«Schatten, die mit Schatten spielen»
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Roberto Bolaño: «Das Dritte Reich». Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Hanser, München 2011. 320 S., ca. Fr. 29.90.
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Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion fand Ende der 1980er-Jahre in einem Hotelzimmer bei Barcelona statt. Dort ist der 25-jährige Udo Berger aus Stuttgart mit seiner Freundin Ingeborg in den Ferien. Mehr als für Strand und Discos begeistert sich Udo für das Brettspiel «Das Dritte Reich», in dem er Landesmeister ist – und das es unter dem Titel «Rise and Decline of the Third Reich» wirklich gibt.
Bei diesem komplexen Spiel können die Kontrahenten auf einer Landkarte Europas mit Spielmarken den historischen Kriegsverlauf je nach Geschick entweder bestätigen oder umdrehen. Udo nimmt an Spielertreffen teil, überlegt sich unablässig neue Strategien und verfasst Artikel für Fachrevuen. Um das Schreiben zu üben, führt er Tagebuch.
Der chilenische Autor Roberto Bolaño, der offenbar selbst ein Wargame-Aficionado war, fingiert ironisch den teils unbeholfen poetischen, teils bemüht sachlichen Ton des jungen Deutschen. Als Udo sich in eine verbissene Partie mit «dem Verbrannten» stürzt, einem durch nie erklärte Verbrennungen grauenhaft entstellten Tretbootverleiher, sind die Spielzüge so genau notiert, dass man sie anhand des Buches nachspielen könnte.
Sex und Spiel sind verbunden
Doch «Das Dritte Reich» ist nicht nur ein Spiel. Es ist das Reich des Bösen an sich. Dieses verorten die Bücher des 1953 geborenen und 2003 an Leberversagen gestorbenen Bolaño überall und nirgends. Das Böse in all seinen Ausformungen ist auch das innere Thema des 1000-Seiten-Werks «2666», seit dessen posthumer Publikation Bolaño internationalen Kultstatus hat. Seine Vorbilder waren Jorge Luis Borges und Julio Cortázar. Die Beschreibungen kleiner Gesten oder alltäglicher Gegenstände, die plötzlich ohne Erklärung zu vieldeutigen Stellvertretern für Verdrängtes werden, erinnern an Kafka. Aber auch Filme David Lynchs standen Pate für die Schilderungen nächtlicher Autofahrten oder düsterer Kneipen, in denen gnomartige Gestalten auf- und untertauchen. Bei Bolaño kann alles unheimlich werden. Jedes Zeichen von Freundschaft scheint auch eines von geheimer Feindschaft. Viele Szenen sind in unbestimmter Weise erotisch aufgeladen, doch immer schwingt die Ahnung von Gewalt mit.
Diese Struktur bestimmt auch Udos paranoide Wahrnehmung; die Ereignisse scheinen diese zu bestätigen. Ingeborg freundet sich mit dem deutschen Paar Hanna und Charly an. Charly ist unberechenbar; er trinkt und schlägt Hanna. Eines Tages verschwindet er mit seinem Surfbrett im Meer. Unter dem Vorwand, zu warten, bis Charlys Leiche auftaucht, bleibt Udo am Ende seiner Ferien allein im kleinen Urlaubsort. Trotz Ingeborgs Schönheit ist er gebannt von Hotelchefin «Frau Else», die – mal als Vamp, mal als Ersatzmutter – von Udo fast so sehr begehrt wird wie der Spielsieg.
Überhaupt sind Sex und Spiel verbunden. «Frau Elses» Mann, der schwer krank in einem geheimen Zimmer im Hotel wohnt, scheint an beiden Fronten gegen Udo zu arbeiten. Vielleicht hat er sich gar in Udos Zimmer geschlichen und das Spiel studiert, um «dem Verbrannten» zu helfen.
Ein Bild für verdrängte Gewalt
Das Spiel ist eine Metapher für das historische «Dritte Reich», von dem vielleicht wirklich bald nur noch «die spielende Erinnerung» weiss. Die Spielobsession stellt aber auch die zwanghafte Wiederholung der traumatischen Vergangenheit dar. Sie ist ein Bild für den deutschen Wahnsinn im Zweiten Weltkrieg, letztlich aber für jede verdrängte Gewalt im Innern einer Gesellschaft.
Erst die Niederlage befreit Udo von seiner Besessenheit. Als er wie aus einem Albtraum erwacht endlich abreist, lässt er das Spiel am Strand zurück. Die Spielerfreunde erscheinen ihm nun als «Schatten, die mit Schatten spielen», das Interesse für das vermeintliche Heldentum des «Dritten Reichs» ist verschwunden. Bis man als Leser so weit ist, hat man einige Male den Atem angehalten, so überraschend und makellos erzählt – und so brillant übersetzt - ist dieser Roman. Und obwohl er nicht an das Meisterwerk «2666» herankommt, ist doch zu hoffen, dass in Bolaños verwaister Schublade noch einige solche Manuskripte lagern.
(Basler Zeitung)
Erstellt: 02.09.2011, 12:22 Uhr






