Reagans liebste Französin

Juliette Benzoni, die Königin des historischen Romans in Frankreich, schrieb knapp 80 Romane. Jetzt ist sie 95-jährig gestorben.

Unter ihren tippenden Fingern verwandeln sich Geschichten in ein romantisches Geflecht aus heissen Leidenschaften und kühlen Intrigen: Schriftstellerin Juliette Benzoni.

Unter ihren tippenden Fingern verwandeln sich Geschichten in ein romantisches Geflecht aus heissen Leidenschaften und kühlen Intrigen: Schriftstellerin Juliette Benzoni.

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Eine Zeitungsmeldung hat Gustave Flaubert zu seinem berühmtesten Roman inspiriert. Eine Zeitungsannonce – das ist jetzt ein harter Schnitt – brachte Juliette Benzoni zum Schreiben. Das Herz-Schmerz-Magazin «Confidences» suchte Autoren, sie bewarb sich und schrieb gefühlige Geschichten, bald auch im «Journal du Dimanche». Dort entdeckte sie ihr Händchen für historische Stoffe, die sie für ein breites Publikum aufbereitete.

Ein Verlagsagent schlug ihr vor, doch mal einen Roman zu schreiben – er dachte daran, eine Rivalin für Anne Golon und ihre «Angélique»-Serie aufzubauen. Benzoni setzte sich hin und erfand Catherine de Montsalvy, die Heldin eines schliesslich siebenbändigen Romanzyklus, der im 15. Jahrhundert spielt, verfilmt und zu einer 60-teiligen TV-Serie ausgewalzt wurde. Das Massenblatt «France-Soir» druckte den ersten Teil «Il suffit d’un amour» in Fortsetzungen, ausländische Verleger kauften Übersetzungslizenzen, und die Autorin war bald vielfache Millionärin (dennoch soll sie, bis ans Lebensende, wöchentlich Lotto gespielt haben).

Gekrönte Häupter, weiche Betten

Auf die «Catherine»-Serie folgten «Marianne», «Florentine», «Der Hinkende aus Warschau» und viele andere Romane, fast 80 sind es im Lauf eines langen Schreiblebens geworden. Es sind immer weibliche Helden, und die Geschichte verwandelt sich in ihren Augen und unter den tippenden Fingern der Autorin in ein romantisches Geflecht aus heissen Leidenschaften und kühlen Intrigen.

Gekrönte Häupter, die sich in weichen Betten zu verlieren drohen: ein unschlagbares Rezept, vor allem in Frankreich, dessen Leser (und -innen!) offenbar nie genug bekommen vom Hofleben unter Ludwig XIV, dem Hundertjährigen Krieg oder den Kreuzzügen. 300 Millionen Exemplare hat «die Barbara Cartland des historischen Romans» verkauft. Sie legte Wert auf solide Bibliotheksrecherche und Disziplin: Jeden Morgen schrieb sie drei Stunden.

Keine Preise, dafür Treue

Die Literaturkritik übersah sie, die Literaturpreise gingen an ihr vorbei, aber das Publikum blieb ihr bis heute treu, ihre Bücher werden immer wieder aufgelegt. Zu ihren begeisterten Lesern (wenigstens der Serie über den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg) gehörte auch Ronald Reagan. Vor wenigen Tagen erst ist Benzonis neuestes Werk erschienen: «Des carats pour Ava», ein historischer Krimi, geplant als erster Band einer Serie. Es wird der einzige bleiben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.02.2016, 16:43 Uhr)

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