Kultur

Wachtmeister Studer trotzt dem Bild der braven Schweiz

Von Thomas Klingenmaier. Aktualisiert am 05.12.2008 2 Kommentare

So friedlich, klar und ordentlich, wie jeder gerne versichert, ist die Schweiz nicht. Dies ist bei jedem Wachtmeister-Studer-Krimi ein Thema. Der Schöpfer Studers, Friedrich Glauser, starb am Montag vor 70 Jahren.

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Friedrich Glauser, aufgenommen im Sommer 1938 in Nervi.
Bild: Keystone

   

Glauser

Am Montag, 8. Dezember, findet im Zürcher Kaufleuten ein Glauser-Abend statt. Frank Göhre liest aus seinem Glauser-Roman «Mo» und diskutiert mit dem Schriftsteller Hansjörg Schneider (Glauser-Preisträger) und dem Illustrator Hannes Binder. Bis 13. Dezember sind in der Pelikan-Bar Bilder von Hannes Binder zu Glauser zu sehen.

«Es war ja alles gelogen, warum also zuhören», denkt sich der Titelheld von «Wachtmeister Studer» einmal während einer Befragung, und benennt damit eine Grundperspektive der Kriminalromane von Friedrich Glauser. In denen wird der braven Schweiz nicht geglaubt, dass sie so ist, wie sie sich darstellt. Den Dörfern, den Städten, den Behörden, den Bürgern glaubt der Studer nicht, er nimmt erst einmal unaufgeregt alles als Fassade, was ihm präsentiert wird.

Es gibt ja immer ein Opfer, das bezeugt, dass doch nicht alles so friedlich, klar, ordentlich und arglos ist, wie jeder gerne versichert. Aber – und erst dieses Hinzufügen der Gegenposition macht Glauser, der am 8. Dezember vor siebzig Jahren gestorben ist, zu einem grossen Autor – diese Krimis sind auch voller Glaubenwollen, voller Sehnsucht nach dem Festen und Beständigen. Sie kehren elementare Gewissheiten hervor, setzen auf das Bauchgefühl, das warnt und trauen lässt, sie stellen einen ganz und gar verlässlichen, wenn auch manchmal ohnmächtigen Mann vor uns hin, eben diesen so menschenfreundlichen wie misstrauischen Studer.

«Schlumpfli», spricht der Polizist den Hauptverdächtigen Ernst Schlumpf in «Wachtmeister Studer» an, der zuerst im Sommer 1936 als Fortsetzungsroman in der «Zürcher Illustrierten» erschien, «wir werden die Sache schon einrenken. Ich hab dich extra nicht gefragt, was du am Dienstagabend, also am Abend vor dem Mord, getan hast. Da hättest du mich doch nur angelogen.» Das ist väterlich im Ton und eigentlich schon ein Verstoss gegen die Dienstpflichten. Studer gibt Schlumpf zu verstehen, dass er nicht gegen, sondern für ihn ermitteln wird.

Er baut sich als schützende Autorität auf. Dieser Zug an Studer ist oft bemerkt und kommentiert worden, liefert er doch die Abgrenzung zu Georges Simenons Kommissar Maigret. Der hatte sich 1929 der lesenden Welt erstmals vorgestellt und ist wie Studer ein grosser Beobachter, einer, der nicht zum Verdammen an den Ort des Verbrechens kommt, sondern um zu verstehen, was diesmal beim schwierigen Miteinander der Menschen schiefgelaufen ist. Studer wirkt auf eine schwerfällige Weise gütiger als Maigret, als blicke da ein Kind auf einen Erwachsenen, von dem es Schutz erhofft, auch wenn es schon begriffen hat, dass dieser Grosse in der Welt der Grossen ein Kleiner ist.

Erziehungsheime und Zuchtschulen

Im realen Leben hat Glauser an Vater- und Autoritätsfiguren gelitten. 1896 in Wien geboren, als Sohn eines Schweizers und einer Österreicherin, erlebt er früh das Zerbrechen der Geborgenheit. Die Mutter stirbt 1900, die neue Ehe des Vaters schliesst den Sohn eher aus. Glauser will Zuspruch und bekommt Strenge, was einen Kreislauf von gegenseitiger Enttäuschung, von Auflehnung, Bestrafung, Rebellion und Scheitern in Gang setzt. Erziehungsheime und Zuchtschulen, Ausreissereien und kleinkriminelles Gebaren, Künstlerposen und Bohemeleben, wiederholte Einweisungen in Nervenkliniken, eine hartnäckige Morphinsucht: Glausers Leben ist ein Desaster. Er landet beim Versuch des Neuanfangs 1921 sogar bei der Fremdenlegion. Diesen Fehltritt verarbeitet er in zwei Romanen, «Die Fieberkurve» (1935) und «Gourrama» (1936).

Aber er schreibt eben nicht nur aus sich heraus, was er erlebt hat. Er schreibt sich ins Leben hinein, was ihm fehlt. Studer ist ein solides Vorbild mit Sinn fürs Brüchige, ein Kerl, der innerhalb der realen Gesellschaft funktioniert, ohne zum Automaten zu werden, ein Trotzkopf, der sich nie in die Selbstzerstörung treibt. Das ist das bis heute unmittelbar Anrührende von Glausers Texten: Hier versucht ein Ertrinkender, sich einen Rettungsring aus Worten und Fantasien zu flechten, der uns nun eher trägt als ihn. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2008, 23:05 Uhr

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2 Kommentare

F. A. Hoppelsberg

06.12.2008, 14:53 Uhr
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Seine Romane sind heute noch lesbar, zeigen erhellende Einblicke in das damalige Gesellschaftsystem (Psychiatrie, Heime, Drogen, Fremdenlegion). Unaufgeregte, teils leise, teils packende Schilderungen. Schweizer Pflichtlektüre. Antworten


Martin Schneeberger

06.12.2008, 10:02 Uhr
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Wusste nicht, was mich erwartet, als ich mir "die Fieberkurve" zumutete. Beginnt als Krimi und endet als Drama. Die Männer sind elende Machos, Diskriminierung von Frauen/Minderheiten normal. Sehr mutig von Glauser, dass sich die Handlung nicht auflöst. Er spielt mit Sehnsüchten, wechselt Orte und Verlauf nach Gefühl. Keiner ist frei, jeder steht unter Zwängen. Hätte ihn gerne persönlich gekannt. Antworten