Kultur

Theologe Hans Küng: Kein Sinn für Mystik

Von Michael Meier. Aktualisiert am 10.11.2009

Der beredte Glauben eines Unsentimentalen: Der streitbare Theologe hat ein sehr persönliches Buch geschrieben.

«Meine Spiritualität hatte schon immer weniger mit Sentimentalität als mit Rationalität zu tun»: Hans Küng.

«Meine Spiritualität hatte schon immer weniger mit Sentimentalität als mit Rationalität zu tun»: Hans Küng. (Bild: Keystone)

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Das Buch

Hans Küng: Was ich glaube.
Piper-Verlag, München 2009. 319 S., gebunden, ca. 33 Franken.
ISBN 9783492053334

Hans Küng liest am Mittwoch, den 11. November, um 19 Uhr in der Offenen Kirche Elisabethen an der Elisabethenstrasse 10 in Basel.

Für einmal redet der Theologe und Gelehrte Hans Küng in der Ich-Form. Er gibt persönlich Rechenschaft von seinem Glauben, von der «individuellen Religion des Herzens», die sich nicht immer mit der offiziellen Religion decken muss. Es überrascht aber nicht, wenn Küng bekennt: «Meine Spiritualität hatte schon immer weniger mit Sentimentalität als mit Rationalität zu tun.» Er will verstehen und erklären können, was er glaubt oder zumindest, dass er glaubt.

So erweist sich Hans Küng auch in diesem Buch – mit nur 300 Seiten für ihn wohl nur ein Büchlein – klar als Philosophen-Theologe, der dem Grund aller Gründe nachspürt. Sein Glaube speist sich in erste Linie aus einem geerdeten Urvertrauen, weniger aus der volatilen Sehnsucht. Das Grundvertrauen in die Wirklichkeit, wie er es gleich im starken Eingangskapitel darlegt, macht ihn zum selbstbewussten Tatmenschen, der sich im Buch gegen 50-mal selber zitiert. Das Vertrauen auch in die Vernunft lässt ihn als rationalen Vertreter eines sehr beredten Glaubens auftreten. Denn er ist überzeugt: «Das Gott-Vertrauen lässt sich gegen rationale Kritik rational rechtfertigen, nicht mit zwingenden Beweisen, doch mit überzeugenden Gründen.»

Kein Sinn für Mystik

Küng repräsentiert definitiv nicht den Glaubenstyp des Mystikers und Dichtertheologen, der nach Gott dürstet, sich dem Unsagbaren im «Metapherngestöber» nähert, für Momente göttliche Glückseligkeit kostet und dann, in der dunklen Nacht der Seele, sich fast verzehrt vor Sehnsucht nach dem Entschwundenen. Was Buddhismus und Hinduismus wesentlich kennzeichnet, bleibt für Küng im Christentum Marginalie: die Mystik oder die gläubige Innenschau der Mönche und Asketen. So interpretiert er die «dunkle Nacht der Seele» mehr als Depression und gefährlichen psychischen Zustand denn als inneres Moment in der mystischen Dialektik des Auf- und Abstiegs der Seele. Schade, die Mystik als Weg der Glaubenserfahrung quer durch alle Religionen hindurch konnte Küng nie voll anerkennen.

Dabei lässt sich ein rationaler Theologe wie Küng durchaus von der Musik Mozarts beseelen, von der Dichtung Nietzsches inspirieren. Im Kapitel über das Lebensvertrauen tritt er mit ihnen in fruchtbaren Dialog. Hier schildert er auch eine Art Bekehrungserlebnis: Während Jahren auf der existenziellen Ebene von einer Ungewissheit geplagt, spricht er von der unbändigen Freude, ein grundsätzliches Ja zum Leben sagen zu können, das Grundvertrauen zu wagen und sich als Lebensdevise bewusst zu eigen zu machen: «Das Vertrauen auf die Vernunft lässt sich nicht von vornherein beweisen, aber sehr wohl im Vollzug erfahren. Im Sich-Öffnen gegenüber der Wirklichkeit.» Und wenn er sich doch getäuscht haben sollte und er nicht in Gottes ewiges Leben, sondern in ein Nichts einginge? Dann, so Küng, «hätte ich jedenfalls ein besseres und sinnvolleres Leben geführt als ohne diese Hoffnung».

Für den Tatmenschen Küng entfaltet sich Religion praktisch und nützlich im Ethos. Von seinem Projekt Weltethos ist auch in diesem Buch viel die Rede. Insofern wiederholt es Altvertrautes. Und doch bringt es gerade für religiös Suchende oder nur vorsichtig Fragende hilfreiche Differenzierungen, die der unreflektierte Alltagsglaube sonst nicht leistet.

Denkhilfen als Lebenshilfe

Zum Beispiel: Küng ist bei aller Freude an der Natur kein Naturmystiker. Die Naturerfahrung ersetzt ihm nicht die Gotteserfahrung. Das grausame Evolutionsgesetz der Bestangepassten schärft seinen Blick für die Differenz von Natur und Gnade. Genauso reklamiert er einen je eigenen Kompetenzbereich von Naturwissenschaften und Theologie. Die Naturwissenschaft ist «für die Negation Gottes so wenig zuständig wie für seine Bejahung». Für die die Erfahrung übersteigenden Fragen der Transzendenz aber braucht es zwingend die Religion, die Theologie.

Küng vermag auch einleuchtend zu erklären, warum er zugleich säkular und religiös sein kann, warum er als moderner Mensch an der Religion festhält und sich Gott auch von neuzeitlichen Projektionstheorien à la Feuerbach oder Freud nicht ausreden lässt. «Natürlich existiert etwas noch nicht allein deshalb, weil ich es wünsche oder ersehne.» Aber: «Warum soll, kann, darf etwas von mir Gewünschtes, Erhofftes, Ersehntes von vornherein nicht existieren?» An den stärksten Stellen des Buches werden Küngs Denkhilfen zu religiöser Lebenshilfe.

An theologisch neuralgischen Punkten aber bleibt er, der schon genug Konflikte mit Rom heraufbeschworen hat, bisweilen lieber indirekt. So betont er, dass ihn der geschichtliche Jesus der Evangelien mehr interessiert als der von der griechischen Philosophie überformte Christus des Dogmas. Die Gottessohnschaft Jesu stellt er aber nicht explizit in Abrede. Er verweist vielmehr auf den Islam, für den die Erhöhung Jesu zu Gott unzulässig und Jesus darum ein Prophet in einer Reihe mit Moses und Mohammed ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2009, 08:40 Uhr