Kultur

Müller über ihren SS-Vater: «Sein Tod war der Tod einer Krankheit»

Von Norbert Raabe. Aktualisiert am 09.10.2009 1 Kommentar

Von ihrem ersten Buch an war die Gewinnerin des Literatur-Nobelpreises bedrängt von grossen und kleinen Diktatoren. Nichts Neues für eine Frau, deren Vater ein SS-Soldat war – mit dem sie öffentlich abrechnete.

Liess sich vom Literaturbetrieb nicht weichspülen: Schriftstellerin Herta Müller bei der Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung  im Jahr 2004.

Liess sich vom Literaturbetrieb nicht weichspülen: Schriftstellerin Herta Müller bei der Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung im Jahr 2004.
Bild: Keystone

Ein ungewohnter Glanz überstrahlt die Autorin mit dem Namen, der so hausbacken tönt wie Graubrot: Herta Müller ist weltweit berühmt, nachdem sie über viele Jahre vorrangig Literaturkennern ein Begriff war. Wer im breiten Publikum kannte schon Werke wie «Niederungen» oder «Herztier»? Und wer wusste schon, dass die Frau mit dem herben Lächeln recht unangenehm werden konnte, wenn es gegen die Unterdrücker ging – ob in der grossen Politik oder im kleinen Kreis.

Einen Eindruck davon bekam schon der Oberbürgermeister von Darmstadt im Jahr 1987, als der Gewinner des Georg-Büchner-Preise, Erich Fried, die Stadt wegen eines skandalösen Vorfalls bei einem Roma-Treffen kritisierte. Der Politiker konterte später mit einer Gegenrede, doch wurde auch von Herta Müller «atemlos empört ob seiner «Säuberungspolitik» heruntergeputzt», wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb.

SS-Vergangenheit des Vaters als Erbe

Mit menschenfeindlichen Mächten steht Herta Müller, die am 17. August 1953 in Nitzkydorf geboren wurde, schon aus familiären Gründen auf dem Kriegsfuss. Dass ihr Vater bei der SS war, hat sie nie verheimlicht. Im Gegenteil: Sie verstand dieses Erbe als Antrieb für ihr Schreiben – und rechnete mit dem Mann ab, der nach ihrer Darstellung jähzornig und brutal war.

«Er ist in der SS gewesen, nach dem Krieg ins Dorf zurückgekehrt, hat geheiratet und mich gezeugt. Der Tod meines Vaters war der Tod einer Krankheit», zitierte die «Welt» Herta Müller.

Vom ersten Roman an unter Druck

An Courage hat es der leidgeprüften rumänisch-deutschen Schriftstellerin in der Folge nie gemangelt. Sie begann ihr Berufsleben als Übersetzerin in einer Maschinenbaufabrik – und weigerte sich schon damals, für den rumänischen Geheimdienst zu arbeiten. Und ihr erstes Buch mit dem Titel «Niederungen» sollte in ihrer «ersten» Heimat zensiert werden – woraufhin sie sich nach eigenen Angaben entschloss, nicht mehr in Rumänien zu veröffentlichen. Selbst als Deutschlehrerin wurde sie unter Druck gesetzt, bis sie mit ihrem Mann in die Bundesrepublik Deutschland floh.

Geprägt von solche Erfahrungen schrieb sie in den Jahren 1992 bis 1997 ihre Romane «Der Fuchs war damals schon der Jäger», «Herztier» und «Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet», die von der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» als «Trilogie» über den Alltag in einem Überwachungsstaat beschrieben wurden.

Konsequent auch gegen DDR-Diktatoren

Folgerichtig setzte sie sich nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der DDR konsequent für die Bestrafung von Tätern und auch Trittbrettfahrern ein, sprach sich dezidiert gegen Nachgiebigkeit aus – und verweigerte sich der «Toleranz» unter den Schriftstellern.

Die Vereinigung der deutschen PEN-Zentren lehnte sie ab und trat deshalb im Jahr 1997 aus dem westdeutschen PEN aus. Nach Bekanntgabe der Nobelpreisverleihung nannte der Generalsekretär des P.E.N.-Zentrums Deutschland, Herbert Wiesner, die Wahl eine «grossartige Entscheidung». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.10.2009, 16:24 Uhr

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1 Kommentar

Hedwige Hoechli

09.10.2009, 14:07 Uhr
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Dies finde ich mutig und zugleich richtig diese Frau geehrt zu haben. Herta Müller ist sich als weiblich gebohrene stark und scharfsinnig treu geblieben. Ein bravo an Herta Müller, dort , in dem Land, wo sie hineingeboren wurde, in diesen harten Alltag überlebt zu haben ohne, dass man ihr den Geist gebrochen hätte. Mir wohl bekannt der Banat, Geschichte und Leute mit denen ich fühle. Antworten