut genug. Nicht nur neue Vertriebsformen, auch neue Finanzierungsmodelle sind nötig, und möglicherweise funktioniert auch die Mischung von vielen kompromisslosen Qualitätstiteln mit wenigen Kompromisstiteln nicht mehr so wie bisher. Wie Kapitän Ammann sein Schiff halsbrecherisch durch alle Stürme gesteuert hat: Das war genial. Er war ein Instinktnavigator. Vielleicht gibt es die nicht mehr. Vielleicht lässt sich heute so aber auch nicht mehr navigieren.
Den beiden Verlegern ist die Ruhe an Land zu gönnen. Die Besatzung allerdings muss auch von Bord, neue Heuer ist nicht leicht zu finden. Für den Literaturstandort Zürich und die Kulturnation Schweiz ist dieses Ende ein schwerer Schlag. Sie verlieren etwas, was sich maritim gar nicht formulieren lässt. Deshalb küstennäher: Ein kultureller Leuchtturm löscht das Licht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.08.2009, 08:03 Uhr






