Schweizer Lesevorfreude

Neue Romane von Bärfuss, Florescu, Lewinsky und Stamm: Vielleicht wird es ein grosses Literaturfrühjahr.

Legt im März mit «Hagard» seinen dritten Roman vor: Lukas Bärfuss.

Legt im März mit «Hagard» seinen dritten Roman vor: Lukas Bärfuss. Bild: Keystone

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Vorfreude ist manchmal die schönste Freude des Literaturredaktors. Wenn er nämlich die Programmvorschauen der Verlage durchblättert. Ach, die Verheissungsprosa der Presseabteilungen! Wären die angepriesenen Bücher doch nur halb so gut wie versprochen (und zehnmal so gut wie die Verlagsprosa selbst)! Aber der geübte Blick löst sich schnell von der Werbeoberfläche und geht zu den Fakten: Namen, Titel, Stoff. Und da sieht es bei der Schweizer Literatur, die ja schon manch dürres Frühjahr gekannt hat, höchst erfreulich aus. Die kommende Saison wartet mit neuen Romanen von Lukas Bärfuss, Catalin Dorian Florescu, Charles Lewinsky und Peter Stamm auf, allesamt bewährte Namen, bei denen viele Schweizer Literaturfreunde fast blind zugreifen.

Ob zu Recht, weiss man erst nach der Lektüre. Aber ein bisschen neugierig und vorfreudig machen darf man hier und heute, noch im alten Jahr, das ja mit Schwitter und Lappert und Bärfuss Essays auch kein schlechtes war, schon.

Derselbe Bärfuss legt im März mit «Hagard» im Wallstein-Verlag seinen dritten Roman vor. Darin folgt ein Mann einer Frau (und der Autor diesem Mann), es ist erst ein Spiel, wohl auch ein bisschen ein Sport, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Wer er ist, warum er das tut, ob er selbst vor etwas flieht, verrät der Verlagstext nicht. Dafür verspricht er, und das müssen wir hier leider zitieren: «Die aufgerufenen Fragen über unsere Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert gewinnen eine unabweisbare Schärfe.» Nun denn. An diesem Satz ist Bärfuss unschuldig, für seine eigenen wird er einstehen können.

Träume vom Aufbruch

«Der Mann, der das Glück bringt» ist der sechste Roman von Catalin Dorian Florescu (für den fünften gewann er den Schweizer Buchpreis). Er figuriert als Spitzentitel im literarischen Programm von C. H. Beck. Das «Buch der Stunde» nennt es sein Lektor, weil es (auch) von Migranten handelt: von Elena aus dem Donaudelta, die die Asche ihrer Mutter nach New York bringt, wo ja ohnehin alles mehr oder weniger Einwanderer und Sich-neu-Erfinder sind, und von Ray, dem «Impersonator», der Variété- und Showstars imitiert. Zwei Familiengeschichten, zwei Welten führt Florescu aufeinander zu, zwei Stimmen wechseln sich ab, der Erzählraum umgreift die letzte Leprakolonie Europas, die Freakshows der Metropole, aber auch Gott und den «Teufel mit seinen 19 Namen».

Charles Lewinsky, erfahren im ungeduldigen Medium Fernsehen, weiss auch, wie man Leser packt. Seinen neuen Roman «Andersen» beginnt man im Kopf eines Mannes, der sich so nennt, obwohl er nicht so heisst, der im Dunkeln aufwacht, bewegungsunfähig, offenbar gefangen und in Erwartung eines Verhörs. Damit kennt er sich aus, er hat dergleichen lange selbst geführt. Eine Gestalt, von der man unbedingt mehr wissen will, gerade weil man sich in ihrem Kopf befindet. Im März, wenn «Andersen» bei Nagel & Kimche erscheint, erfahren wir mehr.

Der «neue grosse Roman» (so der Verlag S. Fischer) von Peter Stamm ist, schaut man sich den Satzspiegel an, wohl eher eine lange Erzählung. Was kein Einwand sein soll. Darin geht ein Mann namens Thomas eines Tages weg, verlässt sein Zuhause, Frau und Kinder. Die Ferien waren gerade zu Ende, der Alltag würde beginnen. Ein unerträglicher Alltag? Peter Stamm erzählt einen ganz unspektakulären Aufbruch und wie die Restfamilie danach mit einer Normalität umgeht, die keine mehr ist.

Ja, wer träumt nicht manchmal von Aus- und Aufbruch? Vorsichtigere Gemüter greifen doch lieber zum Buch. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.12.2015, 09:46 Uhr)

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