Kultur

So sperrte das DDR-Regime seine Bürger ein

Am 9. November jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 20. Mal. Viele neue Bücher befassen sich mit der Wende von 1989. Besonders lesenswert: Frederick Taylors «Die Mauer».

Das Ende der Mauer: Ostberliner Grenzbeamte in einer gerade gerissenen Lücke (11. November 1989).

Das Ende der Mauer: Ostberliner Grenzbeamte in einer gerade gerissenen Lücke (11. November 1989).
Bild: Keystone

Die Bücher

Frederick Taylor: Die Mauer: 13. August 1961 bis 9. November 1989. Aus dem Englischen von Klaus Dieter Schmidt. Siedler, München 2009. 576 S., ca. 52 Fr.

Weitere Bücher zum Mauerfall

Historiker und Publizisten haben den 20. Jahrestag der Maueröffnung zum Anlass genommen, sich neu mit den dramatischen Ereignissen vom Herbst 1989 auseinanderzusetzen. Andreas Rödder hält sich in seinem «Deutschland einig Vaterland» eng an die verfügbaren Quellen. Der Mainzer Historiker beginnt mit der Machtübernahme von «Zauberlehrling» Michael Gorbatschow und analysiert die internationalen Bedingungen, die zur Wiedervereinigung führten. Dabei schenkt Rödder besonderes Augenmerk dem deutschen Kanzler Helmut Kohl.

Andreas Rödder: Deutschland einig Vaterland: Die Geschichte der Wiedervereinigung. C. H. Beck, München 2009, 490 S., ca. 43 Fr.

Der ungarische Schriftsteller György Dalos beschränkt sich nicht auf die DDR. «Der Vorhang geht auf» schildert die Wende in allen sechs sowjetischen Satellitenstaaten, die aus dem Ostblock ein östliches Europa entstehen liess. Die Helden, etwa Vaclav Havel und Aleksander Dubcek auf dem Prager Wenzelsplatz, stehen im Rampenlicht. Aber auch der Abgang des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu bleibt unvergesslich.

György Dalos: Der Vorhang geht auf: Das Ende der Diktaturen in Osteuropa. Aus dem Ungarischen von Elsbeth Zylla. C. H. Beck, München 2009. 272 S., ca. 34 Franken.

Auf die DDR in ihren letzten Zügen konzentriert sich Ilko-Sascha Kowalczuk. Als Mitarbeiter der Birthler-Behörde, die das Schnüffel- und Unterdrückungserbe der Stasi verwaltet, kennt er die Akten. In «Endspiel» schildert Kowalczuk den dumpfen Alltag, die ideologische Bevormundung und den bis zuletzt funktionierenden Überwachungsapparat in der DDR. Kowalczuk hat unter dem Regime gelebt und schildert dessen Untergang zuweilen als Realsatire.

Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel: Die Revolution von 1989 in der DDR. C. H. Beck, München 2009. 602 S., ca. 43 Franken.

Wie Frederick Taylor erzählt auch Edgar Wolfrum die gesamte Geschichte der Mauer von Bau bis Fall. «Die Mauer» liefert auf nur 160 Textseiten einen gut lesbaren Überblick auf dem aktuellen Stand der Forschung zur Geschichte des Kalten Krieges.

Edgar Wolfrum: Die Mauer: Geschichte einer Teilung. C. H. Beck, München 2009. 191 S., ca. 30 Fr.

Kriminelle entlarven sich gerne selbst, indem sie ein noch nicht entdecktes Verbrechen leugnen. Das gilt auch für kriminelle Politiker, etwa für Walter Ulbricht, den Vater der Berliner Mauer. «Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten», behauptete er noch am 15. Juni 1961 in sei-nem unverkennbaren sächsischen Dialekt. Doch nur knapp zwei Monate später befahl der kommunistische Diktator der Deutschen Demokratischen Republik, Ostberlin abzuriegeln und die Mauer zu bauen. Sie sollte mehr als 28 Jahre lang Berlin trennen und wurde zum Symbol des Kalten Kriegs zwischen Ost und West.

Ihr Fall jährt sich am 9. November zum 20. Mal. Entsprechend zahlreich sind die Bücher zu den dramatischen Ereignissen von 1989. Dabei ragt «Die Mauer» Frederick Taylor als besonders lesenswert heraus. Dem britischen Historiker ist es gelungen, die grosse Politik auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs mit den persönlichen Dramen der Menschen in Berlin zu verbinden. Zudem ist Taylors «Mauer» lebendig wie auch elegant geschrieben und spannend zu lesen.

«Der eiskalte, treue Diener Moskaus»

In den ersten Kapiteln sprintet er durch die Berliner Geschichte vom Dreissigjährigen Krieg über Friedrich den Grossen bis zum Untergang der Reichshauptstadt am Ende des Zweiten Weltkriegs. Dies gibt Taylor die Gelegenheit, die Figuren des Dramas einzuführen. So lernen wir Walter Ulbricht kennen, lange bevor er in Abrede stellte, eine Mauer bauen zu wollen: Er war stets der «wahre Gläubige», der jede Wendung Stalins mitmachte «als eiskalter, treuer Diener Moskaus».

Ulbrichts Traum vom «ersten deutschen Arbeiter- und Bauern-Staat» drohte jedoch zu platzen. 1949 gegründet, verlor die DDR bis 1961 ein Sechstel ihrer 19 Millionen Einwohner, Tendenz steigend: Es waren vor allem Facharbeiter, Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer und Ingenieure, die Ulbrichts «proletarischem Paradies» den Rücken kehrten und in den Westen flohen – und damit die Wirtschaft der DDR empfindlich schwächten.

Anfangs war die Grenze durchlässig

Der einfachste Fluchtweg führte über Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Siegermächte die Stadt in vier Sektoren aufgeteilt. Aus dem sowjetischen wurde Ost-Berlin, aus dem amerikanischen, britischen und französischen zusammen West-Berlin. Die Grenze dazwischen war zunächst noch durchlässig. Wer wollte, konnte bequem per S-Bahn vom Osten in den Westen fliehen.

Dieses Schlupfloch war der DDR-Führung ein Dorn im Auge. Mit der Erlaubnis aus Moskau reagierte sie im Sommer 1961: Unter der Leitung von Erich Honecker, Ulbrichts willigstem Vollstrecker, transportierten besonders regimetreue Sicherheitskräfte Stacheldraht, Steine und Zement in die Stadt und bereiteten den Coup der Grenzschliessung vor.

Als die Ostdeutschen am 13. August 1961, einem Sonntagmorgen, aufwachten, war es so weit: Sie sassen in der Falle. Das Fenster in den Westen war geschlossen, und Polizei und Armee waren dabei, es zuzumauern. In den folgenden Jahren wurde die Mauer kontinuierlich mit Wachtürmen, Hindernissen und Kontrollstreifen zur 160 Kilometer langen Grenzanlage ausgebaut.

Der Sprung der um die Welt ging

Bevor es so weit war, nutzte der 19-jährige Conrad Schumann die Gunst der Sekunde. Der Bereitschaftspolizist leistete am 15. August 1961 an der Grenze Dienst, als er in einem unbeobachteten Augenblick über den Stacheldraht in den Westen sprang. Ein Hamburger Fotograf hielt Schumanns Sprung fest, das Bild ging um die Welt.

Verzweifelte DDR-Bürger versuchten Schumann zu folgen. Sie schwammen durch die Spree, sprangen aus den Häusern in der Bernauer Strasse, die direkt an der Grenze standen, oder sie versuchten über die Mauer zu klettern. Nur wenigen gelang die Flucht, etliche starben im Kugelhagel der Grenzpolizei. Bis 1989 waren es – je nach Quelle – zwischen 86 und 125 Personen.

Trotz all dieser Dramen wundert man sich heute, wie wenige Opfer die deutsch-deutsche Grenze gefordert hat, vor allem im Vergleich mit den ebenfalls geteilten Vietnam und Korea. Die DDR-Führung konnte mit dem Bau der Mauer den Aderlass an qualifizierten Arbeitskräften stoppen. Ulbricht pries die Mauer fortan als «antifaschistischen Schutzwall» und herrschte unbehelligt über sein eingemauertes Land.

Das «Götterghetto» von Wandlitz

Die Bedürfnisse der Bürger konnte die DDR-Führung jedoch nicht zufriedenstellen. Dafür konnte sie – wie eindrücklich bewiesen – Mauern bauen: Für jene in Berlin war gar eine logistische und organisatorische Meisterleistung notwendig gewesen. Die Mauer an der Westgrenze war aber nicht die einzige: Ebenso grotesk war etwa die 1960 errichtete Mauer mitsamt Wachtürmen rund um Wandlitz, wo sich die Führung von Ulbrichts SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, verschanzte.

Die DDR-Bevölkerung nannte die Waldsiedlung «Götterghetto». Tatsächlich wurden die Bewohner zu Gefangenen – trotz Einfamilienhäusern und West- Konsumgütern. Denn selbst hier herrschte ein Klima des Misstrauens. Dies war ganz in Ulbrichts Sinn, der hier, während er leidenschaftlich Pingpong spielte, die Parteiführung im Auge behalten konnte.

Unangebrachte «Ostalgie»

Ganz anders eingemauert wurde, wer sich gegen das kommunistische Feudalsystem auflehnte. Im Untersuchungsgefängnis in Hohenschönhausen, das vom Ministerium für Staatssicherheit, kurz Stasi, geführt wurde, endeten sogenannte «Republikflüchtlinge» in Isolationshaft, wo sie perfider psychischer Folter ausgesetzt wurden. Angesichts der Stasi-Gefängnisse ist die «Ostalgie», die sentimentale Erinnerung an die DDR, die unangebrachte Verniedlichung eines Unrechtsstaats. Von wegen kuscheligen Zusammengehörigkeitsgefühls: Viele Bürger der DDR wurden von ihren Nächsten verraten, ihren Nachbarn, scheinbaren Freunden oder gar Verwandten. Auf 320 Ostdeutsche kam laut Taylor ein Geheimdienstmitarbeiter.

Das Regime ermunterte die Bürger, sich gegenseitig zu denunzieren, um Umsturzplänen zuvorzukommen. Aber nicht nur deshalb: Die Gefangenen wurden zur wichtigen Devisenquelle, denn man konnte sie in den Westen verkaufen. In den 80er-Jahren betrug der Preis pro Kopf 100'000 D-Mark. Der DDR-Gulag, und das machte ihn einzigartig im Ostblock, wurde zu einem Unternehmen, das Häftlinge für harte Währung verkaufte. Bis 1989 betrugen die Einnahmen aus diesem Menschenhandel 3,4 Milliarden D-Mark.

Trotzdem ging die DDR pleite, noch bevor sie unterging. 1989 war die Verschuldung auf 123 Milliarden Ost-Mark angestiegen, bei westlichen Staaten und Banken stand man mit knapp 50 Milliarden D-Mark in der Kreide. Die Produktivität der DDR-Wirtschaft lag 40 Prozent niedriger als die westdeutsche; über die Hälfte der Industrieanlagen war nur noch Schrott, Strassen und Bahnlinien marode.

Flucht ins «sozialistische Bruderland» Ungarn

Unter diesen Umständen stieg der Druck auf das Regime von Staatschef Honecker, der 1971 Ulbricht abgelöst hatte. Aus der Sowjetunion wehte ein neuer Wind, mit Michail Gorbatschow wurde erstmals ein Kreml-Führer zum Idol der ostdeutschen Opposition. Nun hoffte man auch in der DDR auf Reformen. Doch das Honecker-Regime hielt unbeeindruckt am alten Kurs fest – und heizte damit eine neue Fluchtwelle an. Die innerdeutsche und die Berliner Grenze waren allerdings nach wie vor unüberwindbar.

Deshalb machten es die DDR-Bürger mit der deutschen Mauer wie einst die Barbaren mit der chinesischen: Sie umgingen sie, solange es zu gefährlich war darüberzuklettern. Zuerst Zehn-, dann Hunderttausende DDR-Bürger reisten ins «sozialistische Bruderland» Ungarn, angeblich in den «Urlaub», von dort dann aber via Österreich in den Westen. Oder sie fuhren nach Prag zur westdeutschen Botschaft, von wo aus sie in versiegelten Zügen in die Bundesrepublik ausreisten.

Jene, die in der DDR zurückblieben, waren nicht regimetreu, sondern wollten Familie und Heimat nicht einfach hinter sich lassen. Sie waren mehrheitlich ebenfalls unzufrieden. Deshalb gingen sie auf die Strasse und skandierten «Wir sind das Volk» und «Gorbi, Gorbi». Zu den grössten Aufmärschen kam es zunächst in Leipzig und Dresden, dann griff der Protest aufs ganze Land über. Die DDR wurde zur Deutschen Demonstrierenden Republik.

Der Wendepunkt

Zum Wendepunkt wurde die Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 in Leipzig: Die Volksarmee war in Alarmbereitschaft versetzt worden, bewaffnete Polizisten in Zivil mischten sich unter die 70'000 Demonstranten, Verhaftete sollten in «Isolierungslager» verfrachtet werden. Doch der Schiessbefehl blieb aus und die sowjetische Besatzungsarmee in ihren Kasernen. Gemäss Taylor soll Honecker Polizei und Geheimdienst angewiesen haben, nicht zu schiessen, weil er nicht schuld sein wollte an einem Bürgerkrieg.

Nun begann das morsche ostdeutsche Gebälk zusammenzubrechen. Die Demonstrationen griffen auf Ostberlin über. Innerhalb des Führungszirkels stürzte eine Verschwörung um Egon Krenz den bisher unanfechtbaren Erich Honecker. Bis zuletzt hatte er behauptet, die Mauer werde «noch 100 Jahre» stehen.

Doch die Mauer wankte längst, und am 9. November fiel sie. Günter Schabowski, Pressesprecher des Zentralkomitees, trat um 18 Uhr vor die Medien und kündigte eine Neuregelung an, die es «jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen». In kaum verständlichen Bürokratendeutsch wies Schabowski allerdings darauf hin, dass dafür weiterhin Visa nötig seien. Die Regelung trete aber «sofort, unverzüglich» in Kraft, sagte der sichtlich verunsicherte Schabowski auf Nachfrage eines westlichen Journalisten.

AP meldete: «Die DDR öffnet ihre Grenzen»

Damit war der Bann gebrochen. Die Nachrichtenagentur AP interpretierte Schabowskis Ausführungen optimistisch und meldete: «Die DDR öffnet ihre Grenzen.» Die ansonsten zuverlässige «Tagesschau» der ARD setzte die Kampagne fort und begann ihre 20-Uhr-Ausgabe mit der- selben Nachricht. Zwei Stunden später doppelten die «Tagesthemen» nach: «Die Tore der Mauer stehen weit offen.»

Das sah und hörte man auch in der DDR, wo man sich vorzugsweise im Westfernsehen informierte. Alle waren überrascht, vor allem die Führung in Ost-Berlin. Doch nun war kein Halten mehr: Die Menschen strömten zur Mauer, der ostdeutschen Grenzpolizei blieb wegen des Andrangs gar nichts anderes übrig, als die Tore zu öffnen. Was folgte, war die verrückteste Strassenparty der Geschichte. Eine ungeschickte Pressekonferenz und eine westliche Medienkampagne haben zu einer der schnellsten und unblutigsten Revolutionen geführt, bilanziert Taylor.

Das scheinbar Unmögliche möglich machen

Wer war die treibende Kraft hinter der Entwicklung, die letztlich zum Mauerfall führte? Taylor überschätzt – in Anlehnung an den amerikanischen Historiker John Lewis Gaddis – den Einfluss von US-Präsident Ronald Reagan, der 1987 vor dem Brandenburger Tor Gorbatschow aufgefordert hatte, die Mauer einzureissen. Es war wohl kaum der stramme Antikommunismus Reagans, der britischen Premierministerin Margaret Thatcher oder des deutschen Kanzlers Helmut Kohl, welcher die Betonmauer zu Fall brachte.

Vielmehr machten die Menschen in der DDR das unmöglich Scheinende möglich. Trotz der eminenten Gefahr, hinter den Mauern eines Stasi-Gefängnisses zu verschwinden, gingen sie auf die Strasse – was weit mehr Mut erforderte, als vor dem Brandenburger Tor eine Rede zu halten. Angeführt von der oppositionellen Gruppe Neues Forum, forderten sie weder die Wiedereinführung des Kapitalismus noch die deutsche Wiedervereinigung, sondern die Reform ihrer DDR. Und nichts fürchtete das Regime mehr als das, räumt auch Taylor ein.

Nach dem 9. November 1989 war die Wiedervereinigung aber nur noch eine Frage der Zeit. War die Wende für viele Deutsche ein Segen, wurden auch Hoffnungen enttäuscht, etwa jene von Conrad Schumann, dem Grenzpolizisten, der 1961 über den Stacheldraht gesprungen war. Er hatte sich danach ein Leben im Westen aufgebaut und bei Audi gearbeitet. Nach der Wende suchte er den Kontakt zu den Freunden seiner Jugend in der DDR. Vergeblich. Das Stigma des «Verräters», das ihm das Regime verpasst hatte, wurde er nicht mehr los. Er erhängte sich 1998 im Obstgarten seines Hauses. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2009, 22:56 Uhr

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1 Kommentar

R. Koch

28.04.2009, 14:07 Uhr
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1. Im obigen Bild steht "... Ostberliner Grenzbeamte ...". In der DDR gab es keine Beamten und kein Berufsbeamtentum. Die auf dem Bild zu sehenden Soldaten sind Wehrpflichtige, die zum Dienst an der "Grenze" eingezogen worden sind. 2. Ulbrichts Satz, daß "niemand daran denkt eine Mauer zu bauen" war die Antwort auf eine Frage eines Journalisten, da die Abriegelung Berlins schon vorhersehbar war. Antworten



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