Tollkühn stürzt sie sich in unsere Krisenzeit
Der diabolischen Struktur des Alltags gewinnt sie subtile Ironien ab: Die gebürtige Ungarin Terézia Mora.
Endlich ein Roman, der wirklich und wahrhaftig von der Gegenwart erzählt! Gegenwartsliteratur nennen wir gemeinhin alles, was aus der Feder lebender Autoren stammt, auch müde Alltagsprosa oder weit in die Geschichte zurückreichende Familienromane. «Der einzige Mann auf dem Kontinent» aber spielt nicht gestern oder vorgestern, er spielt heute. Oder genauer: im Jetzt einer Septemberwoche des Jahres 2008, beginnend am Freitag, dem 5.
Leben im Kuddelmuddel
Wir wissen inzwischen, dass es der Anfang einer weltweiten Wirtschaftskrise war. Die beiden Hauptfiguren des Romans wissen davon nichts: Flora, eine ungarische Übersetzerin, die in einer Berliner Strandbar jobbt, und Darius, der in der IT-Branche arbeitet und sich nicht eingestehen will, dass seine Existenz bedroht ist. Sie leben, wie man das eben so macht, im Kuddelmuddel ihrer Gegenwart. Einen Begriff von dem, was ihnen geschieht, haben sie nicht. Wohl aber ihre Autorin. Und gerade deshalb nennt sie die Arbeitsverhältnisse, die sie schildert, nicht beim Namen. Das Stichwort «Prekariat» fällt so wenig wie das Stichwort «Krise». Der Roman lebt ganz von der überzeugenden Präsenz seiner Hauptfiguren.
Darius Kopp, 43, ist ein «Trumm» von einem Mann. Mehr als 106 Kilo bringt er auf die Waage und ist sogar noch stolz darauf: Immerhin hat er seit einiger Zeit nicht zugenommen. Geerdeter kann man sich einen Mann kaum vorstellen, aber auch nicht selbstgenügsamer. Seine Frau Flora – schlank, hochsensibel und hypernervös – weiss, was sie an ihm hat. Und doch, und doch: Manchmal geht er ihr auf die Nerven.
Ein Held wie ein Brummkreisel
Gut, dass es die Erzählstimme gibt, die ihm seine Verfehlungen zuraunt: dass man halt zum Arzt gehen muss, wenn das Asthmaspray aufgebraucht ist, dass man Eventualitäten einkalkulieren muss, wenn man einen Termin bei einem wichtigen Kunden hat, und dass man eine Ehefrau, die seit drei Jahren versucht, schwanger zu werden, nicht ungetröstet lässt, wenn ihre Menstruation einsetzt, um stattdessen mit den Kumpels durch die Kneipen zu ziehen. Diese Erzählerstimme, weiblich und auktorial zugleich, ist der grosse Fund des Romans. Sie dehnt und staucht die Zeit, sie springt von Kopf zu Kopf, erzählt abwechselnd von innen und von aussen. Und sie treibt den männlichen Helden mit liebevollem Spott wie einen Brummkreisel vor sich her. Mal ermuntert sie ihn, mal liest sie ihm die Leviten, mal umsäuselt sie ihn.
Tollkühn stürzt sie sich hinein in die Gegenwart und erzählt von den spezifischen Belastungen unserer Zeit: von unseren Balanceakten im Alltag, von unseren Jobs, die meist nichts mit den hochfliegenden Träumen zu tun haben, die wir einmal hatten, von den kleinen Fluchten in reale und virtuelle Ablenkungswelten, den Peinlichkeiten und Gesichtswahrungsversuchen und nicht zuletzt von den vielen kleinen Schritten, die man machen muss, um Stunde für Stunde durch den Tag zu kommen.
Darius Kopp vermarktet Sicherheitssysteme für drahtlose Kommunikation im Auftrag einer ominösen Firma, die ihren Sitz in Kalifornien hat. Und weil er ein glücklicher und zufriedener Mensch sein will, der mit allem zurechtkommt, was ihm das Leben so aufhalst, behauptet er stolz, er sei der «letzte Mann auf dem Kontinent». So kann man es auch nennen, wenn nach einer Firmenfusion aus einer festen Anstellung ein Honorarjob wird und wenn man die osteuropäischen Märkte betreuen soll, die sonst keiner will. Fast 40 000 Euro schuldet ihm sein Auftraggeber, und genau diese Summe bringt ein armenischer Kunde in bar in seinem kleinen Büro vorbei. Wie dieses Geld einem Mann, der sich vorgenommen hat, ein anständiger Mensch zu sein, unter den Nägeln brennt, inszeniert Terézia Mora als einen Slapstick von ganz eigener Komik.
Panik vor dem täglichen Pensum
Tatsächlich wächst dieser Darius Kopp auch dem Leser ans Herz, und zwar gerade in seinem Ungenügen. Er tut, was er kann, doch die Ereignisse wollen sich einfach nicht zu seinen Gunsten wenden. Sein Schicksal ist symptomatisch für unsere Zeit. Sie bürdet den Individuen Probleme auf, die sie allein nicht lösen können. Und wenn sie versuchen, sich mit anderen zusammenzuschliessen, gelingt das nicht.
Terézia Moras Roman steckt voller subtiler Ironien, die direkt der diabolischen Struktur unseres Alltags abgelauscht sind. Da geht es um die technische Abschirmung von Kommunikationsmedien, aber Darius Kopp erreicht niemanden, der ihm sagen könnte, was er mit dem verdammten Geldbündel machen soll. Da stapeln sich die Rechnungen, die er bezahlen, die Briefe, die er öffnen müsste, aber immer ist irgendetwas gerade wichtiger. Und vor lauter Panik, sein Pensum nicht zu schaffen, trinkt er Cappuccino um Cappuccino oder geht mal schnell noch etwas essen – und schon ist der halbe Tag wieder rum. Dann noch eine kleine Internetrecherche, plötzlich ist es Abend. Am Ende von Darius Kopps stressiger Arbeitswoche ist nichts erledigt. Nur Flora, die jeden Tag kellnern geht, hat allmählich genug.
In seiner Durchschnittlichkeit ist Darius Kopp ein genauso prägnanter Held wie Abel Nema, das Sprachgenie aus Terézia Moras erstem Roman «Alle Tage». Die starke Erzählstimme macht diesen Roman ebenso zum Ereignis wie die Anschaulichkeit, mit der er Probleme schildert, die nicht zu lösen sind.
Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2009. 300 S., ca. 38 Fr.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.09.2009, 04:00 Uhr





