Preiszerfall bei Gedichten

Die Lyrik der finnischen Avantgarde lässt sich dank einer neuen Reihe entdecken. Sie reicht von zart bis verrückt und nihilistisch.

Scharfäugiger- und züngiger Modernist: Henry Parland. Foto: wikimedia

Scharfäugiger- und züngiger Modernist: Henry Parland. Foto: wikimedia

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Finnische Autorinnen haben ein Problem. Es heisst Edith Södergran. Die Spätromantikerin, die 1923 an Tuberkulose starb, prägt das Bild der Schriftstellerin in Finnland schlechthin. Dazu der Shootingstar Riikka Pulkkinen: «Eine Autorin muss an einer langen, verzehrenden Krankheit leiden und Poesie schreiben – diesen Mythos werden wir nicht los. Wenn wir mit über 30 noch leben, sind wir nicht glaubhaft.»

Edith Södergran schrieb auf Schwedisch – neben den Sprachen der indigenen Sami eine der Minderheitensprachen Finnlands. Mit grossem Einfluss. Das zeigt die Kassette des Kleinheinrich-Verlags: fünf Autoren der Moderne, dazu ausführliche Einführungen. Edith Södergran ist natürlich dabei – ein zartes Mädchen, besessen von einem Genius, der sich mit dem von Rilke messen könnte. Sie wurde mit Anna Achmatova und Emily Brontë verglichen. Ihr Motto: «Ich mache keine Gedichte, sondern ich erschaffe mich selbst.»

Kaum zu glauben, dass zur selben Zeit der jugendliche Lebemann Henry Parland seine der Neuen Sachlichkeit verpflichteten Ding-Gedichte schrieb, zuletzt als Arbeitsmigrant im ­litauischen Kaunas. Lokomotiven, Strumpfhosen, Kinos, Jazz, Reklame, das sind seine Zeit-Indikatoren, mit denen er aber genauso ironisch abrechnete wie mit der «sentimentalen Maske des Himmels». Sein Grundsatz: die Verramschung der Ideale. «Wir müssen die Preise weiter senken.»

Dass die Kritik ihm Nihilismus vorwarf, verwundert wenig. Gedichte mit Geld statt Worten zu schreiben, schien ihm ebenso lukrativ wie Europa zu kaufen: «Einmal Europa – dankend erhalten», so quittierte er seine Vorstellung von Kapitalismus. Mit 22 Jahren schon starb dieser scharfäugige und -züngige Modernist.

Attentat aus Eifersucht

Er ist der Urbanist unter den fünf in dieser Ausgabe versammelten Dichtern, zu denen ausserdem noch Gunnar Björling, Elmer Diktonius und Rabbe Enckell gehören. Enckell verübte später ein Eifersuchtsattentat auf Parlands Bruder; eine Tatsache, die zur Triebfeder seiner lyrischen Selbstabrechnung wurde. Auch das ist in den wunderbar ergiebig herausgegebenen und übersetzten Werken veranschaulicht. Parlands Bruder überlebte, allerdings nicht so lang wie dessen gekonnt-verrückten Gedichte.

Finnlandschwedische Literatur der ­Avantgarde. Hrsg. und aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke. Kleinheinrich, 2014. Fünf Bände in ­einer ­Kassette. Je 180 S., ca. 125 Fr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 06.10.2014, 18:54 Uhr)

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Finnlandschwedische Literatur der ­Avantgarde.
Hrsg. und aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke.
Kleinheinrich, 2014. Fünf Bände in ­einer ­Kassette.
Je 180 S., ca. 125 Fr.

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