Man soll sein Kind und sich selbst in Ruhe lassen
Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 21.07.2009
Bücher zum Thema
Tom Hodgkinson: Leitfaden für faule Eltern. Aus dem Englischen von Heike Steffen. Rogner & Bernhard, Hamburg 2009. 317 S., ca. 51 Fr.
Carl Honoré: Kinder unter Druck. Aus dem Englischen von Katharina Förs und Sonja Schuhmacher. Fackelträger, Köln 2009. 319 S., ca. 37 Fr.
Holger Schlageter: Das Geheimnis gelassener Erziehung. Krüger, Frankfurt 2009. 247 S., ca. 29 Fr.
Regine Schwarzhoff: Kinder brauchen starke Eltern. Gustav Lübbe, Bergisch Gladbach 2009. 285 S., ca. 35 Fr.
Michael Winterhoff: Tyrannen müssen nicht sein. Gütersloher, Gütersloh 2009. 192 S., ca. 35 Fr.
Sie heissen «Das Geheimnis gelassener Erziehung» oder «Kinder brauchen starke Eltern», sie titeln «Leitfaden für faule Eltern», «Tyrannen müssen nicht sein» oder «Kinder unter Druck». Die Produktion von Büchern zum Thema «Richtige Erziehung» für die Zielgruppe der kaufkräftigen Mittelschicht nimmt kein Ende, und schon die paar genannten aktuellen Beispiele machen klar: Einen allgemein anerkannten Königsweg zum guten Erziehen gibt es nicht. Eltern sollen gelassen, stark oder faul sein, Kinder stehen mal als Opfer, mal als Tyrannen da: hier als kreischende Kevins an der Kasse, da als gestresste Säuglinge im Baby-Yoga. Vom Praktiker wie dem erschöpften Lehrer oder der genervten Mutter bis zum Theoretiker aus dem erziehungswissenschaftlichen Institut schreibt jeder seinen Beitrag und vertritt seine Erziehungsprinzipien oft in missionarischem Ton.
Gelassenheit ist lernbar
Wie erziehen in Zeiten von Pisa-Schock und Amok-Schülern, von Montessori- Pädagogik und Supernanny-Disziplin? Der Bonner Kinderpsychiater Michael Winterhoff hat sich mit seiner Feier einer neuen Autoritätspädagogik - Kinder brauchen Führung, sonst werden sie unglückliche Despoten - in die Bestsellerlisten geschrieben. Andererseits schiessen überall Alternativprogramme wie Reggio-Kindergärten, Waldkindergärten und Freinet-Schulen aus dem Boden. Am überzeugendsten sind die Ansätze, in denen das vielzitierte Montessorische Credo, Erziehung sei «Hilfe, es selbst zu tun» verbunden wird mit Vernunft und Alltagstauglichkeit: Setzen von Grenzen und Durchsetzen von Richtlinien ist ein Must. Aber was genau ist vernünftig?
Die hübscheste, unterhaltsamste Antwort auf diese Frage gibt der britische Journalist Tom Hodgkinson in seinem «Leitfaden für faule Eltern»: Vernünftig ist, was die Eltern nicht stresst und nicht zu teuer ist. Als Kronzeugen für sein Konzept der «Erziehung durch Nicht-Erziehung» nennt Hodgkinson Jean-Jacques Rousseau, John Locke und D. H. Lawrence.
«Wie erziehe ich mein Kind?», fragt Lawrence und antwortet: «Regel Nr. 1: Lass es in Ruhe. Regel Nr. 2: Lass es in Ruhe. Regel Nr. 3: Lass es in Ruhe.» Nach diesem Motto fordert Hodgkinson: Eltern sollen im Bett bleiben, dann lernen die Kleinen schon, sich selbst das Frühstück zuzubereiten. Und anstatt sich finanziell und logistisch zugrunde zu richten, indem man die Kids zwischen Schule, Ballett und Tennis, Geigenstunde und Chinesischkurs herumchauffiert, sollte man sie lieber an den Küchentisch vor ein weisses Blatt Papier setzen. Mehr Zeit für die Kinder zu haben, anstatt mehr Geld für sie auszugeben, ist eins der Grundaxiome Hodgkinsons. Wie das Leben aussieht, wenn man die Arbeitsstelle gekündigt hat und mit Frau und drei kleinen Kindern auf einer alten Farm lebt, beschreibt er in seinem vergnüglichen Leitfaden - ohne die Schattenseiten zu verschweigen (sein Homeschooling-Projekt etwa scheiterte kläglich).
Dass der erfolgreiche Kolumnist Hodgkinson dabei humoristisch überzieht, Gummistiefel mit Löchern und nasse Füsse mit ebensolchem Ernst propagiert wie die Abschaffung der Spülmaschine, dass wir, schliesslich, am Rande erfahren, dass seine «finanziell eingeschränkte» Existenz mit Farm und Au-pair, mit Pony und 2 Autos so eingeschränkt nicht sein kann, sehen wir ihm gerne nach. Denn auch wenn er seine Armut stilisiert, die Unschuld der Kinder in Rousseauscher Manier glorifiziert und ihre Grausamkeit, die William Golding so unbestechlich schilderte, ausblendet, so trifft er doch oft den Nagel auf den Kopf: «Der Mythos vom Spielzeug», «Weg mit dem Fernseher» oder «Basteln und bauen mit Holz und Gerümpel» sind konsumkritische Kapitel, die vieles, was verquaste Theorien uns nahelegen wollen, unkompliziert und im anschaulichen Selbstversuch auf den Punkt bringen.
Eltern als Kindheitsmanager
Viel zu angestrengt hört sich dagegen ein terminologisch aufgerüsteter Band wie «Das Geheimnis gelassener Erziehung» des Wiesbadener Psychologen Holger Schlageter an, der mit den Begriffen «Überversorgung», «Unterforderung» und «Kunst des Nein-Sagens» operiert, viel zu verkrampft klingen die Auslassungen der Vize-Vorsitzenden des Deutschen Elternvereins, Regine Schwarzhoff, in «Kinder brauchen starke Eltern». Man könnte auch sagen: zu quengelig.
Die wohl sympathischste Botschaft von Hodgkinons Buch ist, dass Kinderbetreuung keine Schwerstarbeit sein muss, sondern Spass machen darf - und kann: Spielen nach Lust und Laune für alle. «Meidet die Spielplätze» ist ein Tipp, wie Eltern geisttötenden Aktivitäten aus dem Weg gehen können - und Kinder kreativer werden. Weniger ist nicht selten mehr; eine Balgerei auf dem Sofa für faule Eltern gemütlicher und günstiger als die Fahrt ins Kinderkarate - und für die Kinder intensiver.
Ähnlich, aber seriöser in Stil und Recherche, mit Verweis auf zahlreiche wissenschaftliche Studien, argumentiert Carl Honoré, ein Mitbegründer der Slow-Life-Bewegung, in seinem Buch «Kinder unter Druck». Er analysiert, wie verstärktes Sicherheitsdenken, Zukunftsangst und das Rattenrennen in der heutigen Arbeitswelt die Eltern zu Kindheitsmanagern macht - jede Minute wird produktiv gefüllt. Kinder sind ein immenser Kostenfaktor, und das soll sich karrieretechnisch irgendwann rechnen. Zugleich wollen Eltern die Märchenkindheit herstellen, die keiner je gehabt hat: «Es geht nie wirklich um die Kinder», zitiert Honoré einen Kindheitshistoriker aus Oxford, «es geht immer um die Erwachsenen.» Darum verschwinden viele Studien einfach in der Versenkung: jene, die beispielsweise belegen, dass die Mozart-Beschallung die embryonale Gehirnentwicklung nicht wirklich fördert; dass ein Sprachkurs einmal pro Woche vom Lerneffekt her für die Katz ist; dass der Hausaufgabenterror den Kindern schadet; dass viel freies Spiel entscheidend ist für die Entwicklung.
Mittelschicht nicht mehr teamfähig
Honoré resümiert nicht bloss seine eigenen Erfahrungen, sondern er recherchiert alles von alternativen Sportprogrammen in New York, die ohne Leistungsdruck funktionieren, über alternative Reggio-Kindergärten in Italien, wo das Erkenntnisinteresse des Kindes im Zentrum steht, bis hin zum Spielverhalten von Strassenkindern in Brasilien.
Allerdings bedeutet weder bei Hodgkinson noch bei Honoré Freiheit Disziplinlosigkeit. Im Gegenteil, gerade die verplanten Mittelschichtskinder werden zugleich oft so vergöttert, dass sie nicht teamfähig sind und Gequengel an der Tagesordnung ist. Zudem zeigen Untersuchungen, so Honoré, dass derart angehimmelte Kinder kaum Risiken eingehen und grosse Versagensängste haben, weil sie nicht enttäuschen wollen. Der Rahmen für sie wird einerseits immer enger, die Ritalin-Verschreibungen immer häufiger; anderseits schaffen es viele Eltern kaum, Nein zu sagen und das konsequent durchzuziehen. Im 17. Jahrhundert entstand ein Markt für Kinderprodukte, und mittlerweile wickelt eine ausgeklügelte Marketingmaschinerie uns und unsern Nachwuchs ein, sodass das Instant-Gratification-Kid schon mit 18 Jahren häufig zur «Generation Pleite» gehört mit hohen Schulden bei Telefongesellschaften oder Kleiderläden.
In einer Filiale des britischen Waldkindergarten-Netzes Secret Garden lernte Honoré dagegen unverzärtelte, nie quengelnde, selbständige Drei- bis Vierjährige kennen, die Feuer machen, mit Sägen hantieren und über Giftpilze Bescheid wissen. Und keins braucht Ritalin. Ein Traum für faule Eltern.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.07.2009, 12:08 Uhr






