«Voreilig beerdigt»

Kann mehr Sozialismus gegen die heutigen Krisen helfen? Ja, sagt Philosoph Axel Honneth. Aber die Linke müsse Ideologieballast loswerden.

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Europa leidet wie seit 1945 nicht mehr. Ist das der richtige Moment, um über eine Weiterentwicklung des Sozialismus zu diskutieren?
Als ich mein neues Buch schrieb, war die Eskalation der europäischen Krise, waren die Migrationsbewegungen nicht absehbar. Damals drehte sich die öffentliche Debatte um die Nachwirkungen der Finanzkrise – um das Unbehagen gegenüber einer weiteren Entgrenzung des Kapitalismus und das schmerzliche Vermissen politischer Alternativen. Dieses Unbehagen bleibt bestehen – welchen Ausgang die Flüchtlingskrise auch immer nehmen wird. Ebenso mein persönliches Unbehagen darüber, dass der Sozialismus voreilig beerdigt wurde.

Wie meinen Sie das?
Der Sozialismus hat eine Geschichte von weit über hundert Jahren hinter sich, er begeisterte Generationen. Es leuchtet mir nicht ein, warum das Ende eines Staates, der sehr früh seine Ideale verriet – ich spreche von der Sowjetunion –, mit dem Ende des Sozialismus gleichgesetzt werden sollte.

Erneuern die südeuropäischen Linksparteien Syriza und Podemos denn gerade den Sozialismus?
Bis jetzt nicht. Ich erlebe diese Parteien vor allem als Verteidiger des sozialdemokratischen Erbes; sie führen einen Abwehrkampf gegen die neoliberalen Reformen, die die EU ihren Ländern diktiert. Ihr visionäres Potenzial ist klein.

Wie beurteilen Sie den Erfolg von US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders?
Sanders ist ein Phänomen. Im Gegensatz zu Europa gibt es in den USA ja keine sozialistische Tradition, auf die sich ein Sanders berufen könnte. Viele Liberale zumal der Ostküste scheinen aber mittlerweile von den ökonomischen Verhältnissen derart frustriert zu sein, dass sie nach durchgreifenden Massnahmen Ausschau halten. Ihr Unmut gibt Sanders Auftrieb. Er könnte so tatsächlich zum Gründervater eines neuen, amerikanischen Sozialismus werden. Dieser hätte aus europäischer Sicht starke sozialdemokratische Züge. Aber was bei uns herkömmlich als sozialdemokratisch gilt, klingt in den USA heute revolutionär. So zum Beispiel eine drastische Erhöhung der Vermögenssteuer oder eine strikte Sozialbindung des Eigentums an Produktionsmittel – alles übrigens Massnahmen, die im amerikanischen New Deal bereits praktiziert worden waren. Bei allem Staunen über Sanders sollte man jedoch nicht vergessen, dass seine Wahlchancen noch immer minimal sind.

Dass die Linke in Europa trotz prekärer Arbeitsverhältnisse und wachsender Ungleichheit in der Defensive ist, erklären Sie mit einer «Fetischisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse». Was bedeutet das konkret?
Ökonomische Transaktionen sind unglaublich komplex und undurchsichtig geworden. Die meisten Menschen verstehen nicht einmal mehr im Ansatz, wie heute gewirtschaftet wird. In der Folge akzeptieren sie die Konsequenzen der Ökonomie als Naturgesetze, als unveränderbar und unkontrollierbar. Die Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse und die Auszehrung des Staates sind selbstverständlicher Teil dieser Logik. Die Tatsache, dass in einem Land wie Deutschland die öffentlichen Schulen verrotten, keine Schwimmbäder mehr gebaut und Spitäler nach ökonomischen Richtlinien geführt werden, hätte vor dreissig Jahren zu Protesten geführt. Heute wird das schweigend hingenommen. Die Wissenschaftler, die diese Prozesse eigentlich durchschauen müssten, bemühen sich ihrerseits viel zu wenig darum, zu zeigen, dass ökonomische Prozesse veränderbar sind – und das, obwohl die Finanzkrise 2008 ja eigentlich viele Dogmen infrage gestellt hat. Auch der Erfolg eines Thomas Piketty hat an der eigentümlichen Fantasielosigkeit und Selbstisolation der Wirtschaftswissenschaften leider nichts geändert.

In der Schweiz scheitern linke Initiativen an der Urne reihenweise, während konservative regelmässig Mehrheiten finden. Warum?
Das wäre im Einzelnen zu analysieren. Grundsätzlich misslingt es der Linken aber auf erstaunliche Weise, ihre unzweifelhaften Errungenschaften ins öffentliche Bewusstsein zu rücken: Einführung elementarer politischer Teilhabe wie das Frauenstimmrecht, Abschaffung der Kinderarbeit, Verbesserung der Arbeitsverhältnisse und so weiter – alles linke Errungenschaften! Gelänge ihr das besser, hätten wohl auch ihre nach vorne gerichteten Anliegen und Reformprojekte grössere Chancen.

In Ihrem Buch skizzieren Sie eine Reform des Sozialismus. Er müsse sich von Erblasten befreien, um zukunftsfähig zu werden.
Eine verheerend falsche Prämisse war die Missachtung der liberalen Freiheitsrechte. Man dachte, die Rechte des Einzelnen seien vernachlässigbar, weil seine Bedürfnisse und Ziele ja ohnehin im Kollektiv aufgingen. Ein anderes Grundproblem ist ein massiver Glaube an historische Gesetze: die Vorstellung, dass sich die kommunistische Gesellschaft zwangsläufig durchsetzen werde.

Stattdessen plädieren Sie für einen «experimentellen Umgang mit geschichtlichen Prozessen und Potenzialen». Bei den grausamsten Experimenten der Geschichte sind die Sozialisten ganz vorne dabei: Stalin, Mao, Pol Pot...
Deren Experimente verliefen deshalb grausam, weil sie die beiden zentralen Voraussetzungen eines echten sozialistischen Experiments ignorierten. Es darf erstens keine Praxis verletzen, die sich historisch bewährt hat – so wie zum Beispiel die Staatsform der Demokratie. Zweitens hat der experimentelle Sozialismus keine Vorstellung eines idealen Endzustands, zu dessen Erreichung Durststrecken überwunden und Opfer gebracht werden müssen. Sondern er arbeitet auf eine sukzessive Verbesserung der aktuellen Verhältnisse hin.

Als weitere Erblast bezeichnen Sie die Konstruktion einer revolutionären Arbeiterklasse. Welcher Adressat wäre heute erfolgversprechender?
Es mag sein, dass das heutige Dienstleistungsproletariat, das etwa in Callcentern oder in Reinigungsfirmen in komplett deregulierten Arbeitsverhältnissen beschäftigt ist, ganz besonders der parteilichen Aufmerksamkeit einer sozialistischen Politik bedarf. Aber deswegen ist es nicht der prädestinierte Träger sozialistischer Politik. Es geht gerade nicht darum, nach einem bestimmten Träger oder Adressaten zu suchen und alle anderen Interessenten zurückzustossen: Adressat sollte jeder sein, der guten Willens ist, die Gesellschaft zu bessern. Es gibt keine soziale Gruppe, die aufgrund ihrer Stellung im Produktionsprozess besonders geeignet wäre, das Projekt des Sozialismus in Angriff zu nehmen.

Der Linken wird häufig vorgeworfen, sich um die Bedürfnisse der Wirtschaft zu foutieren. Sie hingegen meinen, dass dem Sozialismus gerade die Fixierung auf ökonomische Fragen mit zum Verhängnis geworden sei. Eine Ironie der Geschichte?
Tatsächlich. Zumal der Ursprung des Sozialismus im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht auf die ökonomischen Fundamentalisten Marx und Engels zurückgeht, sondern auf die Französische Revolution. Frühsozialisten wie Fourier, Proudhon oder Louis Blanc erinnerten vor Marx an die Versprechungen der Revolution – daran, dass die Versprechen der Gleichheit und der Brüderlichkeit vom Liberalismus allein nicht eingelöst werden konnten. Der Sozialismus ist keine Alternative zur Französischen Revolution, sondern vielmehr ein Versuch, deren normative Ideale zu verwirklichen.

Sie kritisieren den liberalen Freiheitsbegriff als zu egoistisch: Freiheit könne nicht nur in der kompetitiven Abgrenzung von anderen, sondern auch im Füreinander entstehen. Was stellen Sie sich darunter vor?
Lebensgemeinschaften, in denen die Arbeitsteilung auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten anderer ausgerichtet war, hat es immer schon gegeben. Wir alle haben schon ungezwungene Stunden im Kreis von Freunden und Familien verbracht und so beiläufig eine Ahnung einer solchen sozialen Freiheit gewonnen. Eine eindrückliche Darstellung dieser Vision sehen wir in Peter Weirs Film «Der einzige Zeuge», in dem Amische in einer sehr mächtigen, ergreifenden Szene gemeinsam ein Haus erbauen.

Historiker Francis Fukuyama meinte, dass die Idee der liberalen Marktwirtschaft nicht mehr aus der Welt zu schaffen sei. Vermuten Sie letztlich, dass das auch auf den Sozialismus zutrifft?
Das Versprechen des Sozialismus wird so lange wach bleiben, solange die Wiedereingliederung der Wirtschaft in die Gesellschaft nicht abgeschlossen ist. Solange also die Anliegen der Menschen und die Anliegen der Wirtschaft nicht kongruent sind. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 24.02.2016, 16:23 Uhr)

Axel Honneth (*1949) ist Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, der berühmten, von Horkheimer und Adorno geprägten Stätte der Kritischen Theorie. Zudem lehrt der Philosophieprofessor an der Columbia University in New York. (Bild: zvg)

Axel Honneth: Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2015. 168 S., 32 Fr.

Video

Die von Honneth erwähnte Szene aus dem Spielfilm «Witness».

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