Unserem Land in die Seele geschaut
Gedichte, gelesen von den Autoren
Hermann Hesse, «Im Nebel»:
Meret Oppenheim, «Kacherache, panache», «Der Hund meiner Freundin»:
Julian Dillier, «Schwyzer Gibät»:
(Die Gedichte «Im Nebel» und «Schwyzer Gibät» publiziert mit freundlicher Genehmigung von Radio DRS.)
Die CD
«Wenn ich Schweiz sage...», Schweizer Lyrik im Originalton von 1937 bis heute in acht Sprachen. 2 CDs, Laufzeit: 136 Minuten. 140 Seiten Booklet (u. a. mit Übersetzungen aller nicht deutschsprachigen Gedichte). Herausgegeben von Roger Perret und Ingo Starz. Christoph-Merian-Verlag; 39 Franken.
Es hat den Schweizern an sich noch selten jemand nachgesagt, sie seien ein genuin lyrisches Volk, obwohl es, wie Hans Magnus Enzensberger meint, «überhaupt kein Gehirn auf der Welt gibt, in dem es nicht von Gedichten wimmelt». Wir werden in dieser Hinsicht unterschätzt. Manchmal sogar von uns selbst.
Am ehesten vielleicht noch stellt man sich den Schweizer als lyrisches Wesen im Idyll seiner landessprachlichen Mundarten vor, wenn auch das Land selbst ja manches Gedicht von hochsprachlicher Erhabenheit inspiriert hat. Das lag allerdings an der Natur, an die – dem Schweizverächter Arno Schmidt zufolge – Gott sich so verschwendet habe, dass für die Menschen nichts mehr übrig geblieben sei, schon gar kein dichterischer Funken.
Die Autoren sprechen
Aber es ist natürlich nicht wahr, dass wir keine Dichter haben, die in der poetischen Realität Europas bestehen können. Es war nie wahr. Prächtige Gegenbeweise (sie haben etwas von trotziger Landesverteidigung) liegen vor, beispielsweise in Peter von Matts Sammlung «Die schönsten Gedichte der Schweiz» (Nagel & Kimche, 2002); und besonders schön, gewissermassen als Gemisch und Konzert von Dichterstimmen, werden sie jetzt erbracht in der Hörbuch-Anthologie «Wenn ich Schweiz sage . . .», herausgegeben von Roger Perret und Ingo Starz. Wir begegnen da Schweizer Lyrik von 1937 bis heute in ihren Originaltönen: nämlich gesprochen von den Autoren und Autorinnen selbst.
Das ist nun nicht nur ein Gang durch die lyrischen Zeiten, sondern auch ein editorisch souverän arrangierter Dialog dichterischer Temperamente. Hermann Hesses feierliche Melancholie («Im Nebel», eine Aufnahme von 1944) reibt sich an Hans Arps behäbig vorgetragenem Sprachspiel («Kaspar ist tot», 1958). Der grosse Romand Philippe Jaccottet trifft auf sich selbst als deutschsprachiger Dichter. Eine Erinnerung von Silja Walter antwortet einer von Meret Oppenheim. Die Lakonie widerspricht dem Pathos und umgekehrt.
Einiges fehlt
Und während Lyriker hörbar in sich dringen, um aus sich herauszukommen, und weil sie der Schweiz in die Seele schauen und über die Schweiz hinaus, entsteht so etwas wie das Hörbild einer mindestens achtsprachigen Moderne (denn neben den Landessprachen erweisen sich Englisch, Spanisch oder Jiddisch und auch ein kunstvoll konzentriertes Migrationsdeutsch als durchaus schweizerische Lyrik-Idiome). Vor dieser Melodiefülle wirkt dann die gerade dampfende Mundartdebatte ein wenig spiessig, nebenbei gesagt.
Einige Stimmen fehlen mangels tauglicher Aufnahmen. Und wenigstens zwei, zu unserem Bedauern, obwohl es Aufnahmen gäbe. Gern hätte man doch noch einmal den 1999 verstorbenen Solothurner Dieter Fringeli gehört, diesen widerständigen, oft so traurigen Poeten. Oder den sehr lebendigen Form-, Lautund Sprachkünstler Urs Allemann (ein Virtuose des Vortrags übrigens). Die Freude an den lyrischen Klangvaleurs wäre dann ganz und gar rein gewesen.
Erstellt: 02.11.2010, 14:32 Uhr















