Kultur

Martin Suter: «Ich staune, dass es so knüppeldick gekommen ist»

2008 war ein rabenschwarzes Jahr für die Business-Class. Was hat der Schriftsteller Martin Suter, der diese Klasse 15 Jahre lang beobachtet hat, zu der Entwicklung zu sagen?

«Die neue Bescheidenheit der Manager ist ein Trend, eine Modeerscheinung wie die Rocklängen», sagt Martin Suter (hier bei einem Auftritt im Schiffbau).

«Die neue Bescheidenheit der Manager ist ein Trend, eine Modeerscheinung wie die Rocklängen», sagt Martin Suter (hier bei einem Auftritt im Schiffbau).
Bild: Keystone

Die Kolumne war Kult. Fünf­zehn Jahre lang, von 1992 bis 2007, erschien sie zuerst in der «Weltwoche», später im «Magazin». Woche für Woche gewährte sie Ein­blick in die Innereien des Managements: satirisch – und gleichzeitig sehr realistisch. «Business Class» hiess die Kolumne, Mar­tin Suter war der Autor. Kaum einer hat die Business-Class so lange beobachtet und so exakt seziert wie er, der einst erfolgreiche Werber und heute erfolg­reichste Schweizer Schriftsteller. Letztes Jahr erschien Suters Roman «Der letzte Weynfeldt», im kommenden Februar er­scheint ein weiterer Band mit einer Samm­lung von Business-Class-Kolumnen. Titel: «Das Bonusgeheimnis».

Für die real existierende Business-Class neigt sich ein schreckliches Jahr dem Ende zu. Und für den Experten? Was empfindet der Beobachter, wenn die Beobachteten durch die Krise taumeln? Die Frage geht per E-Mail nach Ibiza, wo Suter mit Frau und Kindern während einiger Monate im Jahr lebt. Das Protokoll der Korrespondenz:

Lieber Herr Suter, was haben Sie in den letzten Monaten an Neuem gelernt über das Innenleben der Business-Class?
Eigentlich nichts.

Was hat Sie überrascht?
Das Abfallen vom Glauben an die heili­gen selbstregulierenden Kräfte des Mark­tes. Nicht die Tatsache selbst hat mich überrascht, aber das Tempo, mit dem es vollzogen wurde.

Und die Krise selbst: Kam die für Sie über­raschend? Die Lohnexzesse, die Boni – all das, was jetzt im Zeichen der Krise öffent­lich problematisiert wird, war 15 Jahre lang Gegenstand Ihrer Kolumnen. Sie könnten sagen: Ich habe alles kommen sehen ...
Nein, nein, die Krise kam auch für mich überraschend. Ich hatte schon manchmal das Gefühl, dass das so nicht weitergehen kann. Aber ich staune, dass es so knüppel­dick gekommen ist. Das hatte ich mir nicht träumen lassen.

Sie haben einmal gesagt, Ihre Kolumnen seien eine satirische Zuspitzung. Würden Sie das noch immer sagen? Oder hat die Realität die Fantasie noch übertroffen?
Es ist zwar die Zuspitzung, die aus der Wirklichkeit Satire macht. Aber es ist auch die Übertreibung, die sie blöd macht. Es sind Dinge passiert, die ich als Satiriker aus Angst vor faulen Tomaten nicht zu erfinden gewagt hätte.

In Ihren Kolumnen geht es selten um In­haltliches, sondern fast ausschliesslich um Ängste, Neid und Macht. Liegt ein Teil der Krise darin begründet, dass den Managern die eigene Haut näher als die Firma ist?
Lange habe ich geglaubt, dass das Wohl­ergehen der Unternehmen ein Abfallpro­dukt der Karrierebestrebungen des Ma­nagements ist. Jetzt sieht es so aus, als könnte dieses auch zu ihrem Untergang führen. Die Gewinnmaximierung und -ori­entierung ist eine der wichtigsten Ursa­chen der Krise. Auf die Gefahr hin, altmo­disch zu erscheinen: Die wichtigste Funk­tion eines Unternehmens besteht darin, möglichst viele Leute in Brot und Arbeit zu halten. Und nicht darin, für ein paar we­nige möglichst hohe Gewinne zu erzielen.

Verändert die Krise die Managerkaste?
Solange sie andauert schon.

Jetzt üben sich die Topmanager in Beschei­denheit – die Chefs der amerikanischen Au­tokonzerne haben ihr Jahressalär auf einen Dollar reduziert. Wie steht der Business­Class die neue Bescheidenheit?
Die Herren haben daran, ihre Unterneh­men an den Rand des Abgrunds zu mana­gen, so schön verdient, dass sie es sich leis­ten können, ihre Gehälter auf einen Dollar zu reduzieren. Die neue Bescheidenheit ist ein Trend. Die Trends im Management sind noch stärker den Moden unterworfen als die Rocklängen.

Mit welchen Empfindungen verfolgen Sie die Krise?
Die Krise kostet viele Leute die Stelle. Das ist schlimm und ungerecht. Dass sie eine reinigende Wirkung hat, bezweifle ich. Immerhin bleibt die leise Hoffnung, dass sie dem Hardcore-Liberalismus für eine Weile den Garaus macht.

Trifft Sie die Krise persönlich?
Finanziell nicht, ich habe keine Aktien.

Wie wird die Krise die Welt verändern?
Ich fürchte, dass sie den Fortschritt hemmt auf vielen Gebieten, auf denen er bitter nötig wäre, zum Beispiel in der Um­weltpolitik und -technologie oder in der Entwicklungspolitik.

Sie sagten einmal, in der Schweiz herrsche ein «an Überheblichkeit grenzendes Selbst­bewusstsein ». Wird sich dieses mit der Kri­se verflüchtigen?
Meine Aussage bezog sich auf die Ver­gangenheit. Das Schweizer Selbstbewusst­sein ist inzwischen von den Ereignissen um die Holocaust-Gelder, das Swissair-Groun­ding, die Marginalisierung durch die EU und das Schwächeln unserer unbezwing­baren Banken auf Normalmass ge­schrumpft.

Noch eine Aussage von Ihnen: Die Business­Class präge die Schweiz viel stärker als die politische Klasse. Was heisst das für die Auswirkungen der Krise auf unser Land?
Wie gross der Einfluss der Business­Class auf die Politik ist, lässt sich an der Hilfe für die Banken erkennen: Wenn sie von der grossteils selbst verschuldeten Fi­nanzkrise gebeutelt werden, retten sie sich blitzschnell unter die Flügel der Staats­henne. Das unterscheidet sie nicht von al­len anderen einst tapferen Kämpfern ge­gen den Staatsinterventionismus. Aber nur in der Schweiz gelingt es ihnen, selbst dann noch die Politik daran zu hindern, ihre Staatshilfe an Bedingungen zu knüpfen.

Warum tönt es eigentlich immer gleich, wenn ein Konzernchef etwas sagt? Ticken die alle gleich?
Die Sprache ist das Zunftkostüm der Berufe. Ärzte, Fussballtrainer, Skireporter und Anwälte reden auch fast alle gleich. Oder nehmen Sie einen jungen Politiker wie Toni Brunner. Seine Sätze und Rede­wendungen klingen wie bei einem stum­penrauchenden Vereinspräsidenten aus den Fünfzigerjahren. Ich glaube nicht, dass die Konzernchefs alle gleich ticken. Aber es ist schon so, dass der Weg nach oben mit den immer gleichen Worthülsen ge­pflastert ist. Originalität ist erst gefragt, wenn die Karriere gemacht ist. Und dann haben sie die meisten schon verlernt.

Auch dies ein Umstand, der zur Krise beigetragen hat?
Ich wage mich mal auf die Äste hinaus: Die klischierte Art, zu reden und sich vor­gefertigter Formulierungen zu bedienen, ist der Versuch, zu kaschieren, dass man das, worüber man spricht, nicht ganz ver­standen hat. Nur wer eine Sache ganz be­greift, kann in einfachen Worten darüber reden. Wenn wir davon ausge­hen, dass die Krise vor al­lem dadurch entstanden ist, dass Leute mit Kon­strukten handelten, die sie nicht ganz verstanden, ist die formelhafte Spra­che wenn nicht Teil so doch Symptom der Krise.

Wie sieht denn der ideale Manager aus?
Ich habe mich bisher mehr mit der ge­genteiligen Frage befasst. Ich versuche es trotzdem: Der ideale Manager muss sein Produkt oder seine Dienstleistung kennen und lieben. Er muss seine Mitarbeiter ken­nen und respektieren. Er muss kreativ und innovativ sein. Er muss das Wohlergehen von Mitarbeitern und Unternehmen über dasjenige der Anteilseigner stellen. Er muss Gewinn machen und reinvestieren. Und wenn er das alles schafft, darf er von mir aus so viel verdienen, wie er will.

Früher handelte die Business-Class prak­tisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie waren der Erste, der über ihr Inneres schrieb. Heute sind Manager öffentliche Figuren. Warum diese Entwicklung?
In den Boomjahren machten viele Ma­nager in sehr kurzer Zeit sehr viel Geld. Es gibt keine sicherere Methode, die Auf­merksamkeit der Öffentlichkeit zu we­cken, als schnell viel Geld zu machen. Und mit der öffentlichen Aufmerksamkeit ge­wann das Schnell-Viel-Geld-Machen im­mer mehr Akzeptanz. Früher hatte das ja etwas Anrüchiges. Die Gesellschaft besass ein Gefühl dafür, wie viel Geld man mit ehrlicher Arbeit verdienen kann. Ich bin nicht der Meinung, dass die ak­tuelle Krise viel mit Gier zu tun hat. Schnell viel Geld machen zu können, wurde gewis­sermassen zur berufli­chen Qualifikation. Wer das konnte, galt als gut in seinem Job. Der gesunde Menschenverstand hätte uns daran erinnern sollen, dass die Zahl der Leute, die schnell viel Geld ver­dienen, immer an eine Obergrenze stösst. Wenn sie diese allzu sehr und allzu lange über­steigt, ist irgendwo Luft drin. Die Wirt­schaft entwickelt sich zu einem gewaltigen Schneeballsystem.

Dann trug der Trend, Manager als öffent­liche Figuren wahrzunehmen, indirekt zur Krise bei?
Früher waren die Manager austausch­bar. Die Eigendynamik der Unternehmen trug die Manager zu ihren Erfolgen und Misserfolgen. Das Instrumentarium, das ihnen zur Verfügung stand, war standardi­siert und erlernbar. Heute ist das anders. Fachlich sind die Manager zwar immer noch austauschbar und das Instrumenta- rium ist, von ein paar modischen Schwan­kungen abgesehen, das gleiche. Aber heute haben die Manager gemerkt, dass sie sich profilieren müssen. Am besten mit raschen finanziellen Erfolgen und ei­nem System, dass diese sich für sie auszah­len. Die Manager unterscheiden sich heute voneinander durch ihr Einkommen. Und ein hohes Einkommen erhöht nicht nur das Prestige von dem, der es bezieht, sondern auch von dem, der es bezahlt. Aber verste­hen Sie mich nicht falsch: Es sind nicht die hohen Löhne der Manager, die zur Krise ge­führt haben. Schuld ist die Mentalität, die zu den hohen Löhnen geführt hat.

In einer Ihrer Kolumnen aus dem Jahr 2002 lassen Sie Ihre Figur sagen: «Die Offenle­gung der Löhne entmystifiziert den Mana­ger. Und das kann sich die Wirtschaft nicht leisten. Die Mystifizierung des Managers ist das Prinzip, nach dem die Wirtschaft funktioniert.» Hat die Mystifizierung in die Krise geführt?.
In gewisser Weise schon. Obwohl in­zwischen die Löhne so hoch sind, dass es eher deren Offenlegung ist, die den Mana­ger mystifiziert.

In einer Business-Class-Kolumne von 1994 beschreiben Sie einen Manager, dem die Vorboten des Aufschwungs den Schlaf rau­ben – weil er lieber in der Krise Kosten dämpft, als im Aufschwung Investitionen tätigt. Die Suter-Kurzformel dafür: lieber rezessiv als kreativ. Ist diese Kurzformel für Manager allgemein gültig?.
Sie ist für viele gültig. Aber ich möchte an dieser Stelle doch gerne und mit Nach­druck etwas festhalten: Es gibt viele sehr tüchtige, redliche, hervorragende und in jedem Belang untadelige Manager. Aber die haben leider in einer satirischen Kolumne nichts verloren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2008, 08:07 Uhr

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6 Kommentare

urs loser

23.12.2008, 23:14 Uhr
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mir genuegt es nicht , dass wir normalos endlich nachlesen koennen wer dieses schlamassel verursacht hat - ich erwarte von martin sutter sowie von mir und von anderen normalos , dass jetzt konsequenzen folgen - wir alle sind aufgefordert die situation zu veraendern : sofort eine neue business kultur auf die beine stellen ! wie ? gruendung der economie-partei! martin sutter sie sind gefordert ! Antworten


M Sold

23.12.2008, 11:49 Uhr
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Ich kann mich nur anschliessen. Ein sehr guter Artikel. Nur eines: Die Machenschaften der Banken im Ausland sind uns hier nicht bekannt und ich würde mal sagen, da sieht es weit aus düsterer aus als bisher angenommen. Gerne lenkt man von den eigenen Problemen in's Ausland ab. Siehe Steuer-Deutschland und noch vieles mehr. Antworten


Meier Daniel

23.12.2008, 10:20 Uhr
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Herrlich! Vielen Dank, Herr Suter, habe mich köstlich amüsiert. Toni Brunner, der stum­penrauchende Vereinspräsidenten aus den Fünfzigerjahren. Humor und Satire ist immer noch dies beste Möglichkeit widrigen Umständen, denen man ohnmächig gegenübersteht, zu begegnen. Antworten


Erwin Wegmann

23.12.2008, 09:57 Uhr
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Herr Suter sagt: Die wichtigste Funktion eines Unternehmens besteht darin, möglichst viele Leute in Brot und Arbeit zu halten. Und nicht darin, für ein paar wenige möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Herr Martin Ebner pflegte zu behaupten: Zweck einer Firma sei es möglichst viel Gewinn zu machen. Ich meine: Zweck und Grundlage einer Firma ist es für Andere einen Dienst zu erbringen, welche dies Antworten


Urs Burki

23.12.2008, 09:52 Uhr
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"Aber nur in der Schweiz gelingt es ihnen, selbst dann noch die Politik daran zu hindern, ihre Staatshilfe an Bedingungen zu knüpfen." Wie wahr. Dies ist aber auf die breite Akzeptanz der Bevölkerung zurück zu führen. Jegliche (auch noch so zwielichtigen) Machenschaften der Banken werden mit Verve verteidigt, da ist es ein Leichtes für die Banken die Politik zu manipulieren. Antworten


klaus dieter

23.12.2008, 09:07 Uhr
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danke für diesen tollen artikel, das beste, was ich seit langem gelesen habe+++ besonders im marketing wird man oft mit schwülstigen worthülsen konfrontiert - wobei sie das eigentliche problem darstellen: komplizierte sachverhalte auf das wesentliche, den kern zu reduzieren, ist dadurch politisch (im unternehmen) zu riskant. so entstehen 2h meetings, die von weiteren 2h meetings verfolgt werden... Antworten



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