Kultur

«Was Männer besser können? Schweigen.»

Daniel Glattauer bezaubert mit seinem E-Mail-Roman «Alle sieben Wellen» die Schweiz. Nächste Woche liest er in Zürich. Und beantwortet hier Fragen zu Lieben, Leben und Schreiben – per E-Mail.

Bild: Schaad

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Zur Person

Der Wiener Schriftsteller Daniel Glattauer (*1960) hat mit den Figuren Emmi Rothner und Leo Leike, die sich irrtümlicherweise per E-Mail kennen und lieben lernen, in den beiden Romanen «Gut gegen Nordwind» (2006) und «Alle sieben Wellen» (2009, beide Deuticke) die deutschsprachigen Bestsellerlisten gestürmt. Daneben schreibt Glattauer seit 1989 für die österreichische Tageszeitung «Der Standard» Gerichtsreportagen, Kolumnen und Feuilletons.

Daniel Glattauer liest in Zürich am Donnerstag, 16. April, 20 Uhr, im Blauen Saal im Volkshaus. Moderation: Simone Meier.

Lieber Herr Glattauer Seit bekannt ist, dass Sie am 16. April in Zürich lesen, outen sich Dutzende von sensiblen Männern als Ihre Fans und wollen eines wissen: Wie schafft es dieser Daniel Glattauer aus Wien in seinen beiden Romanen «Gut gegen Nordwind» und «Alle sieben Wellen», sich so perfekt in die Frauenseele einzufühlen? Sie erhoffen sich von Ihnen eine Antwort, die sie im Leben weiterbringt. Haben Sie eine?

Liebe Grüsse und merci! Simone Meier

77 Minuten später
Das verdanke ich meiner Protagonistin Emmi Rothner. Sie ist das Produkt von etwa 50 Tugenden, Wesensarten und Eigenheiten, die ich bei Frauen in meinem Umfeld schon lange und, zugegeben, mit grossem Interesse beobachte. Es gibt doch auch privat nichts Spannenderes, als zu ergründen, wie Menschen, die einem nahestehen, ticken, warum sie so sind, wie sie sind, und warum sie so fühlen, wie sie fühlen. Und da ich immer schon lieber und besser mit Frauen reden konnte, sind mir viele ihrer Züge vertraut. Klassische Männergespräche dagegen langweilen mich zu Tode.

Alles Liebe Daniel Glattauer

65 Minuten später
Soso. Das freut die Frauen aber sehr! Gibt es denn auch irgendwas, das Männer besser können? Es ist ja kaum vorstellbar bei dieser kleinen Hymne . . .

Sehr herzlich Simone Meier

67 Minuten später
Doch, doch! Es gibt schon tolle Männer. Mein Freund Willi zum Beispiel. Der macht es möglich, dass ich Ihnen hier und heute, von meiner (neuen) Wiener Wohnung, in die ich gerade übersiedelt bin, nach Zürich schreiben kann. Mit Engelsgeduld betreut er Hard-, Soft-, und sonstige «Waren» meines Stadt- und auch meines Land-Computers. Das ist ein Fulltime-Job. Solche Männer sind unbezahlbar. Was Männer noch besser können? Schweigen zum Beispiel. Und: Es stört sie nicht so leicht etwas. Sie müssen Missstände auch nicht immer sofort beheben. Manchmal auch gar nicht.

2 Minuten später
Wunderbar, ich mag Willi unbekannterweise, grüssen Sie ihn herzlich! Er sitzt also neben Ihnen, schweigt und bastelt, aber ohne dringendes Ziel? Und die neue Wohnung ist viel schöner als die alte und von all Ihrem Geld als Bestsellerautor bezahlt? Fragt Simone Meier

7 Minuten später
Okay, ich kann Ihnen ja einmal ein Foto von Willi schicken. Ich glaube, seine Lieblingsspeise ist Zürcher Geschnetzeltes. Was die Wohnung betrifft: Ja klar, die ist wunderschön. Aber in keiner teuren Wohngegend, sondern im Multi-Kulti-Bezirk Ottakring. An jeder Ecke ein türkisches Lokal. (Ich liebe das Essen dort!) An das Wort «Bestsellerautor» muss ich mich erst gewöhnen. Hoffentlich nicht erst, wenns bereits wieder vorbei ist.

10 Minuten später
Lieber Daniel Glattauer

Jetzt habe ich fast ein schlechtes Gewissen, weil ich kein Foto von Ihrem Freund Willi brauche, mein Liebesleben ist nämlich das beste und schönste, was ich mir überhaupt je hätte vorstellen können. Und an dieser Stelle interessiert uns alle hier in Zürich natürlich: Gibt es denn auch eine Frau Glattauer? Oder stehen Sie etwa in Mailkontakt mit einigen Damen? Und gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen mailenden und miteinander redenden Menschen? Mailt man nicht automatisch viel gekonnter, als man redet?

65 Minuten später
Liebe Simone Meier, und wie es die gibt, die Frau Glattauer. Und wie lange auch schon! – 23 Jahre. «Glattauer» heisst Elisabeth aber erst seit drei Jahren. Wir waren zuerst einmal 20 Jahre zusammen, dann haben wir geheiratet. Wir hatten nämlich irgendwie das Gefühl, dass wir gut zusammenpassen. (Haben wir noch immer.)

E-Mail-Abenteurer bin ich keiner. Ich erfinde mir lieber meine Personen, die sich virtuell austauschen und ineinander verlieben.

Ja, Sie haben Recht, man mailt «gekonnter», als man redet. Aber gekonnt und gekünstelt sind eng verwandt. Das Echtere ist ja doch ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Allerdings fällt dann die Wunschvorstellung weg, dass sich der Traummensch hinter den E-Mails verbirgt.

Übrigens: Willi hat auch eine sehr gute Beziehung mit Daniela. Und Ihnen gratuliere ich ganz herzlich zu Ihrem Liebesleben! So etwas hört man leider gar nicht oft. Und in der Zeitung steht es nahezu nie.

5 Minuten später
Oh, ist das alles schön! Kommen Sie neben dem Bestsellerschreiben denn eigentlich überhaupt noch dazu, für Ihre Zeitung, also den «Standard», diese österreichische Zeitung, die aussieht wie eine italienische, weil sie auf so schönes rosa Papier gedruckt ist, zu schreiben? Und wie unterscheidet sich die Journalistenpersönlichkeit Glattauer von der Schriftstellerpersönlichkeit Glattauer?

14 Minuten später
Zehn Jahre war ich ausschliesslich Journalist. Zehn Jahre zwar ich Journalist und Buchschreiber. Nun beginnen möglicherweise die Jahre des alleinigen (aber hoffentlich nicht einsamen) Schriftstellertums. In meinem «Lesereisejahr» 2009 habe ich mir vom «Standard», dieser schönen rosa Zeitung, frei genommen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich habe die Arbeit dort gerne gemacht, und meine Kollegen fehlen mir. (Ja, auch männliche!) Beim Schreiben, egal was es ist, merke ich über die 30 Jahre hinweg zwar gewisse Entwicklungen, aber keine Quantensprünge. Die Kolumnen (zu Alltagsthemen) und Gerichtssaalberichte waren im ähnlichen Stil geschrieben, wie es meine Romane sind.

7 Minuten später
Mein lieber Herr Glattauer, diese Antwort klingt jetzt, als hätten Sie sie in Ihrem «Lesereisejahr» schon hundertmal gegeben . . . Sind Sie noch nicht müde von all den mittelprächtigen Orten und den beflissenen Veranstaltern, die einem immer noch eine Sehenswürdigkeit aufschwatzen wollen? Wünschen Sie sich da nicht oft an den Computer und zu Ihren Figuren zurück?

59 Minuten später
Echt, so schlimm hat das geklungen? Also vom Schreiben hält mich leider keiner ab. Wenns nicht Zeitungsberichte und auch nicht Buchmanuskripte sind, dann ganz bestimmt – E-Mail-Interviews. Vielleicht werde ich mir einmal ein einmonatiges Schreibverbot jeder Art auferlegen. Damit die Schreibsehnsucht wiederkehrt! Ich würde mir gerne mehr Zeit in meinem alten Landhaus (in der Einschicht des «niederösterreichischen Waldviertels») gönnen, und meine fünf indischen Laufenten dabei beobachten, wie Sie mit ihren Schnäbeln jeden Grashalm fünfmal umdrehen.

17 Minuten später
Ein Landhaus! Auch das noch! Gehören die indischen Laufenten eigentlich Ihnen und Elisabeth? Und was um Himmels willen ist eine Einschicht?

33 Minuten später
Klar kennt ihr Schweizer die «Einschicht» nicht. Bei euch gibt es ja keine. – Dieses Gebiet am ehemaligen Eisernen Vorhang, an der Grenze zum früheren Ostblock, ist Niemandsland, dünn besiedelt, nur Wälder und Felder und verlassene Dörfer. Das Klima ist rau, im September fällt der Nebel ein – und verschwindet erst wieder zu Ostern. Dazwischen steht die Zeit still. Mit einem Wort: wunderschön!

Ja, die Laufenten gehören uns beiden!

Alles Liebe! Daniel Glattauer (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2009, 23:34 Uhr

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2 Kommentare

martin sasse

21.09.2009, 12:05 Uhr
Melden

beide bücher haben mich sehr berührt. nach dem ersten war ich von meinen gefühlen eher durcheinander und als trost gab es zum glück schon die fortsetzung. hoffentlich gibt es keine fortsetzung, denn ich würde schlimmes erwarten. Antworten


Liliane Bernhard

11.04.2009, 11:15 Uhr
Melden

Nach "Gut gegen Nordwind" musste ich gleich auch "Alle sieben Wellen" bestellen. Zwei Bücher, die Gefühle hochkommen liessen die ich lange nicht mehr verspürt hatte. Am Ende war ich irgendwie glücklich und traurig zugleich. Glücklich weil sie sich kriegten und traurig weil ich nicht mehr weiterlesen konnte. Eine Fortsetzung wäre toll. Antworten



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