Nicht mal boykottieren

Amazon hat in Frankfurt eine Flatrate auf Bücher angekündigt. Der Onlinehändler machte sich so zum Hauptthema der Buchmesse, die heute zu Ende geht.

Der Auftritt des Internetpioniers: Jaron Lanier (Bildmitte) heute Mittag in Frankfurt, wo ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wird.

Der Auftritt des Internetpioniers: Jaron Lanier (Bildmitte) heute Mittag in Frankfurt, wo ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wird. Bild: Kai Pfaffenbach/Reuters

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Die Buchmessenwoche beginnt stets mit dem Montag, dem Deutschen Buchpreis. Donnerstag schaltet sich die Schwedische Akademie ein, und am Sonntag verleiht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels dann seinen Friedenspreis – heuer an den Internet-Kritiker Jaron Lanier. Dazwischen wird geschäftet und gefeiert, geküsst und gestritten. Für 300'000 Besucher dreht sich ein paar Tage lang alles ums Buch. Oder um eine neue Abrechnungssoftware. Oder das Antipiraterieprogramm Digimarc. Oder um den E-Reader Tolino, der für alle Leseformate kompatibel ist und mit dem der deutsche Buchhandel endlich eine Waffe gegen die Superkrake Amazon gefunden haben will.

Kein Name, nicht Seiler, nicht Modiano, nicht Lanier, fiel so häufig in den Frankfurter Messehallen wie der des Versandhändlers, der punktgenau seine Ankündigung einer Flatrate auch für den deutschen Sprachraum platzierte. Zwar ist das Angebot für deutsche Leser noch nicht wirklich reichhaltig, aber das kann ja noch werden. Jedenfalls drehte sich gefühlt jede zweite Podiumsdiskussion auf der Messe um Amazon und die Frage, ob das Unternehmen die ganze Branche überspülen wird.

Die Sache mit dem Steuersatz

Alexander Skipis, der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, rief laut nach dem Gesetzgeber, ohne allerdings sehr viel konkretere juristisch-politische Massnahmen fordern zu können als eine europäische Angleichung der Mehrwertsteuersätze für E-Books. Natürlich ist es stossend, dass Amazon diese aus Luxemburg «ausliefert» zu einem Steuersatz von 3 Prozent und in Deutschland, wo die Konkurrenten 19 Prozent zahlen, denselben, nämlich gesetzlich fixierten Ladenpreis bekommt. Amazons Erfolg ist aber nicht allein auf dieses Steuergefälle und ähnliche Tricks zurückzuführen, sondern, darauf wies «Wirtschaftswoche»-Redaktor Dieter Schnaas zu Recht hin, auf das umfassende Angebot und die komplette Ausrichtung auf die Wünsche der Kunden (selbst auf Wünsche, von denen diese noch gar nichts wissen).

Es war nicht angenehm zu sehen, wie Skipis, der Vertreter des «Kulturguts Buch», argumentativ gegenüber dem lupenreinen Marktwirtschaftler Schnaas ins Schlingern kam. Richtig – das Kartellamt greift ein, wenn Preise zu hoch sind: Amazon senkt sie aber. Richtig – es gibt wertvolle, schützenswerte Bücher, die es am Markt allein nicht schaffen. Aber einen Schutzzaum um alle Bücher ziehen, bloss weil es Bücher sind? Nun geben auch die Vertreter des klassischen Buchhandels offen zu, dass Amazon ihnen Beine gemacht hat. Nach ein paar Jahren Schockstarre haben sie reagiert, und es zeigen sich erste Erfolge. Immer mehr Buchhandlungen bieten auch einen 24-Stunden-Einkauf online. Man braucht Amazon nicht, wenn man es nicht will; man braucht es nicht mal zu boykottieren.

Nie, niemals!

Entspannungssignale sendet übrigens auch der Versandhändler selbst aus. Amazon und Bastei Lübbe haben sich über die Rabatte bei E-Books geeinigt; auf welche Sätze, bleibt allerdings beider Geheimnis. Solange die Verlage ihre Konkurrenz, eben auch das Geheimwissen um Margen, höher ansetzen als die gemeinsame Front gegen den Händlergiganten, werden sie allerdings immer in der schwächeren Position sein. Und die Autoren? Da gibt es solche und solche. 2000 haben eine Protestnote gegen das «erpresserische» Vorgehen von Amazon gegen deutsche und US-Verlage unterzeichnet.

Viele erklären auf Anfrage, «nie, aber auch wirklich niemals» bei Amazon einzukaufen. Dass ihre Verlage über Amazon gute Umsätze machen, auch mit ihren Büchern, stört dagegen niemanden. Und dann gibt es Autoren wie Nika Lubitsch, die über das Selfpublishing-Programm 400'000 E-Books verkauft hat und sich mit Grausen daran erinnert, wie sie einst bei klassischen Verlagen «Klinken putzte» und dann fünf Prozent Anteil vom Ladenpreis für ein Taschenbuch bekam. «Ich liebe Amazon», sagte sie, und es klang wie der Schlusssatz eines Kitschromans.

Aus 2000 mach 200'000

Nüchterner sieht es Stephan Joss, Verkaufschef bei Hanser: «Amazon ist ein sehr harter Verhandler, aber das sind andere Ketten auch. Wir machen gute Geschäfte miteinander.» Aber Joss ist auch ein «Hanserianer» mit Leib und Seele. Der Verlag mit dem aktuellen Nobelpreisträger – und überhaupt den meisten Nobelpreisträgern im Programm – erklärt noch einmal in drastischen Zahlen, was Mischkalkulation bedeutet: «Von 100 Titeln, die wir machen, verdienen wir mit 5 das Geld, um die anderen 95 machen zu können. Und bei 80 wissen wir sogar vorher, dass sie kein Geld einbringen werden.» Ohne solche Verlage hätte etwa der Buchpreisgewinner Arno Geiger nie eine Chance gehabt. Bevor er den Preis gewann, verkaufte der Verlag von seinen Büchern jeweils 2000 Exemplare. Danach: jeweils 200'000. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 12.10.2014, 12:30 Uhr)

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Jaron Lanier: Die Rede

Der US-amerikanische Internetpionier und Autor Jaron Lanier hat heute in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Seine Preisrede lesen Sie am Montag in der gedruckten Ausgabe des «Tages Anzeigers».

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