«Unmündigkeit wird sozial erworben»

Atheismus-Serie: Michael Schmidt-Salomon gehört zu den prominentesten Kritikern der Religionen. Im Interview verrät er, warum sich der Konflikt zwischen Freidenkern und Gläubigen verschärft.

Ameisen sind im Kollektiv intelligent, Menschen nicht: Theorie von Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon.

Ameisen sind im Kollektiv intelligent, Menschen nicht: Theorie von Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon.

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Alain de Botton ist bekennender Atheist. Im Gegensatz zu radikaleren Freidenkern befürwortet er die Religion als sinnstiftende Kultur (Artikel zum Thema: Orgien für Ungläubige). Ist diese Haltung politisch vertretbar oder impliziert «Religion» immer auch ein dogmatisches Glaubenssystem?
Das steht nicht grundsätzlich im Widerspruch zu meinen Auffassungen. Ich habe stets betont, dass die Religionen kulturelle Schatzkammern der Menschheit sind, in denen man Vernünftiges und Menschenfreundliches, aber eben auch Widersinniges und Menschenverachtendes findet. Die entscheidende Frage ist, wie wir heute mit diesem ambivalenten Kulturerbe umgehen. Die Religionen haben hier das Problem, dass sie überkommene Glaubenssätze nicht einfach aufgeben, sondern allenfalls exegetisch umdeuten können. In der Philosophie haben wir diese Hemmungen nicht. Wir können falsche Ideen sterben lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben müssen – und das macht es sehr viel einfacher, das kulturelle Erbe der Religionen anzutreten: Wir können aus diesen Traditionen das übernehmen, was sinnvoll ist, und das verwerfen, was schlichtweg nicht mehr in unsere Zeit gehört.

Ist ein bekennender Atheist, der sich für Religionen stark macht, zu vergleichen mit dem aufgeklärten Glauben, den Sie in Interviews auch schon kritisiert haben? Oder ist das etwas anderes?
Es handelt sich hier um zwei Strategien, die zwar von unterschiedlichen Polen ausgehen, aber sich letztlich irgendwo in der Mitte treffen. Tatsächlich stimmen aufgeklärte Ungläubige mit aufgeklärten Gläubigen in vielen Punkten inhaltlich überein. Warum habe ich den aufgeklärten Glauben denn dann überhaupt noch kritisiert? Nun, weil er ab einem bestimmten Punkt logisch inkonsistent wird. Denn kann man sich redlicherweise noch als «Christ» bezeichnen, wenn man weder an die «Schöpfung» noch an die «Auferstehung von den Toten» glaubt? Meine Erfahrung ist: Viele aufgeklärte «christliche Theologen» sind in Wahrheit getarnte «säkulare Humanisten», die aus sozialen Konventionen heraus noch einen «religiösen Dialekt» sprechen, der einigermassen fromm klingt, es aber längst nicht mehr so meint.

Religionen stiften Sinn, stiften Gemeinschaft. Die Forderung der Freidenker ist, dass Ratio die Grundlage für ein Sinn und Gemeinschaft stiften sollte. Kann die Vernunft das? Oder ist es nicht gerade ihre kritische/skeptische Grundhaltung, die das verhindert?
Als freidenkerischer Philosoph hoffe ich natürlich, dass die Vernunft im gesellschaftlichen Spiel grössere Beachtung findet, allerdings sollte das natürlich keinesfalls auf eine wie auch immer geartete Vernunftsdiktatur hinauslaufen! Schliesslich wissen wir doch, dass es gar nicht vernünftig wäre, immer vernünftig sein zu wollen. Wer hätte sich denn je verliebt, bloss weil dies vernünftig wäre? Ein Vernunftsdogmatiker würde wahrscheinlich das Beste im Leben verpassen! Mein Eindruck ist, dass die meisten Freidenker dies längst erkannt haben und deshalb auch die Ratio keineswegs überbetonen. Gerade sie gehen doch davon aus, dass ein sinnerfülltes Leben nicht zuletzt auch ein sinnlich erfülltes Leben sein sollte. Und es macht nun einmal sehr viel mehr Spass, die Gemeinschaft mit anderen Menschen zu geniessen, statt immer nur einsam im stillen Kämmerlein zu hocken und Kant zu lesen…

Wenn das Leben wirklich nur eine Reihe blinder Zufälle ist, sinn- und zwecklos – ist dann nicht auch die Einstellung der Finanzspekulanten, alles aus dem herrschenden System rauszupressen, auch auf Kosten der zukünftigen Generation – nicht auch vernünftig? Und warum sollte man sich um die zukünftigen Generationen scheren? Wenn ich tot bin, kann es mir egal sein, ob die Welt untergeht.
Wir Menschen sorgen uns doch nicht um andere, weil das in irgendeinem Buch so geschrieben steht, sondern weil wir von Natur aus zu Mitleid und Mitfreude fähig sind! Wir können sogar antizipieren, was künftige Generationen möglicherweise erleiden werden, weshalb einige von uns sehr entschieden für eine nachhaltige Entwicklung eintreten. Das Problem ist, dass die biologisch in uns angelegte Empathiefähigkeit kulturell leicht erschüttert werden kann. So wurden die Menschen in nahezu allen Kulturen darauf trainiert, zwischen den «guten Mitgliedern der eigenen Gruppe» und den «bösen Feinden» zu unterscheiden, denen man natürlich nicht mit gleicher Empathie begegnen sollte. Diese ideologische Scharfmachung des Menschen ist noch heute insbesondere in religiös aufgeladenen Konflikten zu beobachten. In der Wirtschaftswelt ist allerdings ein anderer Aspekt von Bedeutung, nämlich der «Schleier der Abstraktion», der das reale Leid in der realen Welt sehr wirkungsvoll überdeckt. Dem durchschnittlichen Finanzspekulanten ist doch gar nicht bewusst, welches Leid er durch seine ökonomischen Strategien auslöst! Fairerweise muss man zugeben, dass ihm im Hochgeschwindigkeits-Finanzroulette auch keine Zeit bleibt, sich über die ethischen Folgen seines Handelns Gedanken zu machen. An diesem Punkt müssen wir dringend Korrekturen vornehmen.

Es fällt auf, dass viele Freidenker ziemlich radikal sind. Warum ist das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Spiritualität so schlimm? Und warum sind die Freidenker oft so hämisch?
Freidenker kritisieren religiöse Dogmen, wenn sie im Widerspruch zu den Menschenrechten stehen oder mit unserem Wissen über die Welt nicht mehr in Einklang zu bringen sind. Mitunter nutzen sie dabei auch das Instrument der Satire, was Aufklärer aller Zeiten getan haben und meines Erachtens völlig legitim ist. Allerdings kenne ich keinen Freidenker, der sich prinzipiell über das Bedürfnis nach Spiritualität mokieren würde. Im Gegenteil: Richard Dawkins bezeichnete sich als einen «im Einsteinschen Sinne religiösen Menschen», ich selbst habe ausführlich über «rationale Mystik» geschrieben und auf die erstaunlichen Schnittmengen hingewiesen, die es zwischen einer zeitgemässen, religionsfreien Philosophie und den Vorstellungen alter, religiöser Mystiker wie Meister Eckart gibt.

In Ihrem Manifest des evolutionären Humanismus beschreiben Sie Eigennutz als Grundprinzip aller menschlichen Empfindungen und Entscheidungen. In Schach gehalten wird dieser Trieb nur durch den langfristigen Nutzen des kooperativen Verhaltens. Wenn man sich anschaut, in welche Lage der Finanzkapitalismus uns gebracht hat, muss man doch sagen: das Korrektiv hat versagt, der Eigennutz regiert. Vielleicht ein Argument für Glaubenssysteme?
Nein, es ist vielmehr ein Argument dafür, dass wir dringend vernünftige Spielregeln benötigen, die verhindern, dass die Finanzmärkte weiterhin vom globalen Irrsinn regiert werden. Es ist momentan sehr beliebt, die Wirtschaftsmisere auf das angeblich so gierige und ethisch verwerfliche Handeln einzelner Individuen zurückzuführen. In Wahrheit jedoch liegt das Problem tiefer: Wir haben ein ökonomisches System geschaffen, das so konfiguriert ist, dass all die kleinen, rationalen Einzelentscheidungen, die Ökonomen treffen, sich letztlich zu einer einzigartigen Irrationalität aufsummieren. In meinem neuen Buch «Keine Macht den Doofen!», das Mitte Februar erscheint, beschreibe ich dieses Phänomen als «Schwarmdummheit». Es handelt sich um die exakte Umkehrung des Phänomens, das wir bei Ameisen beobachten können: Während sich aus der individuellen Beschränktheit der Ameisen eine kollektive Intelligenz ergibt, resultiert aus der individuellen Intelligenz der Menschen eine kollektive Beschränktheit. Nur wenn wir diese Prozesse von Schwarmdummheit begreifen und wirksame Gegenmassnahmen einleiten, werden wir die globalen Probleme lösen können. Auf Moralpredigten können wir in diesem Zusammenhang getrost verzichten.

De Botton fordert eine Art säkulare Religion. Würden Sie den evolutionären Humanismus als eine solche bezeichnen und wenn nein, warum nicht?
Ich verstehe den evolutionären Humanismus ganz sicher nicht als «Religion», sondern als «Weltanschauung unter Vorbehalt». Warum? Weil er nicht von unerschütterlichen Dogmen ausgeht, die für alle Zeiten gelten sollen, sondern von Hypothesen, die jederzeit überprüft und verändert werden können. Für den evolutionären Humanismus gibt es keine «ewigen Wahrheiten», keine «heiligen Schriften» und selbstverständlich auch keine unfehlbaren Propheten, Priester oder Philosophen. Und genau das macht meines Erachtens die Stärke des evolutionären Humanismus aus: Er ist die vielleicht erste Weltanschauung in der Menschheitsgeschichte, die den Anspruch hat, sich selbst aufzuheben, wenn sich ihre grundlegenden Prämissen als falsch erweisen sollten.

Freidenker und Atheisten pochen auf die Mündigkeit des Bürgers als höchstes Gut. Das ist anstrengend. Die Geschichte legt aber nahe, dass die meisten Menschen weder fähig noch willens zur Mündigkeit sind. Ist Ihr evolutionärer Humanismus nicht elitär?
Nein, er ist sogar radikal anti-elitär, denn er nimmt die bequeme Trennung zwischen der vermeintlichen «Bildungselite» und der angeblich «dummen Masse» nicht hin. Fakt ist doch, dass Unmündigkeit weitgehend sozial erworben wird. Über Jahrhunderte hinweg wurden die Menschen darauf konditioniert, kollektiven Wahnideen zu folgen, statt sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Aber dieses Spiel muss nicht ewig fortgesetzt werden. Immerhin hat uns die Evolution mit einem erstaunlich komplexen und wandlungsfähigen Denkapparat ausgestattet. Wir sollten endlich beginnen, ihn auf intelligentere Weise zu nutzen.

Man stelle sich vor, alle Religionen würden abgeschafft. Würde das nicht eine Lücke hinterlassen? Schliesslich gründen ja fast alle Kulturen, die Kunstgeschichte usw. auf Religionen.
Zunächst einmal: Niemand will Religionen per Dekret abschaffen. Säkulare Humanisten wie ich hoffen allenfalls darauf, dass sich irgendwann einmal die Einsicht durchsetzen wird, dass die sogenannten «heiligen Schriften» ebenso von Menschen gemacht sind wie alle anderen historischen Texte auch. Gesetzt den Fall, wir hätten diese Stufe der kulturellen Evolution bereits erklommen, so bliebe die Auseinandersetzung mit den Religionen natürlich weiterhin interessant, da wir unsere Geschichte nur verstehen können, wenn wir neben den politischen und sozialen auch die weltanschaulich-religiösen Hintergründe der jeweiligen Zeit beleuchten. Dennoch bin ich mir sicher, dass Moses, Jesus und Mohammed irgendwann im kollektiven Bewusstsein der Menschheit ebenso verblassen werden wie zuvor Atum, Thot, Horus, Isis, Amun, Zeus, Dionysos, Pan, Poseidon, Hera, Jupiter, Venus, Vesta, Teutates, Taranis, Odin oder Thor. Wir neigen ja dazu, unseren eigenen Standpunkt in der Geschichte zu verabsolutieren. Deshalb übersehen wir gerne, dass unsere Spezies Homo sapiens, die vor etwa 200'000 Jahren entstand, 99 Prozent ihrer Artgeschichte ohne christliche Kirche auskam. Und es ist nun wirklich nicht zu erwarten, dass die Menschheit in 20'000 oder gar 200'000 Jahren ausgerechnet an den abrahamitischen Religionen festhalten wird. Vielleicht werden die Menschen der Zukunft die grossen Werke Bachs oder Bruckners noch zu schätzen wissen, aber das religiöse Umfeld, in dem diese Musiken entstanden sind, wird ihnen sicherlich ähnlich fremd erscheinen wie uns Heutigen die Götterwelt der alten Ägypter, Griechen, Römer oder Germanen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 31.01.2012, 10:20 Uhr)

Stichworte

Atheismus-Serie

In einer vierteiligen Serie beleuchtet die Kultur- und Gesellschaftsredaktion von Tagesanzeiger.ch/Newsnet das Thema Atheismus aus verschiedenen Blickwinkeln.

Der Deutsche Michael Schmidt-Salomon, Dr. phil, geboren 1967, ist freischaffender Philosoph und Schriftsteller, Musiker und Sozialwissenschaftler, ausserdem Mitbegründer und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, einer «Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung». Zu seinen Veröffentlichungen zählen unter anderem die philosophischen Werke «Jenseits von Gut und Böse – Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind» und «Manifest des evolutionären Humanismus – Plädoyer für eine zeitgemässe Leitkultur» sowie das Kinderbuch «Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel».

Michael Schmidt-Salomon: Keine Macht den Doofen. Eine Streitschrift; Piper 2012. ISBN: 978-3-492-27494-4


Keine Macht den Doofen


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