«Und dann ist Stimmung»

Literaturprofessor und Twitter-Fan Stephan Porombka über gestreamte Bücher und die klassische Wasserglaslesung.

«Das ist für die Verfechter der alten Buchkultur natürlich schlimm»: Stephan Porombka.

S. Porombka

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Amazon bezahlt neuerdings einige Autoren nach Anzahl gelesener Seiten. Was halten Sie davon?
Das ist ein interessantes Experiment, bei dem man nicht gleich in Kulturpessimismus verfallen sollte.

Droht durch ein solches Bezahlmodell keine inhaltliche Trivialisierung?
Genau diesen Reflex kann ich nicht verstehen. Das Modell ist ja noch nicht mal realisiert – wie kann man denn jetzt schon alles monothematisch, flach und schlimm finden? Es ist mir ein Rätsel, auf was sich solche Warnungen beziehen, ausser auf ein generell negatives Lebensgefühl, bei dem konsequent immer Abwehrhaltungen abgerufen werden, sobald es Neuerungen gibt. Man kennt ja dieses Lamento schon aus der Musikbranche bzw. den Streamingdiensten. Da hiess es auch schon, dass die neuen Monetarisierungsmöglichkeiten das Ende des grossen Zeitalters der Popmusik bedeuten. Fakt aber ist, dass derzeit neue kreative Strategien der Musikproduktion und des Musikhörens entwickelt werden.

Inwiefern könnten neue Bezahlmodelle die Literatur verändern?
Die Literatur und die Autoren haben schon immer mit den Regeln ihrer Publikationsmöglichkeiten gespielt. Das Amazon-Bezahlmodell könnte beispielsweise zu einer neuen Form des Kurz- und Kürzest-Erzählens führen, die den Leser dazu bringt, sich immer weiterzuklicken, um neue überraschende Pointen vorgeführt zu bekommen. Es können aber auch neue Formen seriellen Erzählens entstehen, analog dem Aufstieg der modernen Qualitäts-TV-Serien, die ja eine Folge der Veränderungen der Netzkultur und der neuen Streamingmöglichkeiten sind: komplexe Geschichten, die sowohl als Kurzform wie auch als verkettete Erzählung funktionieren.

Gerade der Streamingdienst Netflix berechnet über Algorithmen, was das Publikum mag – und produziert so nach dem Massengeschmack.
Das stimmt, aber ist so zu einfach formuliert. Die Serie «House of Cards» etwa wurde per Algorithmen entworfen. Zu Beginn war man damit erfolgreich, aber die aktuelle dritte Staffel war ein Flop. Der Markt ist dynamisch, die Produktionssysteme komplex: Wer weiss schon, was das Publikum in einem Jahr will? Auf Märkten, die mit Innovationen arbeiten, funktionieren Algorithmen nur begrenzt. Es braucht Autoren, die die Erzählung überraschend und spannend erhalten.

Woher rührt besagter Kulturpessimismus?
Tatsächlich wird in der Idee, das Lesen nur noch nach angeklickten Seiten zu bezahlen, das Buch als Ganzes aufgelöst. Und das ist für die Verfechter der alten Buchkultur natürlich schlimm. Das Buch hat uns ja erzogen, die Sachen als abgeschlossen zu verstehen, als festes Gegenüber. Die neuen Formen des Lesens interessieren sich weniger für das Abgeschlossene. Es geht um Aneignung und um Weiterbearbeitung. Das heisst, dass sich Bücher in Texte verwandeln – und die wiederum erscheinen eher als Material, mit dem man etwas machen kann. Damit verfallen dann eine ganze Reihe von festen Regeln, die uns mit dem Lernen der Buchlektüre beigebracht worden sind. Wobei natürlich gilt, dass heranwachsende Generationen ja tatsächlich vom «Haptischen» des Textes entwöhnt werden und bereits ein anderes Verhältnis zum Lesen entwickeln. Sie wachsen mit digitalisierten, zerlegten Texten auf.

Nun wird der Roman alle paar Jahre wieder für tot erklärt.
Ach ja, diese Diskussion ist furchtbar langweilig. Das Ende von Dingen interessiert mich eigentlich gar nicht. Die viel interessantere Frage ist doch immer: Okay, wenn es jetzt mit dem Roman zu Ende geht, was passiert denn bis dahin noch? Dann haben wir ja noch ein bisschen Zeit zum fröhlichen Experimentieren! Das ist doch toll. Vielleicht ist das Gerede vom Ende des Romans ja nur eine produktive Fiktion, die rumgereicht wird, damit noch ein bisschen was passiert. Wie an einer Party, an der es heisst: Hey, in einer Stunde ists vorbei, jetzt müssen wir nochmals richtig! Und dann ist Stimmung.

Dann lesen Sie nach wie vor Romane?
Das kommt vor. Aber ich melde mich nicht mehr für ein paar Tage ab und versinke in einem Roman. Wenn, dann lese ich ihn parallel zu anderen Texten. Vielleicht lese ich ihn auch nicht ganz, sondern nur Teile davon. Ich habe da aber grundsätzlich keine dogmatische Position. Ich sage nicht: Man soll keine Romane oder Lyrik mehr lesen oder schreiben. Wenn jemand einen 800-Seiten-Roman schreiben will, soll er das tun. Er tut das aber mit einer anderen Geste als einer, der dies im 19. Jahrhundert gemacht hat. Der Zusammenhang von Werk und Gegenwart ist heute ein anderer. Die Gegenwart ist für mich ein Feld der Möglichkeiten, denen ich mich nicht unterwerfen muss. Ich kann mit ihnen arbeiten. Es geht letztlich um einen kreativen Umgang mit Texten – das macht das Lesen und Produzieren im Internet ja so grossartig.

Welche Internet-Textformen faszinieren Sie gerade?
Zum Beispiel die Listacles. Das gilt ja als ganz schlimme Form von Journalismus. Doch die haben eine unglaubliche Erzählgeschwindigkeit. Inzwischen hat das Format auch Eingang in Kolumnen gefunden. Und natürlich Twitter. Günter Grass hat das zwar als Klowand des Internets bezeichnet. Tatsächlich aber ist es eine Art Salon, für den man sich die Gäste selbst zusammenstellen kann und bei dem man die Beiträge einspeist, die man selbst gerne lesen möchte.

Was bedeutet das für die Literaturvermittlung? Eine Eventisierung?
Eventisierung klingt ja schon wieder so schlimm. Es ist aber nicht schlimm. Auch für die Literaturvermittlung gilt, dass sich gerade ein riesiges Feld von Möglichkeiten öffnet, mit denen man experimentieren kann. Dabei geht es nicht darum, die einzige richtige Form zu finden. Es geht darum, auf immer neue Weise zu testen, wie man den literarischen Text in unterschiedliche Präsentationsformen übersetzen kann. Dabei bekommt auch die klassische Wasserglaslesung wieder ihren Ehrenplatz. Allerdings nur als Retro-Format, als Old-School-Inszenierung, in der noch mal die alte meditative, autorfixierte Buchkultur gefeiert wird.

Tut sich der Literaturbetrieb schwerer mit Erneuerungen als andere Kunstsparten?
Die bildende Kunst etwa ist schneller gemacht und schneller rezipiert. Wenn Sie einen Roman schreiben, dauert es Jahre, bis er gedruckt ist. In der bildenden Kunst kann man schneller auf die Gegenwart reagieren. Vor allem: Schneller auf andere Werke antworten. Interne Bezugssysteme entwickeln sich mit hoher Geschwindigkeit. Passiert in der Literatur auch mal etwas schnell, tauchen sogleich die Apokalyptiker auf. Doch vielleicht ist genau das der Kulturvorteil der Literatur: dass sie uns diese apokalyptische Narrative präsent hält. Man darf das dann nur nicht mit der Wirklichkeit verwechseln. Die Literatur ist nicht für die Wirklichkeit zuständig, sondern dafür, wie wir Wirklichkeit beobachten können. Von daher ist es natürlich ihre Aufgabe, aus ihrer extremen Verlangsamung heraus das Netz zu beobachten und uns zu sagen, was man dann sieht, wenn man runterschaltet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.06.2015, 14:27 Uhr)

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Stephan Porombka

Der 47-Jährige ist Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der Universität der Künste in Berlin. Seit Frühjahr erscheint seine Kolumne «Professors Praxis» jeden Donnerstag in der «Zeit». Porombka studierte Germanistik, Politologie und Theaterwissenschaft. Er promovierte über die Geschichte der digitalen Literatur.

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