So richtig wohl fühlt sich das Glück nur in der Mehrzahl
Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 06.08.2009
Michael Hampe
Das Buch
Michael Hampe: Das vollkommene Leben. Vier Meditationen über das Glück. Hanser-Verlag, München 2009. 303 S., ca. 37 Fr.
Woran liegt es eigentlich, dass man sich nach der Lektüre von Beziehungs-, Glücks- und anderen Ratgebern häufig schlechter fühlt als zuvor? Daran, dass man alles falsch macht und den richtigen Weg bisher nicht gefunden hat? Wohl kaum! Die Gründe liegen vielmehr darin, dass der selbstgerechte und -sichere Ton dieser Führer durch die verschlungenen Lebenswege nur schwer zu ertragen ist und dass die wohlfeilen Rezepte für ein glückliches oder geglücktes Leben uns nicht als Individuen, sondern bloss als Schemen betrachten. Und schliesslich: Wenn die Lösung so einfach wäre, wie dies die Ratgeber suggerieren, hätten wir ja gar keine Probleme.
Das Glück ist ein schwieriger Fall
Michael Hampe, Philosophieprofessor an der ETH Zürich, muss so oder ähnlich gedacht haben, als er sich an seine «Vier Meditationen über das Glück» gesetzt hat, so der Untertitel seines Buches «Das vollkommene Leben». Er entwickelt darin eine raffiniert inszenierte Vielstimmigkeit, eine Auffächerung des Themas Glück, wie es sich für eine ausdifferenzierte Gesellschaft gehört. Wer dem Autor durch die verschiedenen Geschichten folgt, wird sich bewusst, dass Glück auch deshalb ein schwieriger Fall ist, weil es sich nicht in den Plural setzen lässt. Liesse sich dies machen, wäre es schon viel einfacher, glücklich zu sein – jeder auf seine eigene Art und Weise.
Hampe entwirft eine Versuchsanordnung, die es einem erlaubt, die eine oder andere Sichtweise zu übernehmen – und den Rest getrost beiseitezulassen. Mit seinem «fiktiven erzählerischen Rahmen» knüpft der Autor an eine alte, heute beinahe vergessene philosophische Tradition an und belebt sie auf eine erfrischende Weise. Philosophie habe nicht zuletzt mit Erzählweisen zu tun, und gerade wenn es um das gelungene Leben gehe, sei dies eine adäquate Form.
Vier Ansichten vom Glück
Wir lernen auf den ersten Seiten Stanley Low kennen, der nach der Ablehnung seiner Habilitationsschrift an der Universität Zürich vom Unglück verfolgt und schliesslich von Frau und Kind verlassen wird. Diese Umstände haben dazu geführt, so die fiktive Figur, «dass ich meine Existenz als misslungen betrachten muss». Nun sitzt der unglückliche Gelehrte einsam in Hannover, damit beschäftigt, die vier besten Texte des Wettbewerbs «Die Calenberger Preisfrage» über das Glück für ein Buch zusammenzustellen. Diese unterschiedlichen Stimmen – «ich selbst habe ja nie eine eigene Stimme gehabt», meint der Ich-Erzähler mit dem sprechenden Namen – präsentiert der 1961 in Hannover geborene Michael Hampe den Lesern in eigenständigen Kapiteln.
Erwin Weinberger ist Physiker. Er sieht die Technik und den Fortschritt als die eigentlichen Schrittmacher des Glücks. «Man muss dazu freilich den Fortschritt nicht als eine Bewegung auf ein Ziel hin, auf die Wahrheit oder die Gewissheit verstehen, sondern muss ihn als eine Bewegung weg vom Mythischen, Religiösen, obskur Philosophischen und hin zum Mess-, Berechen- und technisch Beherrschbaren begreifen.» Die Aussagen der modernen Physik und der Evolutionsbiologie seien wahr, die Aussagen über die Erschaffung der Welt durch einen personalen Gott und die Auferstehung des Fleisches dagegen falsch. Weinberger ist optimistisch, dass es dereinst möglich sein wird, auch qualitatives Erleben wie das Glück in eine formale Sprache zu fassen.
Die Gegenwart erleben
Dieser prominent an erster Stelle platzierten und am längsten geratenen Stellungnahme ist jene der Philosophin Lalitha Dakini entgegengesetzt, die die Problematik eines an Reichtum, Ehre und Lust orientierten Glücksempfindens thematisiert. In der Loslösung von der Warenwelt und der Hinwendung zum gelebten Augenblick – esoterisch spricht sie vom «Erleben der Gegenwart der Atembewegung» – sieht sie einen von der Materie unabhängigen Weg zum wahren Glück.
Allgemein könne man sagen, so die Philosophin mit ihrem selbstverliebten Hang zum Zitieren, «dass das Glück der Seelenruhe von der Fähigkeit abhängt, sorgenfrei zu werden». Michael Hampe, der an der akademischen Philosophie und deren Reglementierung im Nachwort Kritik äussert, lässt diese Position im Unterschied zur ersten nicht sonderlich gut aussehen.
«Glück ist eine Illusion»
Mit dem Psychoanalytiker Antonio Rojaz meldet sich dann ein Repräsentant des radikalen Skeptizismus zu Wort. Da Glück auf Erden nicht zu haben ist (das Realitätsprinzip fordert ständig seinen Tribut), solle man das Streben danach gänzlich sein lassen und sich anderen Dingen wie der Schönheit oder Wahrheit zuwenden. Das Unglück des Menschen rühre daher, dass er das letztlich unmögliche Glück möglich machen wolle. Doch das Glück sei, wie die Religion auch, eine Illusion. Nur sei diese im Unterschied zur Religion noch nicht entlarvt worden.
Der vierte und letzte Essay in diesem Wettbewerb stammt von dem Soziologen James Williamson. Er hebt die Interaktion von Menschen und Dingen an einem aktuellen Beispiel hervor: «Menschen passen sich an das Klima an, indem sie heizen, und mit dem Heizen verändern sie das Klima.» Auch wenn aus diesem Grunde Glückserfahrungen nicht planbar seien, so liessen sie sich doch auf einen Nenner bringen: Erlebnisse in «intensiven und trotzdem unbedrohten Situationen».
In der Differenz liegt das Vergnügen
Als ob dieses vielstimmige Angebot nicht ausreichte, die Bandbreite möglicher Antworten zu umreissen, bringt Michael Hampe noch eine weitere Figur ins Spiel. Es ist der Mitherausgeber Gabriel Kolb, dessen Sicht derjenigen des Autors wohl am nächsten ist. «Die Anerkennung der individuellen Verschiedenheit des Lebens, der Erfahrungen und des Denkens ist zu Recht als Voraussetzung des menschlichen Glücks angesehen worden.» Die Lebensweise prägt die Denkform, mithin die Vorstellung dessen, was gelungenes Leben meint. Eine Nivellierung dieser Differenz, so das Fazit, ist der erste Schritt hin zum Unglück und zur Auflösung friedlicher sozialer Strukturen.
Michael Hampe, angelsächsisch geschult, schreibt glasklar und verständlich. Seine fiktive philosophische Erzählung ist eine Anleitung zum Glücklichsein, die vom «Theoretisieren über das Glück» therapieren soll: Also Hände weg von den gleichmacherischen Ratgebern! Inwiefern der Philosoph damit selber unter die Ratgeber fällt, ist eine diffizile Frage für Dialektiker. Allen anderen wird «Das vollkommene Leben» die Glücksmomente der Unvollkommenheit vor Augen führen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.08.2009, 19:29 Uhr






