Rezension

Vor der sexuellen Revolution

Es ist die Gretchenfrage des Westens an den Nahen Osten: Wie haltet ihrs mit dem Sex? Shereen El Feki hat ein umfangreiches Buch über das Liebesleben in der sich wandelnden islamischen Welt geschrieben.

In den islamischen Gesellschaften ringen liberale und konservative Kräfte um die Vorherrschaft: Kulturclash am Badestrand von Dubai.

In den islamischen Gesellschaften ringen liberale und konservative Kräfte um die Vorherrschaft: Kulturclash am Badestrand von Dubai. Bild: AFP

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Wo liegen die grössten Differenzen zwischen dem Westen und der arabischen Welt? Ist es die Auffassung über Demokratie und Menschenrechte, über Religion? Nein. Laut dem erhobenen «World Values Survey», der den globalen politischen und sozialen Wandel dokumentiert, sind es die unterschiedlichen Vorstellungen bezüglich Geschlechterrollen und Sexualität. Aber kann es sein, dass die Muslime in Sachen Sex wirklich so anders ticken als die Menschen im Westen? Und wie ticken sie überhaupt?

Sex als Linse

Diese Frage stand am Anfang des soeben erschienenen Buches «Sex und die Zitadelle» der englisch-ägyptischen Journalistin und Ärztin Shereen El Feki. Als Tochter eines Ägypters und einer Engländerin in Kanada aufgewachsen, hatte sie sich zunächst nicht sonderlich für ihr muslimisches Erbe interessiert. Erst nach den Anschlägen des 11. Septembers begann sie sich mit ihrer Herkunft auseinanderzusetzen – und reiste nach Ägypten, um das Land ihrer Vorväter besser zu verstehen.

Warum ausgerechnet die Sexfrage? «Sex ist für mich wie eine Linse, durch die ich die Vergangenheit und die Gegenwart eines Teils der Welt betrachte und analysiere», sagt die Autorin dazu. Fünf Jahre lang bereiste El Feki die arabische Welt und befragte Wissenschaftler, religiöse Führer, Sexarbeiterinnen, Ehemänner und Studenten nach ihrem Umgang mit Sexualität. Entstanden ist eine Art Kinsey-Report des islamischen Raumes. Nur dass El Feki nicht mit Statistiken operiert, sondern das qualitative Porträt einer islamischen Gesellschaft zeichnet, in welcher Kräfte des Aufbruchs und der Tradition miteinander ringen.

Das Gegenteil von Sport

Das Buch bestätigt zwar viele westliche Vorstellungen von Tabuisierung und sexueller Unterdrückung der Frauen. Es zeigt aber auch, dass dies durchaus nicht die einzigen wirksamen Kräfte in den muslimischen Gesellschaften sind. «Es gibt», schreibt die Autorin, «eine Kluft zwischen öffentlichem Anschein und privater Wirklichkeit.» Die private Wirklichkeit umreisst El Feki in vielen Beispielen und ergänzt sie mit historischen Abrissen und interkulturellen Vergleichen zwischen Westen und Nahem Osten. Dass sie ihren Gegenstand neugierig und empathisch beschreibt, dabei aber auch ihre Perspektive als Westlerin kritisch reflektiert, gehört zu den grossen Stärken des Buches.

«In der arabischen Welt ist Sex das Gegenteil von Sport», erklärt da zum Beispiel ein ägyptischer Gynäkologe. «Jeder spricht über Fussball, aber kaum einer spielt Fussball. Sex dagegen hat jeder, aber niemand will darüber sprechen.» Das war allerdings nicht immer so, wie El Feki detailliert zeigt. Aus dem 19. Jahrhundert ist belegt, dass man in der arabischen Welt ziemlich freizügig mit Sex umging. Sexuelle Aufgeschlossenheit, so berichtete der tunesische Soziologe Abdelwahab Bouhdiba, sei damals als Element der geistigen Blüte jener Zeit betrachtet worden. Das Ende kam mit dem allgemeinen Niedergang der arabischen Kultur seit dem 19. Jahrhundert, eingeläutet von der Kolonialzeit und verschärft in den letzten fünfzig Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Die radikalen arabischen Denker des 20. Jahrhunderts, die nach Gründen für den Aufstieg Europas und den Niedergang ihrer eigenen Länder fragten, hätten die sexuelle Freizügigkeit dann als Symptom für Dekadenz und Niedergang der eigenen Welt uminterpretiert. Die geistigen Väter der Muslimbruderschaft nahmen dieses Motiv auf und zeichneten den Westen als hypermaterialistische Gesellschaft, in der sexuelles Chaos und moralischer Zerfall herrsche, ein Bild, das sie als Kontrastfolie für ihren eigenen, strengen Konservatismus nutzten.

Religiöser als die Eltern

Heute, schreibt die Autorin, entspreche das sexuelle Klima in Ägypten in groben Zügen jenem, das vor der sexuellen Revolution im Westen herrschte. Der einzige gesellschaftlich anerkannte Rahmen für Sexualität ist die staatlich registrierte, von den Familien abgesegnete, religiös sanktionierte Ehe, was aber nicht bedeutet, dass vorehelicher Sex, Homosexualität oder Sexarbeit nicht existieren würden. Und es sind in der ägyptischen Gesellschaft auch Kräfte am Werk, welche im Europa der Fünfzigerjahre gesellschaftlichen Wandel vorantrieben: Ringen um Demokratie, rasches Wachstum von Städten, Auflösen familiärer Strukturen, Lockerung der sozialen Kontrolle über das individuelle Verhalten, die sich wandelnde Rolle der Frau. Dies bedeute allerdings nicht unbedingt, dass der arabische Raum dieselbe Entwicklung durchmachen würde, wie der Westen – selbst dann, wenn die liberalen Kräfte die Oberhand gewinnen würden. El Feki nimmt eine einleuchtende Metapher zu Hilfe: Die gesellschaftlichen Veränderungen seien so etwas wie ein Flugzeugträger gewesen, von dem die sexuelle Revolution im Westen abgehoben sei. Aber selbst wenn im arabischen Raum ebenfalls ein Flugzeug von einem ähnlichen Träger losfliegen sollte, würde es wahrscheinlich ein anderes Ziel anfliegen. Denn trotz dem Wunsch nach einer gesellschaftlichen Veränderung und einem erfüllteren Sexualleben seien viele junge Leute in Ägypten religiöser als noch ihre Elterngeneration.

Dennoch habe mit dem arabischen Frühling, so schreibt die Autorin, eine Veränderung begonnen, die zu einem freieren Zugang zu einem breiten Wissen über Sex führen werde. Die vor allem den Frauen mehr sexuelle Rechte bringen werde, auch wenn sie glaubt, dass die arabische Gesellschaft in Sachen Sexualität ihren eigenen Weg suchen und finden wird.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.03.2013, 11:24 Uhr

Feki, Shereen, El, «Sex und die Zitadelle», Hanser Berlin, 414 Seiten, ISBN 978-3-446-24152-7, CHF 37.90.

Sex und die Zitadelle

«Sex ist für mich eine Linse, durch die ich Vergangenheit und Gegenwart betrachte»: Autorin Shereen El Feki. (Bild: Hanser Verlage)

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