Tanz der Atome

Der römische Dichter Lukrez hat das schönste Gedicht gegen den Gottesglauben geschrieben. Seine Bibel des Atomismus, eine Feier des diesseitigen Lebens, ist jetzt neu auf Deutsch zu haben.

Titus Lucretius Carus – kurz Lukrez – hat den Zufall unserer Welt eindringlich beschrieben. Foto: Arnold Spencer (Getty Images)

Titus Lucretius Carus – kurz Lukrez – hat den Zufall unserer Welt eindringlich beschrieben. Foto: Arnold Spencer (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt keinen klangvolleren Gegengesang zu den grossen Büchern der Religionen, die uns Menschen, wie das Wort «religio» besagt, an den Glauben «fesseln», als das Lehrgedicht «De rerum natura» des römischen Dichters Lukrez. Der konnte, 60 v. Chr, nicht ahnen, wie viel Wut und Zerstörung die Religionsstifter Jesus und Mohammed in die Welt tragen würden, indem sie ihren Anhängern ein ewiges Jenseits versprachen. Er wollte uns von solchem Jenseitsglauben heilen und ganz ins Hier und Jetzt erlösen. Ins Spiel der Wellen auf dem Wasser, ins Schimmern der Purpurschnecken und ins Flimmern der Sonne. Heimholen aus dem Übersinnlichen ins ganz und gar Elementare. Er war der Dichter der Atome und ahnte schon, was die Wissenschaft Jahrtausende später entdeckte.

Sein Gedicht war das Echo auf Epikur und ein Aufruf gegen Platons Irrgespinste einer jenseitigen Ideenwelt. Er war der Erbe der allerersten Aufklärung unter den griechischen Philosophen im 5. Jahrhundert vor Christus und wollte mit deren Einsichten seine eigene Welt aufklären und den Menschen die Furcht vor dem Tod und den Schrecken vor dem Terror der Götter nehmen. Die Kirchenväter haben ihn als «Wahnsinnigen» verhöhnt, sein Werk in den Orkus des Vergessens geschleudert, aus dem er erst nach 1000 Jahren wieder emportauchte: ausgerechnet als am Konzil von Konstanz 1417 der Papst Johannes XXIII. abgesetzt und dessen Berater, ein gewisser Poggio Bracciolini, arbeitslos auf Bücherjagd in den Bibliotheken von Deutschland und Sankt Gallen ging.

Die Natur als Allmutter

Durch Zufall entdeckte Bracciolini eine Handschrift des Lehrgedichts. Renaissance-Gelehrte übersetzten sie – und verbrannten ihre Übersetzung aus Angst vor der katholischen Kirche. Auch Machiavelli, dieser ausgefuchste Stratege von Krieg und Macht, hielt seine Lukrez-Notizen geheim. Anders Giordano Bruno. Er war von Lukrez begeistert. Sein Leib verbrannte 1600 in Rom auf dem Scheiterhaufen des katholischen Aberglaubens in den Himmel. Dorthinauf, wo Donner und Blitz jene Angst über die Menschen brachten, vor der sie, wie Lukrez schreibt, Zuflucht suchten im Schoss der Götter – statt im Schoss unserer Allmutter Natur und der Mutter aller Mütter: der Materie.

Anstatt sich am Farbenspiel des Regenbogens und dem Geschmack des Weines zu erfreuen, fliehen die Menschen das Jetzt und träumen von ewigem Ruhm. So, sagt Lukrez, erstarren sie schon im Leben zu jenen Denkmälern aus Stein, die das Beben der Erde und das Prasseln des Regens dereinst aushöhlen und zum Einsturz bringen werden. Nichts ist so vergänglich wie Macht und Reichtum, wie Ruhm und Ehre.

Sie narren uns wie die Traumgebilde: wenn uns «feuchte Träume» die babylonischen Bettlaken nässen lassen oder wenn wir, im Wahn der Liebe, stets der gleichen Frau nachjagen wie dem Hirngespinst eines Gottes. Wir erreichen die Götter so wenig wie diese Frau. Sie wird stets nur ein Bild bleiben, das wir nicht besitzen können, auch wenn wir unsere Zähne vor Lustwut in ihre Lippen schlagen, wie Lukrez in harten Hexametern dichtet. Gott – Traum – Liebeswahn. Das sind die drei Chimären, die uns in den Abgrund reissen.

Deshalb sollten wir uns an die Sinne halten. Und die liefern uns die Daten der Welt. Und der Geist lässt uns vom Sichtbaren aufs Unsichtbare schliessen. Vom Staub, der am Morgen im frühen Licht der Sonne durchs Zimmer tanzt, auf den Staub der Atome, aus denen alles Leben aufgebaut ist.

Der Wille als Abweichung

Im Gegensatz zu den frühesten griechischen Atomisten wie Demokrit aber betont Lukrez, dass diese Atome nicht einfach Teile einer riesigen Maschine sind, sondern spekuliert: Es gibt im freien Fall der Atome durch den leeren Raume winzige Momente, Glückssekunden, wo ein Atom von seiner Bahn abweicht wie in einer Art Quantensprung. Er nennt das: «Clinamen». Und begründet damit die Willensfreiheit des Menschen und eine Schöpfung aus dem Geist des Zufalls.

Irr wirbeln die Atome und schaffen Welt auf Welt. Mal taumeln Menschen ohne Augen, blind, durch den Raum des Zufalls, mal linkische Wesen mit drei linken Händen, Frauen ohne Gebärmutter, monströse Missgeburten. Bis sich endlich alles fügt in schöne Ordnung. In jene Harmonie, die sich vor unseren Augen ausbreitet, die wir aber nicht geniessen können, weil wir stets den Fantasmen der Religion und der Liebe nachjagen. Auch wir sind Atome im Flug durch ein All des Zufalls. Lukrez feiert das mit Alliterationen und Sprachspielen. Denn die Sprache selbst ist ein Abbild der Schöpfung: Jeder Buchstabe wirbelt über die Seiten wie die Atome. Mal formen sich die Lettern zum Wort «ROMA», mal zum Wort «AMOR». Mal also zur kriegerischen Stärke Roms, mal zum sanften Sehnen der Liebe. Auch das ist nur – Zufall der Poesie.

Die radikalen Materialisten des 18. Jahrhunderts argumentierten mit ­Lukrez gegen Gott und König. So kam die dritte Aufklärung auf ihren Gipfel: Nach dem Sturz des französischen Königs jagte eine Entchristianisierungswelle durch Frankreich. Ihr Sprachrohr: Marquis de Sade. Seine Bibel: Lukrez. Sade lässt den damaligen Papst in seinem Roman bei einer Orgie den Mord rechtfertigen. Mit Lukrez’ Weltbild – wir alle seien nur Schaum auf den Wellen des Zufalls, Luftblasen, die verschwinden. Und die Natur warte gierig auf den Untergang der Menschen und der Welt, damit sie die Schöpfung neu beginnen könne.

Ah, dachte sich da Nietzsche: Ist nicht unsere Welt ein «Hiatus zwischen zwei Nichtsen»? Ewig dauerte die Zeit, bis der Mensch aus dem Schlamm der Urzellen hervorkroch, ewig wird die Finsternis dauern, wenn sich die Menschen ausgelöscht haben. Bevor das Spiel der Schöpfung neu beginnt und der Zufall seinen Würfelbecher neu schüttelt, neue Welten schafft. So lange, bis auch unsere Welt wiederkehrt – in ewiger Wiederkunft.

Eine Hinführung zu Lukrez

Wie wollte man sich von diesem taumelnden Tanz der Worte nicht entführen lassen, die Lukrez in 7400 Hexametern vor uns ausbreitete? Über die kugelfeinen Atome nachsinnend, die das Wasser bilden, die rauen Atome, die sich im Salzwasser dazwischen mischen, bevor sie durch die vielverhakten Atome der Erde wieder rausgefiltert werden in einem ewigen Fluss und Wiederfluss.

Die Welt als Tanzboden von Würfeln, die immer wieder neue Zahlen zeigen. Mal siegt dieser Spieler, mal jener. Mal dieser Dichter, mal jener. Klaus Binder hat diesen Gesang aus dem Versmass in Prosa übertragen. Damit wird diese ferne Denkwelt, die doch so aktuell ist, leicht nachvollziehbar. Es ist im besten Sinn eine Einführung in Lukrez. Eine Hinführung. Die Anmerkungen erläutern vieles. Doch wenn er uns in die ­Umlaufbahn dieses Atomisten gebracht hat, dann werden wir vielleicht in den Ferien unser Lateinbuch herausholen, 20 Lektionen repetieren und in der Reclam-A­usgabe von Karl Büchner im strengen Spiegel von Deutsch/Latein die kühnen grammatikalischen Konstruk­tionen noch tiefer erfahren – das Rätselhafte des Textes, der selbst nach seiner radikalen Erkenntnis tastet, wirkt in Prosa geglättet. Und doch merkt man: Keiner hat den Zufall unserer Welt, die Schönheit ihrer Formen, das Spiel ihrer Klänge, die Harmonien ihrer Schreie und Glücksgluckser eindringlicher beschrieben und in Verse gefasst als ­Lukrez.

Die Götter, sagt Lukrez, sitzen heiter und gelassen in einer Zwischenwelt und wissen: Auch sie sind nur Ausgeburten des Zufalls. Sie betrachten die Welt wie einen fernen Film. Mischen sich nicht ein. Werden mit ihr untergehen. Und wenn der Mensch eines von ihnen lernen kann, dann dies: heiter und gelassen auf sein Leben schauen, das im Nu vergeht. Auf einer Welt, die ebenfalls zischend erlöschen wird, um neueren, vielleicht besseren Welten Platz zu machen.

Lukrez: Über die Natur der Dinge, übersetzt von Klaus Binder, Galiani, Berlin 2014. 500 S., ca. 53 Fr. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.03.2015, 18:10 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Die Überläufer

Atheismus-Serie: Verblüffend häufig wandelten sich atheistische oder religionsferne Literaten zu vehementen Katholiken – mit bösen Folgen. Mehr...

«Antireligiöse sind neidisch»

Atheismus-Serie: Der österreichische Psychiater Raphael M. Bonelli beschäftigt sich mit dem antireligiösen Affekt und sagt, wodurch sich Atheisten bedroht fühlen. Mehr...

«Unmündigkeit wird sozial erworben»

Atheismus-Serie – Teil 2 Atheismus-Serie: Michael Schmidt-Salomon gehört zu den prominentesten Kritikern der Religionen. Im Interview verrät er, warum sich der Konflikt zwischen Freidenkern und Gläubigen verschärft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Werbung

Kommentare

Blogs

Welttheater Amerikas krassester Bürgermeisterkandidat

Sweet Home Wunderschöne Reise ins Tessin

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Präsentieren ihre Herbstmode: Die Felle dieser Schafe im nordenglischen Troutbeck sind mit fluoreszierendem Orange gefärbt, wodurch Viehdiebe abgeschreckt werden sollen. (29. September 2016)
(Bild: Oli Scarff) Mehr...