«OMG ich bin ein ZAUBERER! Und meine Eltern sind tote ZAUBERER! »
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 11.03.2011
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Alexander Aciman, Emmett Rensin: «Twitteratur»
Weltliteratur in 140 Zeichen; Sanssouci Verlag, München 2011; 206 S.
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Das Werk sorgte bei seinem Erscheinen in Amerika für begeisterte Rezensionen: Weltliteratur auf Twitterformat eingedampft – auch Twitteratur genannt. Für Kulturpessimisten mag dies ein Grund sein, sich endgültig nach einer Sterbehilfe-Organisation ihres Vertrauens umzusehen. Bevor sie aber diesbezügliche Schritte unternehmen, sollten sich gerade Kulturpessimisten mal anschauen, was die beiden heute 20-jährigen Studenten Alex Aciman und Emmett Rensin in ihrem kleinen Büchlein geschaffen haben.
«Das Gegenteil von Literatur»
Zunächst ist Twitter das Gegenteil von Literatur: kurz, oberflächlich, ein- und vergänglich wird da ohne Qualitätskontrolle drauflos produziert – meist ohne Gehalt und Relevanz. Das hat die beiden Studenten jedoch nicht davon abgehalten, sich den ganzen Kanon der Literatur vorzuknöpfen und die wichtigsten Werke in wenigen Tweets zusammenzufassen. Damit erlauben sie sich nicht nur ein Spässchen mit den literarischen Werken selber, sie führen vor allem die seit Jahren beliebte Gattung der «Weltliteratur im Kleinformat» vor, indem sie diese Bemühungen auf die Spitze treiben – womit sie gleich selber wieder ein neues Genre geschaffen haben.
Denn Twitter ist so kurz, dass ein seriöser Anstrich solcher Zusammenfass-Bemühungen sich verbietet. Vielmehr geht es um einen komischen Ansatz: nicht die Werke der Weltliteratur durch Tweets zu ersetzen, sondern die Essenz herauszufiltern und auf 140 Zeichen abzufassen – die extremste Form von Interpretation. Und wie jeder weiss, muss man für eine gelungene Interpretation erst mal den Text kennen – was die Kulturpessimisten wieder ermutigen dürfte. Denn die beiden Autoren verraten in ihren Tweets doch einiges an Kenntnis der verballhornten Bücher. Oder wie es die beiden Autoren ausdrücken: «Das macht Twitteratur so grossartig: grosse Schmöker lachhaft kleinmachen, grossartige Geschichten mit verzerrten Stimmen erzählen.»
Kein Lese-Ersatz
Sie wollten sich über die Grandiosität lustig machen, die absurden Zufälle des Plots sichtbar machen, die Ticks der Protagonisten parodieren – dies sei das Ziel gewesen. Und wie jeder Schreiber weiss: je kürzer die Form, desto pointierter muss die Aussage sein. Insofern ist dieses kurze Büchlein tatsächlich nicht nur ein Sichlustigmachen über Literatur, sondern eine Verbeugung davor. Und die Tweets sind natürlich kein Ersatz für das Lesen der Bücher– ja, sie machen überhaupt erst richtig Spass, wenn man den Inhalt der Bücher kennt.
Hier ein paar Beispiele:
Harry Potter, Band 1:
@NotoriousHP: «Hallo zusammen von unter der Treppe! Tante und Onkel haben mich wieder hier runter gesperrt. Mann, das Leben ist hart.» «Dieser fette Idiot Dudley hat mein Essen geklaut! Ich wünschte, mir würde mal etwas Gutes oder wenigstens Interessantes passieren.» «OMG ich bin ein ZAUBERER! Und meine Eltern sind tote ZAUBERER! Jetzt muss ich in die magische Schule. PEACE BITCHES!» «OMG Hogwarts OMG ich habe zwei Freunde gefunden OMG magisch OMG die Slytherins sind Nazis OMG ein BÖSER ZAUBERER will mich kaltmachen.» «Snape ist doof! Dumbledore ist weise (oder vielleicht schwul?) Voldemort wollte mich umbringen! Konnte auf Besen reiten! Kampf um magischen Stein!» «OMG das Jahr ist vorbei. Die Zeit fliegt, wenn man Spass hat. Und geht langsam, wenn man sieben Bücher voller Adverbien lesen muss.»
Aus Albert Camus «Der Fremde»: «Heavy Atmosphäre, gehe spazieren. Nehme Revolver mit, Araber da unten. Immer noch heiss, betrunken. Guter Mix.»
Emma Bovary sinniert:« Ist es nicht lustig, wie ich immer an Dinge denken muss, an denen mir eigentlich nichts liegt, Leute, die ich nicht mag, und Ehen, die ich nicht eingehen will?»
Oder Hamlet: «WTF Was macht Polonius hinter dem Vorhang?»
Natürlich verraten diese Tweets nicht nur etwas über die Werke, die sie zusammenfassen beziehungsweise parodieren, sondern mehr noch über ihre Schöpfer, zwei heute 20-Jährige amerikanische Studenten. Genau das macht sie aber auch so unterhaltsam. Und nicht nur das, es ist eine Steilvorlage für weitere Autoren, ihre Twitter-Version der grossen Werke der Weltliteratur feilzubieten. Auf weitere Meisterwerke auf Twitterformat gekürzt, sind wir jedenfalls gespannt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.03.2011, 11:48 Uhr
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