Kultur

«Oft ist Toleranz nur ein anderes Wort für Feigheit»

Von Hannes Nussbaumer. Aktualisiert am 01.07.2011 19 Kommentare

Thomas Hürlimann, Schweizer Schriftsteller mit Wohnsitz Berlin, vermisst in seiner Heimat die Kraft der Mitte. Den Weg in eine positive Zukunft könnten die Secondos weisen.

Kämpfer gegen die Leerstellen in Politik und Gesellschaft, in Geschichte und Mythen: Thomas Hürlimann.

Kämpfer gegen die Leerstellen in Politik und Gesellschaft, in Geschichte und Mythen: Thomas Hürlimann.
Bild: Keystone

Autor, Denker, Schweizer

Er ist eine der kräftigsten Stimmen der Schweizer Literatur: Thomas Hürlimann, geboren 1950 in Zug. Der Sohn von CVP-Bundesrat Hans Hürlimann hat sich in seinem Schaffen immer wieder mit der jüngeren Schweizer Geschichte sowie mit der katholischen Welt auseinandergesetzt, der er entstammt. Mehrere seiner Werke erregten grosses Aufsehen, so «Fräulein Stark», «Vierzig Rosen» oder «Der grosse Kater». Letzteres wurde mit Bruno Ganz in der Hauptrolle verfilmt. Die beiden jüngsten Werke Hürlimanns sind der Essayband «Der Sprung in den Papierkorb» sowie «Dämmerschoppen».Hürlimann lebt in Berlin, äussert sich aber regelmässig zum politischen Geschehen in der Schweiz. Viel Zuspruch erfuhr er für das von ihm bearbeitete und von Regisseur Volker Hesse inszenierte Einsiedler Welt-theater. Es wurde 2000 und 2007 aufgeführt. Am kommenden 5. Juli hat ein weiteres Bühnenstück Hürlimanns Premiere. Die Klosterspiele Wettingen führen «De Franzos im Aargau» auf. Regie führt wiederum Volker Hesse (www.klosterspiele.ch).

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Mit dem «Franzos im Aargau» hat demnächst ein Stück von Ihnen Premiere, es spielt in der Zeit der napoleonischen Besetzung. Warum soll uns diese Zeit interessieren?
Es war damals eine Zeitenwende, eine Epochenwende. Über Nacht wurde im Schweizer Münzwesen das Dezimalsystem eingeführt, die alten Masse galten nicht mehr. Es war ein wilder Sprung in die Welt hinein.

Die Globalisierung macht auch uns Heutigen zu schaffen.
Ja, wir müssen uns in einer neuen Epoche neu definieren wie die Eidgenossen 1798 beim Einmarsch der napoleonischen Truppen. Das Neue zu akzeptieren, fällt schwer, denn heimisch sind wir immer nur im Konkreten, das heisst im «Gewachsenen». Ernst Jünger hat gesagt: «Auf einer Kugel ist jeder Punkt ein Mittelpunkt.» Es geht darum, in der globalen Welt unseren Punkt zu retten.

Was können wir von unseren Vorfahren lernen, die damals die Epochenwende bewältigt haben?
Seit den Söldnerzeiten ist die Schweiz international vernetzt. Allerdings gehen wir mit diesen günstigen Verbindungen nicht selbstbewusst um, sondern defensiv und ängstlich.

Sie wünschen sich von der heutigen Schweiz mehr Selbstbewusstsein?
Ja. Anders als die Schweizer Wirtschaft ist unsere Politik nach innen gerichtet. In den letzten Jahrzehnten betrieb man in Bern hauptsächlich Innenpolitik. Zur Zeit der Raubgoldaffäre war ich als Gastprofessor an einem College in den USA, in New Hampshire. Mit Entsetzen stellte ich fest, dass es den Schweizer Politikern, die sich im Berner Parlament zur Affäre äusserten, ganz offensichtlich nicht bewusst war, dass sie in den USA über die Fernsehsender liefen. Sie sprachen immer nur zu den Schweizern – das war ein Teil des Desasters. Als ich den damaligen Schweizer Generalkonsul in New York, Alfred Defago, besuchte, fand ich ihn in grosser Not vor. Er versuchte seit Tagen, nach Bern zu melden, was in den USA abging, aber niemand nahm seine Telefonate, Telegramme, Faxe entgegen. Er bat mich, in seiner Wohnung die Faxrollen auszuwechseln und setzte sich in ein Flugzeug. Ich habe Dutzende von Rollen eingelegt. Schwitzend sass ich vor diesem Apparat und dachte: Es ist unglaublich, dass in Bern kein Mensch wahrhaben will, in welch brandheisser Situation unser Land steckt. Die Sensibilität für die Aussenwelt ist uns abhanden gekommen.

Warum verloren wir die Sensibilität?
In seinen Anfängen war der Bundesstaat umgeben von lauter Kaiserreichen. Jene Schweiz, ich nenne sie die Gottfried-Keller-Schweiz, hat sich als radikale Demokratie verstanden. Und sie hat gesagt: Jeder Verfolgte ist uns willkommen. Denn von jedem können wir etwas lernen. Das führte dazu, dass Bakunin im Tessin eine Anarchistenschule unterhalten, dass Lenin in der Zürcher Zentralbibliothek seine Hegel-Studien betreiben, dass Joyce einen Teil des «Ulysses» in Zürich schreiben und dass sich im Niederdorf der Dadaismus entfalten konnte. Die literarische Weltspitze lebte in der Schweiz. Denn hier durfte man denken, sagen, schreiben und publizieren, was man wollte. Die Schweiz hat von dieser Freiheit unglaublich profitiert. Doch damit war 1918 Schluss. Als die Spanische Grippe über das Land hereinbrach, entstand die Furcht, das Böse komme von aussen – wie die Viren. Später kamen die Nazis auf und gaben dieser Furcht neue Nahrung. Da begann die Abschottung. Um es mit Nietzsche zu sagen: Man richtete die Nüstern nach innen. Und das ist gefährlich. Weil man dann den Arsch zur Welt hat. Und dann kann es eben sein, dass man in diesen Arsch getreten wird.

Sehnen Sie sich zurück nach der Schweiz Ihrer Kindheit?
Meine Kindheit fiel in eine regressive Phase des Landes. Man war heil durch den Zweiten Weltkrieg gekommen, bürgerliche und religiöse Werte hatten sich bewährt. Als ich in Zug Ministrant war, gab es zwei Kirchen in der Stadt, beide waren am Sonntag brechend voll, und nach der 1.-August-Rede hat die ganze Stadt den Schweizer Psalm gesungen, alle mit Tränen in den Augen. Franz Schnyders Gotthelf-Verfilmungen oder die schönen Kino-Erzählungen von Kurt Früh geben ein treffendes Bild von diesem Land im Landigeist.

Eine Idylle?
Zug war ein im Biedermeier blühendes Städtchen, in dem man sich nicht unwohl fühlte. Doch im Religiösen wie im Sexuellen herrschte Unterdrückung. Als die schöne junge Martha Christen am Landsgemeindeplatz eine Bar eröffnete, wetterte Stadtpfarrer Stäuble von der Kanzel herab, die Bar müsse verboten werden – und jeder, der sie betrete, sei ein übler Sünder. So einen Pfarrer wünsche ich mir nicht zurück, aber ich freue mich nicht über die Leere der Gotteshäuser, im Gegenteil. Diese Leere macht mir Angst. Eine Gesellschaft ohne Religion, das heisst, ohne eine Bindung ans Metaphysische, ist verloren.

Wuchsen Sie im Bewusstsein auf, als Katholik, als Kulturkampfverlierer, ein Schweizer zweiter Klasse zu sein?
Im Zug der Fünfzigerjahre war bei der Landis & Gyr das gesamte obere Kader mit Protestanten besetzt. Die Arbeiter hingegen waren katholisch. Der Katholizismus, eine Magnana-Religion südlichen Zuschnitts, hatte gegen die protestantische Leistungsethik keine Chance. Bei uns zu Hause bügelte Frau Luthiger die Wäsche. Zu meiner Mutter sagte sie, sie gehe ungern zu Katholiken, weil diese nur einmal in der Woche baden würden. Da hatte sie nicht ganz unrecht. Der Kulturkampf war zwar vorbei, aber die Welten blieben getrennt – auf der einen Seite die Katholiken, die länger in den Beizen hockten, fröhlicher und etwas schmutziger waren, auf der andern die fleissigen, täglich duschenden Protestanten.

Eine prägende Erfahrung?
Ja. Sie beeinflusst mein Denken bis heute: Ich bin für klare Trennungen, für Differenzen. Ich halte es für gefährlich, wenn man sich nicht mehr zu sagen getraut: Das gehört hierhin, jenes dorthin, dazwischen verläuft die Grenze. Denken heisst: unterscheiden. Und gerade jene Jahre zeigen, dass die beiden Konfessionen, obwohl oder weil sie noch sehr spezifisch, sehr verschieden waren, gut neben- und miteinander leben konnten. Heute duschen ja alle. Wir haben unsere Gerüche verloren.

Die beiden Parteien, die diese Welten verkörperten, die FDP und die CVP, werden schwach und schwächer. Empfinden Sie Wehmut?
Vor mehr als zwanzig Jahren schrieb ich in der «Weltwoche»: «Die Zukunft der CVP besteht in der Organisation ihrer Beerdigung.» Das nahm mir ein Onkel mütterlicherseits derart übel, dass er bei einem Familienanlass, an dem auch Alt-Bundesrat Kurt Furgler teilnahm, diesen davon abhalten wollte, mit mir zu reden. Furgler liess sich den Satz referieren und meinte dann zum fassungslosen Onkel: «Zu meiner Zeit hätten wir so einen zum Parteisekretär gemacht.» Schauen Sie sich einmal das Gespräch an, das Kurt Furgler und Max Frisch am Fernsehen geführt haben. Zwei Intellektuelle kreuzen auf höchstem Niveau die Klingen – grossartig!

Sie trauern der CVP nach?
Ich vermisse alle drei Parteien der Mitte, auch den Freisinn und die SP. Nach Franz Steinegger bei der FDP und Helmut Hubacher bei der SP kamen die Ideologen. Ideologen haben mit der Mitte nichts im Sinn, sie tendieren zu radikalen Positionen. Übernehmen sie den Karren, fahren sie ihn früher oder später an die Wand.

Wo sehen Sie die Hauptprobleme der Mitteparteien?
Sie sind ihrem Erfolg zum Opfer gefallen. Alle drei haben ihren Auftrag erfüllt. Der Freisinn hat unseren Staat geschaffen, eine historisch einmalige Leistung. Die CVP hat dafür gesorgt, dass auch ein Katholik bei der Artillerie Offizier werden darf. Die SP hat die Arbeiterklasse ins Bürgerliche transferiert. Das heisst, der klassische Arbeiter, der ohne zu fragen die Sozialdemokraten wählt, existiert nicht mehr. Und leider haben es alle drei Parteien verpasst, sich eine neue Aufgabe zu stellen.

Ohne starke Mitte kein gesundes Land?
Genau. Eine Demokratie lebt aus der Mitte. Wenn die Mitte zur Leerstelle wird, übernehmen die Flügel, sprich die Ideologen – und dann gute Nacht!

Sehen Sie diese Entwicklung nur in der Schweiz?
Keineswegs. Nehmen wir Italien: Da hatte früher jedes Dorf seinen Don Camillo und seinen Peppone. Die Mitte war austariert. War die eine Stadt kommunistisch, gehörte die andere den Christdemokraten. Als wir unsere ersten Reisen nach Italien unternahmen, im Ford Taunus 17 M, steuerte der Vater seine ängstlich zitternde Familie im Höchsttempo an Bologna vorbei: «Diese Stadt ist in kommunistischer Hand. Bloss weg hier!» Dann ist den beiden Parteien die Luft ausgegangen wie Ballons, und ein ehemaliger Entertainer auf Kreuzfahrtschiffen begriff als Erster: Die Leere muss gefüllt werden. Dieser Mann, Berlusconi, konnte sie zumindest verdecken – mit seinen Fernsehbildern und mit dem Erfolg seines Fussballklubs. Oder nehmen Sie Deutschland. Schröder, ein kluger Stratege, hat die Mitte als Letzter besetzt und so die wirtschaftlichen Erfolge herbeigeführt, die heute halb Europa durchfinanzieren – bis er von den Ideologen seiner eigenen Partei abserviert wurde. Seither triumphiert in Deutschland die Ideologie. Denn die Deutschen sind Ideologie-affin, und das Schlimme ist: Sie verschreiben sich immer nur einer Ideologie. Eine Zeit lang waren von rechts bis links alle multikulti, jetzt sind alle grün. Alle. Mit Demokratie hat das nichts mehr zu tun.

Sehen Sie Anzeichen, dass wir auf dem Weg dorthin sind?
Die Telekratie fegt die Mitte leer. Im Fernsehen sind polare Meinungen spannender. Aber nur im Fernsehen, in der Politik führt das in den Untergang. In Einsiedeln habe ich oft erlebt, wie es am Stammtisch nach einer «Arena»-Sendung hiess: «Bei Blocher weiss man wenigstens, woran man ist.» Dieser Satz ist richtig, aber das politische Tagesgeschäft verlangt differenzierte Beurteilungen und die Bereitschaft zum Kompromiss.

Wenn man Ihnen zuhört, so entsteht der Eindruck: Der Schweiz fehlt es an einer Mission, an einem identitätsstiftenden Fundament.
In meiner Jugend bestand der Geschichtsunterricht aus den Schlachten der alten Eidgenossen. Nach 68 fand man das lächerlich. Also wurden die Nationalhelden abgeschafft. Winkelried war plötzlich ein Trottel, Tell ein Feigling, Bruder Klaus ein Psychopath. Schön und gut, nur entstand stattdessen nichts Neues. So hinterliessen die demontierten Mythen eine Leerstelle, Denkmalsockel ohne Denkmäler. Ähnliches passiert, wenn man, wie seinerzeit die Zürcher, den Flughafen Kloten in «Unique» umtauft. Dieser Schildbürgerstreich ist so absurd wie exemplarisch: Man will einen Ort – in diesem Fall einen Flughafen – ins Globale versetzen und löst ihn ab von der Landessprache. Doch indem man einen Ort vom Ort löst, lässt man ihn verschwinden.

Nun ist die Sache mit dem Flughafennamen ja tatsächlich zum Lachen. Aber ist sie auch schon ein nationales Desaster?
Für sich genommen nicht, aber wenn sich die Leerstellen häufen, wächst die Wüste. Früher hatten die SBB als Signet das Schweizer Wappen. Heute haben sie irgendwelche Pfeile, die in entgegengesetzte Richtungen zeigen wie ein verrückt gewordener Wegweiser. Ein Bähnli mit diesem Signet könnte geradeso gut in Ouagadougou herumtuckern.

Empfinden Sie diese Leereals Begleiterscheinung der Epochenwende, in der Sie die Schweiz sehen?
Vermutlich ist der Auflösungsprozess eine Folge der Globalisierung, ja. Früher gab es zwei feste Machtblöcke, den Westen und den Osten, Kapitalismus und Kommunismus. Es gab Nationalstaaten mit Grenzen und einer eigenen Geschichte. Dann kam Tschernobyl, dann das Internet, und der Eiserne Vorhang ist auch weg. Allerdings stellt sich die Frage: Sind die Grenzen tatsächlich verschwunden? Auf einem Flughafen werden Sie heute extremer kontrolliert als früher am DDR-Zoll. Und in Berlin werden immer mehr ummauerte Wohnanlagen gebaut, mit Pförtner und Videoüberwachung.

Sind Grenzen ein Mittel gegen die Leere?
Zumindest müssen wir die heute unsichtbar gewordenen Grenzen ins Sichtbare holen, wenn wir uns dem Sog der Leere entziehen wollen. Es ist ja so: Jede Definition, jede Bestimmung ist eine Eingrenzung, eine Abgrenzung gegen anderes. Deshalb mochten Kant und Goethe den Begriff der Toleranz nicht. Wer denkt, muss auch das Inhumane denken, sonst kommt er nirgendwo hin. Toleranz passt gut in die Political Correctness, aber Denken kann man nicht damit, und wer nicht denkt, unterdrückt das Humane in sich. Oft ist Toleranz nur ein anderes Wort für Feigheit. Oder für die Unfähigkeit, sich selber zu definieren, sich selber zu behaupten.

Müssen wir intolerant sein?
Von Afrika kommen die Boote, randvoll mit Flüchtlingen. Wie reagieren? Sage ich: Soundso viele lassen wir an Land, soundso viele schicken wir zurück, nehme ich eine Selektion vor – wie der KZ-Arzt Mengele auf der Rampe von Auschwitz. Sage ich aber: Kommet alle zu uns, wir freuen uns auf euch, trage ich auf obszöne Weise mein Gutmenschentum vor mir her – wie jüngst die Pastoren auf dem deutschen protestantischen Kirchentag.

Sie weichen aus.
Meine Antwort gibt Volker Hesses Inszenierung des «Franzosen». Ein Stück ist zum Glück klüger als sein Autor. Indem Hesse die Positionen zuspitzt, macht er klar, dass es unmöglich ist, rein ideologisch oder moralisch auf solche Fragen zu reagieren. Da hilft uns nur eine klare Benennung der Fakten und eine abwägende, von Fall zu Fall entscheidende Politik aus der Mitte.

Es gab eine Zeit, da wurde in der Schweiz der «Diskurs in der Enge» geführt. Sind Sie nicht dankbar, dass Grenzen abgebaut wurden?
Als Paul Nizon den Diskurs lancierte, war das ein hübsches Zu-spät. Der Diskurs wurde zu einer Zeit geführt, als Frisch und Dürrenmatt Weltautoren waren und die Schweizer wie verrückt zu reisen begannen. Dieser Diskurs, der eigentlich gegen das Schweizerische polemisieren wollte, war schweizerischer als ein Globi-Buch. Es war gewissermassen der Globi für helvetische Intellektuelle. Lächerlich daran ist, dass sich dieser Globi-Diskurs als modern empfand und gegen eine gesellschaftliche Enge anrannte, die gerade dabei war, sich zu verflüchtigen. Heute müsste man den Diskurs umgekehrt führen: Wie stellt man in der diffusen Weite so etwas wie Enge her? Wie kann man auf der Kugel seinen Standort als Mittelpunkt begreifen?

Sie haben Sehnsucht nach der Enge?
Ich bin ein Liebhaber von stillen Bibliotheken und alten Schiffen. Wenn alle schlafen, steigt der Kapitän auf die Brücke und sieht zu den Sternen hoch. Unseren Kurs können wir nur aus dem Transzendenten bestimmen, nie aus uns selbst. Ich bemühe mich, zwischen den ewigen Ideen und meinem Dasein eine Verbindung zu schaffen. Auf dieser Linie bin ich zu Hause.

Denken Sie anders über die Schweiz, seit Sie in Berlin leben?
Ich bin im Ausland schweizerischer geworden. In Deutschland politisiert man strikt von oben nach unten – was unten ist, zum Beispiel ein Schulhof, der für die Lehrer lebensgefährlich ist, interessiert hier niemanden, dafür haben sie gar keine Zeit, sie müssen ja die Welt oder das Klima retten. In der Schweiz ist das Gegenteil der Fall. Hier ist die Gemeinde das Wichtigste, was wiederum zur Folge hat, dass sich niemand für die Aussenpolitik interessiert. Beide Systeme haben ihre Nachteile.

Aber das Schweizerische gefällt Ihnen doch ein bisschen besser?
Ja, ich bin ein eingefleischter Demokrat, der immer froh ist, wenn nicht allzu viele an die Urne gehen. Bei geringer Beteiligung fallen die Abstimmungsresultate in der Regel weitsichtiger aus. Eine interessierte Minderheit trifft die Entscheide, die dann einer trägen Mehrheit zugute kommen.

Sie sind in Berlin gegenüber der Schweiz wohlwollender geworden?
Wohlwollender, auch trauriger. Ich stelle immer wieder fest, dass die Schweizer ihre Heimat leichtfertig preisgeben. Die Mythen, die Literatur, die Geschichte – man glaubt darauf verzichten zu können. Hier im Berliner Osten wohne ich unter Leuten, die eines Tages feststellen mussten, dass es ihr Land, die DDR, nicht mehr gab. Sogar jene, die damals ihre Probleme mit dem Staat hatten, leiden heute an einem Verlustgefühl. Als ich Kind war, haben mir die italienischen Gastarbeiter leid getan, die am Sonntag zum Bahnhof gingen, um den nach Süden rauschenden Zügen nachzusehen. Heute bin ich selber einer, der am Sonntag zum Bahnhof geht, um die Züge nach Süden fahren zu sehen. Heimat ist ein kostbares Gut.

Wird die Schweiz aus der Leere finden?
Ich bin zuversichtlich – und zwar aus historischen Gründen. Napoleon hat nach der Schlacht von Beresina zu seinen Generälen gesagt: «Messieurs, greifen Sie mit Schweizern niemals an. Sie sind zur Verteidigung geboren.» Das ist so. Wir sind ja ein bisschen langsam. Wir haben den Bergschritt in uns. Dafür fehlt uns die Begabung zur Beschleunigung. In einer Zeit, in der sich alles beschleunigt, ist dieser Mangel unser Glück. Im Bergschritt nimmt man auch steile Passagen.

Haben wir das politische Personal, das beim Aufstieg vorangeht?
Meine Generation hat einen schlimmen Fehler gemacht. Anno 68 kam der Slogan von der Aussenparlamentarischen Opposition auf. Wer in den Gemeinderat ging, wurde ausgelacht. An diesem Syndrom leidet die Schweiz bis heute. Aber das lässt sich korrigieren. Noch hat das Land eine gut ausgebildete Jugend – mit einem grossen Secondo-Anteil. Die Secondos haben nicht vergessen, weshalb ihre Grosseltern oder Eltern aus verarmten Gegenden Italiens oder aus dem vom Krieg versehrten Jugoslawien in die Schweiz eingewandert sind. Das heisst, anders als die Alteingesessenen haben sie ein historisches Bewusstsein. Also schlägt nun die Stunde der Neo-Schweizer. Sie sind gefordert, sie müssen es machen, wie in den Gründerjahren unseres Staates. Damals gingen die Klügsten und die Mutigsten in die Politik, um inmitten der Kaiserreiche eine radikale Demokratie zu schaffen. Es könnte spannend sein, dieses Projekt neu zu lancieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2011, 19:50 Uhr

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19 Kommentare

Patrick Guggisberg

01.07.2011, 09:10 Uhr
Melden 14 Empfehlung

Ein ausgezeichnetes Interview. Antworten


Roland Tellenbach

01.07.2011, 08:11 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Bravo, einfach nur Bravo! Endlich eine kluge Analyse, ohne die sattsam bekannten gegenseitigen Schuldzuweisungen und Anschreiereien! Respekt! Antworten