Martin Suter: «Ich staune, dass es so knüppeldick gekommen ist»
Von Hannes Nussbaumer. Aktualisiert am 23.12.2008 6 Kommentare
Die Kolumne war Kult. Fünfzehn Jahre lang, von 1992 bis 2007, erschien sie zuerst in der «Weltwoche», später im «Magazin». Woche für Woche gewährte sie Einblick in die Innereien des Managements: satirisch – und gleichzeitig sehr realistisch. «Business Class» hiess die Kolumne, Martin Suter war der Autor. Kaum einer hat die Business-Class so lange beobachtet und so exakt seziert wie er, der einst erfolgreiche Werber und heute erfolgreichste Schweizer Schriftsteller. Letztes Jahr erschien Suters Roman «Der letzte Weynfeldt», im kommenden Februar erscheint ein weiterer Band mit einer Sammlung von Business-Class-Kolumnen. Titel: «Das Bonusgeheimnis».
Für die real existierende Business-Class neigt sich ein schreckliches Jahr dem Ende zu. Und für den Experten? Was empfindet der Beobachter, wenn die Beobachteten durch die Krise taumeln? Die Frage geht per E-Mail nach Ibiza, wo Suter mit Frau und Kindern während einiger Monate im Jahr lebt. Das Protokoll der Korrespondenz:
Lieber Herr Suter, was haben Sie in den letzten Monaten an Neuem gelernt über das Innenleben der Business-Class?
Eigentlich nichts.
Was hat Sie überrascht?
Das Abfallen vom Glauben an die heiligen selbstregulierenden Kräfte des Marktes. Nicht die Tatsache selbst hat mich überrascht, aber das Tempo, mit dem es vollzogen wurde.
Und die Krise selbst: Kam die für Sie überraschend? Die Lohnexzesse, die Boni – all das, was jetzt im Zeichen der Krise öffentlich problematisiert wird, war 15 Jahre lang Gegenstand Ihrer Kolumnen. Sie könnten sagen: Ich habe alles kommen sehen ...
Nein, nein, die Krise kam auch für mich überraschend. Ich hatte schon manchmal das Gefühl, dass das so nicht weitergehen kann. Aber ich staune, dass es so knüppeldick gekommen ist. Das hatte ich mir nicht träumen lassen.
Sie haben einmal gesagt, Ihre Kolumnen seien eine satirische Zuspitzung. Würden Sie das noch immer sagen? Oder hat die Realität die Fantasie noch übertroffen?
Es ist zwar die Zuspitzung, die aus der Wirklichkeit Satire macht. Aber es ist auch die Übertreibung, die sie blöd macht. Es sind Dinge passiert, die ich als Satiriker aus Angst vor faulen Tomaten nicht zu erfinden gewagt hätte.
In Ihren Kolumnen geht es selten um Inhaltliches, sondern fast ausschliesslich um Ängste, Neid und Macht. Liegt ein Teil der Krise darin begründet, dass den Managern die eigene Haut näher als die Firma ist?
Lange habe ich geglaubt, dass das Wohlergehen der Unternehmen ein Abfallprodukt der Karrierebestrebungen des Managements ist. Jetzt sieht es so aus, als könnte dieses auch zu ihrem Untergang führen. Die Gewinnmaximierung und -orientierung ist eine der wichtigsten Ursachen der Krise. Auf die Gefahr hin, altmodisch zu erscheinen: Die wichtigste Funktion eines Unternehmens besteht darin, möglichst viele Leute in Brot und Arbeit zu halten. Und nicht darin, für ein paar wenige möglichst hohe Gewinne zu erzielen.
Verändert die Krise die Managerkaste?
Solange sie andauert schon.
Jetzt üben sich die Topmanager in Bescheidenheit – die Chefs der amerikanischen Autokonzerne haben ihr Jahressalär auf einen Dollar reduziert. Wie steht der BusinessClass die neue Bescheidenheit?
Die Herren haben daran, ihre Unternehmen an den Rand des Abgrunds zu managen, so schön verdient, dass sie es sich leisten können, ihre Gehälter auf einen Dollar zu reduzieren. Die neue Bescheidenheit ist ein Trend. Die Trends im Management sind noch stärker den Moden unterworfen als die Rocklängen.
Mit welchen Empfindungen verfolgen Sie die Krise?
Die Krise kostet viele Leute die Stelle. Das ist schlimm und ungerecht. Dass sie eine reinigende Wirkung hat, bezweifle ich. Immerhin bleibt die leise Hoffnung, dass sie dem Hardcore-Liberalismus für eine Weile den Garaus macht.
Trifft Sie die Krise persönlich?
Finanziell nicht, ich habe keine Aktien.
Wie wird die Krise die Welt verändern?
Ich fürchte, dass sie den Fortschritt hemmt auf vielen Gebieten, auf denen er bitter nötig wäre, zum Beispiel in der Umweltpolitik und -technologie oder in der Entwicklungspolitik.
Sie sagten einmal, in der Schweiz herrsche ein «an Überheblichkeit grenzendes Selbstbewusstsein ». Wird sich dieses mit der Krise verflüchtigen?
Meine Aussage bezog sich auf die Vergangenheit. Das Schweizer Selbstbewusstsein ist inzwischen von den Ereignissen um die Holocaust-Gelder, das Swissair-Grounding, die Marginalisierung durch die EU und das Schwächeln unserer unbezwingbaren Banken auf Normalmass geschrumpft.
Noch eine Aussage von Ihnen: Die BusinessClass präge die Schweiz viel stärker als die politische Klasse. Was heisst das für die Auswirkungen der Krise auf unser Land?
Wie gross der Einfluss der BusinessClass auf die Politik ist, lässt sich an der Hilfe für die Banken erkennen: Wenn sie von der grossteils selbst verschuldeten Finanzkrise gebeutelt werden, retten sie sich blitzschnell unter die Flügel der Staatshenne. Das unterscheidet sie nicht von allen anderen einst tapferen Kämpfern gegen den Staatsinterventionismus. Aber nur in der Schweiz gelingt es ihnen, selbst dann noch die Politik daran zu hindern, ihre Staatshilfe an Bedingungen zu knüpfen.
Warum tönt es eigentlich immer gleich, wenn ein Konzernchef etwas sagt? Ticken die alle gleich?
Die Sprache ist das Zunftkostüm der Berufe. Ärzte, Fussballtrainer, Skireporter und Anwälte reden auch fast alle gleich. Oder nehmen Sie einen jungen Politiker wie Toni Brunner. Seine Sätze und Redewendungen klingen wie bei einem stumpenrauchenden Vereinspräsidenten aus den Fünfzigerjahren. Ich glaube nicht, dass die Konzernchefs alle gleich ticken. Aber es ist schon so, dass der Weg nach oben mit den immer gleichen Worthülsen gepflastert ist. Originalität ist erst gefragt, wenn die Karriere gemacht ist. Und dann haben sie die meisten schon verlernt.
Auch dies ein Umstand, der zur Krise beigetragen hat?
Ich wage mich mal auf die Äste hinaus: Die klischierte Art, zu reden und sich vorgefertigter Formulierungen zu bedienen, ist der Versuch, zu kaschieren, dass man das, worüber man spricht, nicht ganz verstanden hat. Nur wer eine Sache ganz begreift, kann in einfachen Worten darüber reden. Wenn wir davon ausgehen, dass die Krise vor allem dadurch entstanden ist, dass Leute mit Konstrukten handelten, die sie nicht ganz verstanden, ist die formelhafte Sprache wenn nicht Teil so doch Symptom der Krise.
Wie sieht denn der ideale Manager aus?
Ich habe mich bisher mehr mit der gegenteiligen Frage befasst. Ich versuche es trotzdem: Der ideale Manager muss sein Produkt oder seine Dienstleistung kennen und lieben. Er muss seine Mitarbeiter kennen und respektieren. Er muss kreativ und innovativ sein. Er muss das Wohlergehen von Mitarbeitern und Unternehmen über dasjenige der Anteilseigner stellen. Er muss Gewinn machen und reinvestieren. Und wenn er das alles schafft, darf er von mir aus so viel verdienen, wie er will.
Früher handelte die Business-Class praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie waren der Erste, der über ihr Inneres schrieb. Heute sind Manager öffentliche Figuren. Warum diese Entwicklung?
In den Boomjahren machten viele Manager in sehr kurzer Zeit sehr viel Geld. Es gibt keine sicherere Methode, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu wecken, als schnell viel Geld zu machen. Und mit der öffentlichen Aufmerksamkeit gewann das Schnell-Viel-Geld-Machen immer mehr Akzeptanz. Früher hatte das ja etwas Anrüchiges. Die Gesellschaft besass ein Gefühl dafür, wie viel Geld man mit ehrlicher Arbeit verdienen kann. Ich bin nicht der Meinung, dass die aktuelle Krise viel mit Gier zu tun hat. Schnell viel Geld machen zu können, wurde gewissermassen zur beruflichen Qualifikation. Wer das konnte, galt als gut in seinem Job. Der gesunde Menschenverstand hätte uns daran erinnern sollen, dass die Zahl der Leute, die schnell viel Geld verdienen, immer an eine Obergrenze stösst. Wenn sie diese allzu sehr und allzu lange übersteigt, ist irgendwo Luft drin. Die Wirtschaft entwickelt sich zu einem gewaltigen Schneeballsystem.
Dann trug der Trend, Manager als öffentliche Figuren wahrzunehmen, indirekt zur Krise bei?
Früher waren die Manager austauschbar. Die Eigendynamik der Unternehmen trug die Manager zu ihren Erfolgen und Misserfolgen. Das Instrumentarium, das ihnen zur Verfügung stand, war standardisiert und erlernbar. Heute ist das anders. Fachlich sind die Manager zwar immer noch austauschbar und das Instrumenta- rium ist, von ein paar modischen Schwankungen abgesehen, das gleiche.
Aber heute haben die Manager gemerkt, dass sie sich profilieren müssen. Am besten mit raschen finanziellen Erfolgen und einem System, dass diese sich für sie auszahlen. Die Manager unterscheiden sich heute voneinander durch ihr Einkommen. Und ein hohes Einkommen erhöht nicht nur das Prestige von dem, der es bezieht, sondern auch von dem, der es bezahlt. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Es sind nicht die hohen Löhne der Manager, die zur Krise geführt haben. Schuld ist die Mentalität, die zu den hohen Löhnen geführt hat.
In einer Ihrer Kolumnen aus dem Jahr 2002 lassen Sie Ihre Figur sagen: «Die Offenlegung der Löhne entmystifiziert den Manager. Und das kann sich die Wirtschaft nicht leisten. Die Mystifizierung des Managers ist das Prinzip, nach dem die Wirtschaft funktioniert.» Hat die Mystifizierung in die Krise geführt?.
In gewisser Weise schon. Obwohl inzwischen die Löhne so hoch sind, dass es eher deren Offenlegung ist, die den Manager mystifiziert.
In einer Business-Class-Kolumne von 1994 beschreiben Sie einen Manager, dem die Vorboten des Aufschwungs den Schlaf rauben – weil er lieber in der Krise Kosten dämpft, als im Aufschwung Investitionen tätigt. Die Suter-Kurzformel dafür: lieber rezessiv als kreativ. Ist diese Kurzformel für Manager allgemein gültig?.
Sie ist für viele gültig. Aber ich möchte an dieser Stelle doch gerne und mit Nachdruck etwas festhalten: Es gibt viele sehr tüchtige, redliche, hervorragende und in jedem Belang untadelige Manager. Aber die haben leider in einer satirischen Kolumne nichts verloren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.12.2008, 08:07 Uhr
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6 Kommentare
Ich kann mich nur anschliessen. Ein sehr guter Artikel. Nur eines: Die Machenschaften der Banken im Ausland sind uns hier nicht bekannt und ich würde mal sagen, da sieht es weit aus düsterer aus als bisher angenommen. Gerne lenkt man von den eigenen Problemen in's Ausland ab. Siehe Steuer-Deutschland und noch vieles mehr. Antworten
Herrlich! Vielen Dank, Herr Suter, habe mich köstlich amüsiert. Toni Brunner, der stumpenrauchende Vereinspräsidenten aus den Fünfzigerjahren. Humor und Satire ist immer noch dies beste Möglichkeit widrigen Umständen, denen man ohnmächig gegenübersteht, zu begegnen. Antworten
Herr Suter sagt: Die wichtigste Funktion eines Unternehmens besteht darin, möglichst viele Leute in Brot und Arbeit zu halten. Und nicht darin, für ein paar wenige möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Herr Martin Ebner pflegte zu behaupten: Zweck einer Firma sei es möglichst viel Gewinn zu machen. Ich meine: Zweck und Grundlage einer Firma ist es für Andere einen Dienst zu erbringen, welche dies Antworten
"Aber nur in der Schweiz gelingt es ihnen, selbst dann noch die Politik daran zu hindern, ihre Staatshilfe an Bedingungen zu knüpfen." Wie wahr. Dies ist aber auf die breite Akzeptanz der Bevölkerung zurück zu führen. Jegliche (auch noch so zwielichtigen) Machenschaften der Banken werden mit Verve verteidigt, da ist es ein Leichtes für die Banken die Politik zu manipulieren. Antworten
danke für diesen tollen artikel, das beste, was ich seit langem gelesen habe+++ besonders im marketing wird man oft mit schwülstigen worthülsen konfrontiert - wobei sie das eigentliche problem darstellen: komplizierte sachverhalte auf das wesentliche, den kern zu reduzieren, ist dadurch politisch (im unternehmen) zu riskant. so entstehen 2h meetings, die von weiteren 2h meetings verfolgt werden... Antworten





urs loser
mir genuegt es nicht , dass wir normalos endlich nachlesen koennen wer dieses schlamassel verursacht hat - ich erwarte von martin sutter sowie von mir und von anderen normalos , dass jetzt konsequenzen folgen - wir alle sind aufgefordert die situation zu veraendern : sofort eine neue business kultur auf die beine stellen ! wie ? gruendung der economie-partei! martin sutter sie sind gefordert ! Antworten