Pingpong statt Politik

Die kesse und ungeschönte DDR-Erinnerung «Kinderland» des Berliner Comic-Stars Mawil hat den Preis für den besten deutschsprachigen Comic erhalten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die «Tischtenniskelle», wie sie hier genannt wird: Sie ist das Distinktionsmerkmal, das Objet du Désir, das Ding, für das man seine liebsten Schätze eintauscht wie zum Beispiel Kassetten mit Westmusik; sie ist der Traum, für den man schnorren und schmeicheln und schachern geht. Zumindest dann, wenn man ein Bub ist in der DDR, kurz vor der Wende. Für den richtigen Schläger, der fetzt und nicht klebt, der hart auf die Bälle haut, aber nicht schwer in der Hand liegt, zieht man sich sogar die verhasste Pionieruniform an, geht Klinken putzen und macht auf «Altstoffsammlung für Nicaragua».

Doch wenn besagter Bub, der mittlerweile ein Mann ist und ein grosser Comic-Artist ausserdem, rückblickend davon erzählt, wird diese ganze DDR-Tristesse mit ihren Tauschhandelstricks und Schwarzhandelsuniversen ein Witz zum Kaputtlachen. Aber auch zum Reparieren, also zum Mitgefühl-Haben: Mawil, 1976 als Markus Witzel in Ostberlin geboren, hat nach sieben Jahren Pause endlich wieder ein richtig dickes Comic-Buch vorgelegt. Es ist nicht nur fett, es ist auch fantastisch, eine kesse, autobiografisch grundierte Geschichtsstunde im Funnies-Look, aber mit einem feinen Sensorium für die Verzweiflungen eines 13-Jährigen. Der Titel könnte denn auch treffender nicht sein als eben «Kinderland».

Gesinnungspolizisten und Spitzel

Jetzt hat diese Reise zu den letzten, sozusagen den greisen Tagen der DDR den Max und Moritz-Preis für den «Besten deutschsprachigen Comic» am Comic-Salon in Erlangen erhalten. Dass der Titel «Kinderland» doppeldeutig ist, versteht sich beinahe von selbst. Die Coming-of-Age-Story aus dem deutschen Arbeiter- und Bauernstaat berichtet, völlig unaufdringlich und immer schön in der – beinah – unpolitischen Perspektive des Halbstarken verharrend, vom Lebensgefühl in einem Staatsgebilde, das seine Bürger wie Spielgruppenkinder behandelt und nicht an schwarzer (pardon: roter) Pädagogik spart.

Dieses Gebilde ist komplett durchreglementiert, straff organisiert, hat offen eine Gesinnungspolizei installiert und heimlich Spitzel in die Gesellschaft infiltriert. Da muss der Bürger ja einfach zum Trickser, Lügner und Schlaumeier werden, der seinem Vater Staat so manchen Streich spielt.

Man lässt etwa den eingeschmuggelten, verstohlen gelesenen «Spiegel» schnell unter einem Stapel «Neues Deutschland» verschwinden, wenn jemand den Raum betritt – besonders dann, wenn man sich, wie Mircos Schreckenslehrerin, stets als Hundertfünfzigprozentige ausgibt, die selbst ein Tischtennistournier beim Pioniergeburtstag für eine Blasphemie hält. Der Gang zum Religionsunterricht wiederum wird von Mirko locker als der zum Klavierunterricht kaschiert. Ein Augenzwinkern zwischen Mutter und Sohn genügt.

Der schwächliche Pausenhof-Versager

Von den grossen Grausamkeiten der Diktatur «des Volkes» weiss deren kleiner Bürger Mirco freilich nichts; und deshalb kann auch sein «Kinderland», seine Kindheit in Ostberlin, nichts davon wissen. Nur da und dort zieht eine Ahnung der echten Not und der Verfolgungen mancher Mitbürger auf. Aber gerade dass der schwächliche Pausenhof-Versager – der mit seiner Brille, seinen guten Noten und seinem Heulsusen-Image an den nervtötenden Agnan aus «Le petit Nicolas» erinnert – mit seinem Herzklopfen und seinen Hormonschüben so mitten drinsteckt im Erwachsenwerden, wie es überall stattfindet, holt auch den Leser ohne Ossi-Vergangenheit ab.

Zudem ärgert sich Mirco mit seiner Dreikäsehoch-Schwester herum, auf die er Rücksicht nehmen muss; er ringt um seinen Stand im «Klassenkollektiv» und an der Schule überhaupt; und die Mädchen, die sind sowieso ein sehr schwieriges Kapitel für sich. Aber so diffizil sich dieser Rite de Passage für Mirco gestaltete, so eingängig gestaltet ihn sein Schöpfer: mit einem klar durchstrukturierten, dreigliedrigen Seitenaufbau, mit schlichten Panels und pfiffigen Wechseln zwischen der gelegentlichen Splashpage in Schwarz-Weiss und einer ansonsten kinderbunten Comic-Farbwelt, die einen Firnis der Fröhlichkeit übers DDR-Grau legt, so, wie es die Parteileitung sich gewünscht hat. Aber es ist ein Firnis mit Rissen. Und ein Comic mit Ironien. Wie Mirco sich allmählich zum Pingponghelden der Schule spielt und dann kreuzunglücklich ist, dass ausgerechnet am Tag des Tourniers die Mauer fällt und er mit seiner Familie in den Westen muss: Diese postpolitische oder besser präpolitische Posse ist einfach «knorke».

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.07.2014, 15:08 Uhr

Mawil: Kinderland. Reprodukt. Berlin 2014. 300 S., ca. 45 Fr.

Artikel zum Thema

Der Anti-American-Dream

Chris Ware spielt in seinem Comic «Jimmy Corrigan» unerbittlich die Drögheit des Daseins durch. Die deutsche Übersetzung des preisgekrönten Werks wurde nun mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet. Mehr...

Am Anfang war die Party

Audio-Slideshow Ein prächtiger neuer Comic taucht in die Anfänge des Hip-Hops ab. Wir kombinieren die Bilder mit dem passenden Sound. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Weekend-Abo für 1.- testen

Unter der Woche Zugang auf das digitale Angebot, am Wochenende die Zeitung im Briefkasten. Jetzt testen.

Die Welt in Bildern

Zusammenhalt: ein Paar hält Händchen während einer Strassenblockade in Caracas, um gegen dir Regierung zu protestieren (24. April 2017).
(Bild: Ariana Cubillos) Mehr...