Vater stirbt, Mutter ringt um Fassung
Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 14.05.2009
Judith Hermann hält in ihren neuen Erzählungen Momente des Sterbens fest. (Bild: JUERGEN BAUER)
Das Buch
Judith Hermann: Alice. S. Fischer. 190 S., ca. 35 Fr.
Der Krebs hat seinen Körper zerfressen. Und was mit seinem Geist ist, weiss keiner. Denn Micha liegt nur noch da, zum Skelett abgemagert, und atmet ein und aus, ein und aus. Tagelang, nächtelang. «Das war alles.»
Das ist natürlich noch lange nicht alles. Micha ist Vater, das Kind ein Jahr alt, seine Frau eine hilflose Sterbebegleiterin und seine Ex-Freundin Alice eine Stütze für die Frau. Und auch das ist noch lange nicht alles: «Micha» ist eine der fünf Erzählungen über das Sterben in Judith Hermanns neuem Band «Alice». Und wo die Berlinerin Augenblicke bannt, «dem Fluss der Zeit etwas entgegenhält» (Hermann über ihr Schreiben), da bannt sie auch uns. Ihre neuen, locker verbundenen Texte zeigen, wie eine, die talentiert war und «zu Tode gelobt» wurde, mit einem Buch übers Sterben literarisch wiederaufersteht.
«Alice» präsentiert nicht eine völlig andere Hermann, aber eine gereifte: Das Buch lässt uns eine Autorin entdecken, die mit kühlen, kurzen Sätzen den Lack am Sarg abkratzt; eine, die die gelben Wertherhosen genauso abgelegt hat wie den schwarzen Rollkragenpulli der Existenzialisten. Es ist, als habe Judith Hermann die Melancholie ihrer postpubertären, kettenrauchenden Mittzwanziger und -dreissiger aus dem vielfach preisgekrönten Erstling «Sommerhaus, später» und dem zweiten Erzählband «Nichts als Gespenster» herunterbuchstabiert auf die Basics: Michas Atemzüge, «ein und aus. Ein und aus. Ein und aus». An der Tabuzone Tod entlang
Ein Risiko ist dieser Ansatz allemal: Wer sich ans Grosse, Grundsätzliche wagt, landet leicht beim Abgegriffenen. Doch der 1970 geborenen Schriftstellerin ist das Wagnis, mit Abstrichen, gelungen. Besonders die ersten drei Erzählungen «Micha», «Conrad» und «Richard» vollziehen virtuos eine Gratwanderung. Alice ist dabei, als diese drei Freunde sterben, und ist es auch wieder nicht. Wie unsere Gesellschaft schrammt sie an der Tabuzone Tod entlang, schaut mit grossen Augen zu – und dann schnell wieder weg.
Pragmatische Frauengestalten
In «Micha» wird sie von der jungen Mutter zu Hilfe gerufen, passt auf das Baby auf, macht Einkäufe. In «Conrad» besucht sie den alten Freund in Italien und bekommt ihn dennoch kaum zu Gesicht, weil eine (schliesslich tödliche) Grippe ihn erwischt hat. Und in «Richard» liegt der Sterbende im Zimmer nebenan, während seine Frau und Alice sich über ihn unterhalten.
«Wenn es vorbei ist, werde ich umfallen», sagt die Frau – eine dieser starken, pragmatischen Frauengestalten des Bandes, die ihren siechen Männern zur Seite stehen und nicht zusammenklappen. Und wie sie halten auch Judith Hermanns Texte den Atem an, sind festgezurrt in einem Stil, der sich keine Sentimentalitäten erlaubt; und Sensationsgier erst recht nicht. «Mich fasziniert die Momentaufnahme und auch die Ratlosigkeit, in die Kurzgeschichten einen entlassen», beschrieb die Raymond-Carver-Enthusiastin Judith Hermann ihre Faszination fürs schwerer verkäufliche, kurze Genre einmal. Und «Alice» – das ohne Frage auch als eine Form von offenem Stationenroman durchgehen könnte – ist eben dieser Lust hinterher geschrieben: Das Skandalon des Sterbens wird der Heldin immer wieder in den Weg geworfen; sie hält inne, protokolliert, referiert auf jeweils rund 40 Seiten. Aber Antworten findet sie keine.
Alice hat etwas von einem Engel, einem Geschöpf der Zwischenwelt. Sie ist eine Gestalt zwischen Tod und Leben, zwischen Schmerz und Abschottung. Sie geht im glasklaren, kalten See schwimmen, während Conrad im Spitalzimmer schwitzt; sie beobachtet, wie die Mousseline-Vorhänge in der Zugluft zarte Wogen werfen, hoch über Richards vertrocknendem Schädel. Die Zeit scheint festgefroren in diesen Momenten und verrinnt trotzdem unerbittlich – für jeden. «Das wirst du doch nicht wissen, wann deine letzten Tage sein werden», weist sie in der letzten Geschichte, «Raymond» (an Carver darf gedacht werden), ihren Bekannten zurecht, mit dem sie seinerzeit nach Italien zu Conrad gefahren war. Das klingt fast nach dem antiken «mors certa, hora incerta» («Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss») und ist doch mit leichter Hand eingebettet in die Erzählung von Alices eigenem Verlust.
Tragödie in fünf Sterbeakten
Der Haken dieses letzten Textes ist denn auch nicht die altkluge Attitüde, in die Alice im Verlauf der letzten Monate hineinwächst, als ein Todesfall den nächsten jagt. Was irritiert, ist der bis ins letzte Abschiedswinken aufrechterhaltene aseptische Gestus der Erzählerin. Das klingt fast schon nach Etüde, wenn nach dem vierten Akt dieser Tragödie des Sterbens – in dem es um Alices toten Onkel Malte geht, den sie nie gekannt hat – der fünfte Akt in die Katastrophe umschlägt: Alice, das Wesen auf der Schwelle, wird selbst getroffen, ihr eigener Partner Raymond stirbt.
Sie lässt sich trotz allem noch weniger festnageln als zuvor. Nie erfahren wir, woran Raymond gestorben ist. Und jeder Kummer wird – herunterbuchstabiert auf die Basics. «Das Ersatzteil fürs Auto, die Tüte mit dem Rest des Mandelhörnchens. Der halbvolle Karton mit der Jacke, dem T-Shirt, diesem und jenem, neben dem Koffer von Micha.» Mehr bleibt nicht von Raymond, und jedes Wort der Trauer wäre zu viel. Es sind die Dinge, die schreien – wie der stumme Koffer, der bei jedem Anheben schwerer erscheint.
Das ist emotionale Kahlschlag-Literatur vom Konsequentesten – kunstvoll und klug, aber nicht bis ins Letzte auch Kunst. Aber immerhin: Judith Hermann tappt nie in die Falle der Konvention, auch in diesem Buch über einen klassischen literarischen Topos nicht. Und über lange Strecken funktioniert diese streng kuratierte Ausstellung der Bruchkanten des Lebens: dort nämlich, wo Alice die ihr zugedachte Rolle behalten darf – als Besucherin, die nicht wirklich daheim ist in dem Land, in dem die Köpfe rollen; genau wie ihre Namensvetterin aus der carrollschen Kindergeschichte. Judith Hermann lässt Männer sterben, Frauen still um Fassung ringen, und Alice, die Freundin, Begleiterin, Zuschauerin, ist unsere Führerin durch diesen ganz normalen Albtraum. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.05.2009, 08:36 Uhr





