So schlimm ist es gar nicht mit den Muslimen

FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners hat sich die «Panikmacher» vorgenommen. Darunter versteht er alle, die in der Einwanderung von Muslimen ein Problem sehen.

Gehören in Deutschland dazu: muslimische Kinder.

Gehören in Deutschland dazu: muslimische Kinder. Bild: Keystone

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Patrick Bahners hat ein paar gute Nachrichten für alle, die sich vor der Islamisierung des Abendlandes fürchten. So trifft es nicht zu, dass junge Muslime umso gewaltbereiter sind, je strenger sie die Vorschriften ihrer Religion befolgen. Das schien zwar aus einer Studie des bekannten niedersächsischen Kriminologen Christian Pfeiffer hervorzugehen und wurde auch so in der Presse und von Politikern ausgeschlachtet. Aber es war eine Fehldeutung.

Es trifft zweitens nicht zu, dass muslimische Schülerinnen unter Duldung der Schulleitungen nicht am Schulschwimmen teilnehmen, weil ihre Familien das strikt verbieten. Eine «urbane Legende», hält Bahners dagegen: Umfragen bei Schulen zeigen, dass es nur minimale Abmeldungen vom Schulschwimmen gibt; «Kopftuchmädchen» (wie Thilo Sarrazin sie polemisch genannt hat) tragen im Wasser eine Haube.

Es trifft drittens nicht zu, dass das islamische Recht unser säkulares Rechtsverständnis unterwandert, weil deutsche Richter immer mehr auf die «andere Kultur» Rücksicht nehmen. Vielmehr ist etwa der sogenannte Ehrenmord nach dem für alle Instanzen verbindlichen Urteil des Bundesgerichtshofs tatsächlich als Mord zu verurteilen, definitionsgemäss verbunden mit «niedrigen Beweggründen», und keineswegs kulturrelativistisch nachsichtig zu betrachten.

«Meisterwerk der Aufklärung»?

Gute Nachrichten, aus denen man den Schluss ziehen darf: So schlimm ist es doch gar nicht mit den Muslimen in unseren westlichen Gesellschaften! Bahners’ Buch könnte ein nützlicher Beitrag zur Beruhigung einer von Vorurteilen, Verdächtigungen und Ängsten besetzten Debatte sein. Es könnte belegen, dass diese Ängste übertrieben sind. Es könnte deeskalieren, informieren, aufklären. Ein «Meisterwerk der Aufklärung» hat es tatsächlich Thomas Steinfeld, früherer FAZ-Kollege und jetziges Ressortleiter-Pendant bei der «Süddeutschen Zeitung», in einer hymnischen Besprechung ebendort genannt.Genau das ist es nicht, weder Meisterwerk noch Aufklärung. Bahners geht es gar nicht um Fakten, sondern um Texte. Er setzt sich nicht mit den mehr oder weniger grossen Problemen auseinander, die der Zustrom von Menschen aus muslimischen Ländern für unsere Gesellschaft bedeutet, versucht nicht, aufzudröseln, was daran religiös, kulturell, sozial bedingt ist und wo man zu ihrer Behebung ansetzen soll. Bahners betreibt keine Gesellschafts-, sondern eine Diskursanalyse. Das Objekt, dem er seine geballte – und beachtliche – Deutungsintelligenz angedeihen lässt, sind die Schriften und Reden derjenigen, denen er das Etikett «Islamkritiker» verpasst hat.

Ein Kapitel dem Provinzheini

Islamkritiker sind etwa Necla Kelek, Henryk Broder, Ayaan Hirsi Ali, Peter Sloterdijk, Bassam Tibi, natürlich Thilo Sarrazin, aber auch ein eher wenig bekannter CDU-Politiker aus dem hessischen Lahn-Dill-Kreis, der im Landtag sitzt und ein Gratisblatt namens «Wetzlarer Kurier» vertreibt. Darin warnt er vor den Welteroberungsplänen des Islam, lobt das Minarettverbot der Schweizer und bestreitet ganz allgemein jedem Muslim die Integrationsfähigkeit.

Diesem Provinzheini, der in der eigenen Partei eine Randfigur darstellt und im Landtag bereits für seine Propaganda gerügt wurde, widmet Bahners ein ganzes Kapitel. Sogar ein unbeholfenes Gedicht aus dem «Wetzlarer Kurier» erfährt die Ehre des Abdrucks. Ebenso akribisch verfährt er mit den – allein im Internet erschienenen – Memoiren eines pensionierten Ministerialrats, der für baden-württembergische Einbürgerungsstellen den «Muslim-Test» ausgearbeitet hatte – ein Kompendium an Fragen, mit denen die wahre Gesinnung derer entlarvt werden sollte, die an Allah glauben und den deutschen Pass bekommen wollten.

Nach säkularem Prinzip

Ein groteskes Unternehmen, geleitet von einem Generalverdacht gegen Muslime, das von der Landesregierung nie angewandt wurde. Für Bahners ist der pensionäre Groll des Beamten dennoch ein dankbarer Textkorpus, kann er hier doch ein weiteres Mal die Kernthese der Islamkritiker herausdestillieren: Der Islam erlaube keine Anpassung des Korans an moderne Verhältnisse und sei deshalb unvereinbar mit dem säkularen Staat.

Erneut würde es reichen, dieser Kernthese ruhig folgende Fakten entgegenzuhalten: dass sich Millionen Muslime in zahlreichen europäischen Ländern durchaus an die Gesetze dieser Länder halten, ohne ihren Glauben zu verraten; dass die Türkei mit überwiegend muslimischer Bevölkerung nach säkularen Prinzipien funktioniert. Aber Bahners geht es gar nicht darum, die Ängstlichen zu ermutigen, die Gegner zu widerlegen. Er braucht einen grossen, starken Gegner, um selbst Angst erzeugen zu können: die Angst vor dem «Weltbürgerkrieg». Auf den legten es die «Islamkritiker», dieses von Bahners erfundene Kollektiv, nämlich an – zumindest in der Konsequenz ihrer hartnäckigen Diffamierung des Islam und seiner Gläubigen.

Der Autor selbst ist alarmistisch

Dieser Gegner ist aber ein Popanz, Bahners’ Warnung vor den Panikmachern selbst alarmistisch. «Es gibt eine islamkritische Internationale», behauptet er, die es zwar nicht zu politischer Schlagkraft gebracht hat, aber immerhin zu einer Art Meinungsführerschaft in Deutschland. «Islamkritik ist ein System von Sätzen», schreibt Bahners, die bereits «das Land und die Hauptstadt erobert» haben. Dass die klaren Sätze der Bundeskanzlerin und des Bundespräsidenten («Der Islam gehört zu Deutschland») in eine ganz andere Richtung zielen, hat er zwar nicht verschwiegen, aber im Eifer der Argumentation wieder vergessen.FAZ-Leser kennen Bahners als Autor, der seine Leser gern intellektuell überfordert. In diesem Buch strapaziert er vor allem ihre Geduld. Er tritt als Philologe auf, als Dechiffrier-Virtuose, den nichts mehr beglückt, als wenn er hinter politischen Floskeln verborgene Ressentiments aufspüren kann. Allein sechs Seiten lang nimmt er ein paar Worthülsen Guido Westerwelles auseinander. Nun weiss jeder, der den Weg dieses Politikers verfolgt hat, dass es sich um einen geltungssüchtigen Dünnbrettbohrer handelt.

Bahners konstruiert die Gegner

Der Gestus des Entlarvens ermüdet aber, wenn der Gegenstand durchschaubar und nicht so gefährlich erscheint, wie Bahners ständig weismachen will. Richtig unangenehm wird es, wenn die Keule des historischen Vergleichs herausgeholt wird. Wie die Islamkritiker heute die Muslime, so hätten die bürgerlichen Antisemiten des 19. Jahrhunderts ihre jüdischen Mitbürger unter Generalverdacht gestellt – was letztlich den Weg nach Auschwitz bereitet habe. Thilo Sarrazin hat – in der FAZ! – mit Recht dieses Argument als «Kernwaffe des deutschen politischen Diskurses» bezeichnet und sich gegen den Vergleich verwahrt.

Bahners entlarvt, was er zuvor erst konstruiert hat: einen mächtigen Gegner. Die vermeintliche Aufklärungsschrift enthält eine lupenreine Verschwörungstheorie. Und was wollen die Verschwörer? Die absolute Herrschaft des Staates, meint Bahners. Die Islamkritiker seien Feinde aller Religionen, weil diese jenseits der weltlichen Angelegenheiten noch so etwas wie «letzte Dinge» kennen. Auch einem rechten Christen sei sein Seelenheil letztlich wichtiger als alles, was der Staat verlange. So sieht die Front also aus: hier die Islamkritiker, denen der Staat Gott ist, dort die Gläubigen, Christen wie Muslime.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 25.02.2011, 19:36 Uhr)

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Das Buch

Patrick Bahners: Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift. C. H. Beck, München 2011. 320 S., ca. 30 Fr.

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