Mumins

Mutter trotzt dem Weltuntergang

Mit den Mumin-Romanen hat Tove Jansson Generationen von Kindern und Eltern verzaubert. Am kommenden Samstag wäre die Autorin 100 Jahre alt geworden.

Mumins im Dschungel: Blick in die Welt der Tove Jansson.<br /> Foto: © 1954 Benziger-Verlag, Einsiedeln

Mumins im Dschungel: Blick in die Welt der Tove Jansson.
Foto: © 1954 Benziger-Verlag, Einsiedeln

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Tove Jansson hatte die Nase voll: ein philosophisches Streitgespräch zu verlieren gegen ihren Bruder, der demütigenderweise sechs Jahre jünger war als sie! Sie rannte hinaus ins Aussenklo und zeichnete dort «das hässlichste Wesen, das ich mir vorstellen konnte», an die Wand. Darunter schrieb sie «Kant» und «Freiheit ist das Allerbeste». Dieses dünne Wesen mit einer langen, schmalen Nase und einem teuflischen Schwanz sei ihr erster Mumin gewesen, erklärte Jansson später. Es wurde zu einem Teil ihrer Signatur, als sie mit 15 politische Karikaturen zu zeichnen begann.

Aber eigentlich wollte Tove Malerin werden. Sie war in einem Künstlerhaushalt aufgewachsen: Ihr Vater, der Finnlandschwede Viktor Jansson, war Bildhauer; Aufträge erhielt er allerdings nur sporadisch. Auch die in Schweden geborene Signe Hammarsten, genannt Ham, hatte davon geträumt, Künstlerin zu werden. Doch dann lernte sie in Paris Viktor Jansson kennen, heiratete ihn und begann, als Grafikerin zu arbeiten, um die mit der Zeit fünfköpfige Familie durchzubringen. Sie war Illustratorin, Karikaturistin, zeichnete für die finnische Notenbank und wurde die erste professionelle Briefmarkendesignerin Finnlands. Keinen Menschen sollte Tove je so lieben wie ihre Mutter Ham. Und diese ist das unverkennbare Vorbild der Muminmutter.

Eine Gegenwelt zum Krieg

Tove war künstlerisch begabt, aber eine schlechte Schülerin und durfte deshalb mit Erlaubnis ihrer Eltern die Schule abbrechen und mit 16 in Stockholm Kunst studieren. 1933 kehrte sie nach Helsinki zurück, begann weiterführende Studien in der Malklasse des Kunstvereins und ging 1938 für abschliessende Studien nach Paris. Als im Zweiten Weltkrieg ihre Brüder und viele ihrer ehemaligen oder aktuellen Liebhaber an die Front mussten, verlor sie die Freude am Malen. «Das Malen war ja immer schwer», schrieb sie an eine Freundin, «aber jetzt ergibt es überhaupt keinen Sinn, und schuld daran ist der Krieg.»

Um sich zu trösten und eine Gegenwelt zu schaffen, begann sie zu schreiben, auf Schwedisch, so wie sie sprach. Ihre Geschichte handelte vom jungen Mumin und dessen Mutter, die sich auf die Suche machten nach dem verschwundenen Vater. Aus dem hässlichen Wesen, das Jansson einst gezeichnet hatte, waren nilpferdartige weisse Trolle mit rundlichen Nasen geworden.

Auf dem Weg begegneten sie einem blauhaarigen Mädchen, das in einer leuchtenden Tulpe lebte. Jansson selbst verwies darauf, dass dieses Mädchen wohl von der Fee aus «Pinocchio» inspiriert war und dass das Motiv der Vatersuche aus Jules Vernes «Die Kinder des Kapitäns Grant» stammte. Beides waren Bücher, die sie selbst als Kind mit Begeisterung gelesen hatte neben «Alice im Wunderland», «Nils Holgersson» und dem «Dschungelbuch».

Jansson begann ihr Märchen 1939, liess es dann jedoch liegen, bis 1945 ihr damaliger Liebhaber riet, es fertigzuschreiben und zu illustrieren. Das tat sie. Die Federzeichnungen in «Mumins grosse Reise» erinnern an diejenigen von Ernest Shepard für «Pu der Bär». Doch anders als bei Pu gibt es hier wie in den späteren Muminbüchern echte Gefahren: Im Sumpf droht eine riesige Schlange, die Mumins zu verschlingen, dann wird Muminmutter fast von einem Ameisenlöwen gefressen, sie überleben Stürme und Überschwemmungen, aber am Schluss finden sie den Muminvater.

Das eben ist das Geniale an den Muminromanen: In ihrem Freiheitsdrang brechen die Figuren zu lebensgefährlichen Abenteuern auf, aber auch angesichts des drohenden Weltuntergangs in «Komet im Mumintal» gibt es die Möglichkeit der Rückkehr zur Muminmutter, diesem Inbegriff von Ruhe und Wärme. In «Eine drollige Gesellschaft», dem schönsten Muminbuch und damit einem der schönsten Bücher der Welt, finden die Kinder einen Zauberhut. Der kann aus Eierschalen steuerbare Wölkchen machen und aus weggeworfenen Pflanzen einen Dschungel wachsen lassen (unser Bild). Er verwandelt aber auch Mumin in ein Wesen, das niemand wiedererkennt – ausser seiner Mama.

Mit «Eine drollige Gesellschaft» gelang Tove Jansson der internationale Durchbruch. Pech hatte sie allerdings mit den deutschen Übersetzungen: Im katholischen Benziger-Verlag liess man die Mumins vor dem Winterschlaf beten und nahm alle Scherze heraus, mit denen Jansson sich nicht an Kinder, sondern erwachsene Leser wandte. Erst die Neuübersetzungen von Birgitta Kicherer, die seit den Nullerjahren erscheinen, werden den Originalen gerecht.

Die Lebenspartnerin

Soeben ist Tuula Karjalainens Biografie auf Deutsch erschienen. Darin erfährt man, dass Jansson, die sehr viele Lieb­haber gehabt hatte, sich 1946 zu ihrem grossen Erstaunen in eine Frau verliebte. Auch in linken Künstlerkreisen war das damals ein Unding, und mit ihrer geliebten Mutter konnte Tove ihr Leben lang nicht darüber reden. 1955 lernte sie die Künstlerin Tuulikki Pietilä kennen, mit der sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 zusammenleben sollte. Über das respektvolle Zusammenleben der beiden erfährt man sehr viel aus Janssons letztem Buch «Fair Play» (1989), das ebenfalls soeben auf Deutsch erschienen ist.

Man merkt der Biografie an, dass sie von einer Finnin für ihre Landsleute geschrieben wurde: Es wird viel historisches Wissen vorausgesetzt, wir erfahren, wann welche Muminbücher ins ­Finnische übersetzt wurden, wie es mit den Übersetzungen ins Deutsche stand, hingegen nicht. Vorbehaltlos zu empfehlen ist dagegen «Die Tochter des Bildhauers», Janssons erstes Erwachsenenbuch. Es sind psychologisch differenzierte Geschichten über ihre Kindheit, manchmal ins Fantastische verfremdet, und sie zeigen, was Muminfans schon immer wussten: Dass Tove Jansson eine Schriftstellerin von Weltrang ist.

Tuula Karjalainen: Tove Jansson. Aus dem Finnischen von Anke Michler-­  Jahunen und Regine Pirschel. Urachhaus. Stuttgart 2014. 352 S., ca. 52 Fr.

Tove Jansson: Die Tochter des Bildhauers. Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer. Urachhaus, Stuttgart 2014. 128 S., ca. 28.90 Fr.

Die Muminromane sind, übersetzt von Birgitta Kicherer, als Arena-Taschen­bücher lieferbar. Mumincomics gibts bei Reprodukt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.08.2014, 07:25 Uhr

Tove Jansson (1914–2001)

Mumincomics gibts bei Reprodukt.

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