Waadtländer Monstrum

Eine unheimliche Geschichte aus gar nicht so alten Zeiten: «Der Vampir von Ropraz» von Jacques Chessex.

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«Der Kopf ist nicht mehr da», schreit der Totengräber Cosandey, nachdem er die Hand in den aufgebrochenen Sarg gesteckt hat. Erst zwei Tage zuvor hatte man Rosa Gilliéron, die zwanzigjährige Tochter des Friedensrichters, zu Grabe getragen. Nun schreibt man in Ropraz den 21. Februar 1903, und dieser Tag wird sich den Menschen im waadtländischen Haut-Jorat ins Gedächtnis eingraben. Zwanzig Jahre erst ist es her, dass hier der letzte Wolf geschossen wurde, doch nun scheint es, als habe ein Monstrum in Menschengestalt die Gegend heimgesucht.

Rosas Kopf ist noch da, aber nicht mehr da, wo er sein sollte. Gesicht, Brust, Glieder und Geschlecht der Toten sind zerschlitzt, zerbissen, zerkaut, gefressen, ausgespieen – in wahnsinniger Raserei geschändet. Bald ist vom «Vampir von Ropraz» die Rede, und Rosa wird nicht sein einziges Opfer bleiben.

Fieberhaft sucht man den Täter, und rasch wird man fündig. Charles-Augustin Favez heisst der Beschuldigte. Er ist ein Kind aus «benachteiligten Verhältnissen, wo Alkohol, Inzest und Analphabetismus atavistische Plagen sind», kommentiert der Erzähler des schmalen, novellenartigen Romans. Von seinen Pflegeeltern missbraucht, war er schliesslich einer Kaufmannsfamilie in Mézières anvertraut worden, die sich seiner – offenbar zu spät – angenommen hatte.

Spitze Schneidezähne

Für sein Alter zu stark entwickelt und zu Wutanfällen neigend, muss Favez nicht nur ein äusserst schwieriges, sondern ein unheimliches Kind gewesen sein – mit rot unterlaufenen Augen, «als würde ihm das Tageslicht weh tun». Und «mit ungewöhnlich langen Zähnen, die Schneidezähne sind spitzer als normal, was seinen Mund zu einem schwer erträglichen Grinsen verzerrt». Steht ihm die Schuld nicht buchstäblich ins Gesicht geschrieben?

Der Vampir, der uns hier aus den Augen eines rohen waadtländischen Bauernburschen entgegenblickt, ist nicht das erste atavistische Monstrum, von dem sich der 1934 geborene Jacques Chessex hat inspirieren lassen. Für seinen Roman «L`Ogre» («Der Kinderfresser») wurde er 1973 als erster Schweizer mit dem franzöischen Prix Goncourt ausgezeichnet.

Dass Favez sich sexuell an Tieren vergangen hat, scheint erweisen, aber hat er auch die Leichen junger Frauen aus ihren Gräbern gezerrt und ist über sie hergefallen? Sein Fall zieht nicht nur Ärzte und Kriminologen magisch an, sondern auch eine rätselhafte «weisse Dame», die ihn mehrfach in der Haftanstalt aufsucht.

Überall in der Gegend hatte man auch «den Christus wieder hervorgeholt, den man noch aus katholischen Zeiten besitzt.» Knoblauchgirlanden, Heiligenbildchen und Kreuze hatten die Heimsuchung bannen sollen, bis die Verhaftung von Favez ihr dann eine menschliche Gestalt verlieh. In ihm verkörpern sich die unterdrückten Begierden und verleugneten Fantasien einer Welt, die ihn hervorgebracht hat, und deren juristische Inkriminierung scheint wirksamer als jeder traditionelle Bannzauber.

Moritat verdrängter Lüste

Jacques Chessex trifft den moritatenhaften Tonfall alter Schauergeschichten, in denen «authentische» Kriminalfälle einem die Nerven kitzelnde Abstiege in die infernalischen Regionen verdrängter Ängste und Lüste gewähren. Dies ist ein Roman, der beinahe ohne Dialoge auskommt, denn hier wird erzählt, was kaum eine seiner Gestalten zu Sprache hätte bringen können oder wollen. Erst im dritten Kapitel wird überhaupt gesprochen, nein gebrüllt, und dabei handelt es sich nicht um eine Ansprache an einen anderen, sondern um einen unkontrollierten Aufschrei blanken Entsetzens. Er stammt aus dem Mund eines Mannes, der es gewöhnlich mit sehr stillen Menschen zu tun hat: «Der Kopf ist nicht mehr da!» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2012, 14:14 Uhr

Jacques Chessex, «Der Vampir von Ropraz», Nagel & Kimche, 95 Seiten, ISBN 978-3-312-00416-4, CHF 19.90

Der Vampir von Ropraz

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