Was die Nazis am liebsten lasen
Das Buch
Christian Adam: «Lesen unter Hitler - Autoren, Bestseller und Leser im Dritten Reich», Verlag Galiani Berlin, 384 Seiten.
Klar, an den Erfolg von Hitlers «Mein Kampf» mit einer Auflage von 12,5 Millionen Exemplare kam kein anderes Buch heran. Doch auch andere Bücher wurden zu Kriegszeiten verschlungen. Christian Adam hat sich 350 Bestseller der NS-Zeit von 1933 bis 1945 vorgenommen. Alle hatten sie eine Auflage von 100'000 Exemplaren aufwärts. Adam hat sie in seiner Untersuchung «Lesen unter Hitler – Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich» unter die Lupe genommen.
Romane und Ratgeber, Sachbücher und Kriegsberichte, Schnulzen und Landserhefte – die Geschichte der NS-Bucherfolge ist «das Gegenstück zur Geschichte der verbrannten und verbannten Bücher und Autoren», schreibt Adam. Ob Antoine de Saint-Exupérys «Wind, Sand und Sterne» (135'000), Margaret Mitchells «Vom Winde verweht» (366'000) oder Johanna Haarers Ratgeber «Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind» zur «Aufzucht des Neugeborenen» (1,2 Millionen bis 1987) – Adams Liste liefert ein Sittengemälde des Kulturlebens unter dem Hakenkreuz.
Zerstrittene Zensoren
Entgegen einer weitverbreiteten Annahme, war Hitlers Literaturpolitik nicht aus einem Guss, sondern ein chaotisches Nebeneinander von Behörden und Bürokraten. Auf keinem anderem Gebiet war der Kompetenz-Wirrwarr grösser. Ob die Parteiführung oder Joseph Goebbels' Propaganda- Ministerium, das Amt des NS-Ideologen Alfred Rosenberg oder die Reichsschrifttumskammer – diese und zahlreiche andere Instanzen wollten festlegen, wer in Deutschland publizieren konnte, was gelesen werden durfte und was nicht.
Es gab mindestens 20 Zensurstellen, schwarze Listen und Empfehlungen. Für Rosenberg war Unterhaltungsliteratur Gift für die richtige Gesinnung. Goebbels sah dagegen mit der sich abzeichnenden Kriegsniederlage die leichte Lektüre als soziales Ventil.
Tipps zum Nacktwandern
Zu den erfolgreichsten Gattungen gehörten allerdings Sachbücher, die sich mit Erfindungen oder der Gewinnung von Rohstoffen beschäftigen, etwa «Anilin» von Karl Aloys Schenzinger, das mehr als eine Million Mal verkauft wurde. Titel wie «Erfinder brechen die Blockade» (400'000 Exemplare) fanden vor allem unter Soldaten begeisterte Leser.
Auch wenn es politisch heikel war, boten Biografien berühmter Leute, etwa Elly Beinhorns «Mein Mann, der Rennfahrer» über den verunglückten Bernd Rosemeyer (200'000), Einblick in das Leben des NS-Jet-Sets. Einer der kuriosesten Erfolge ist wohl «Mensch und Sonne. Arisch-olympischer Geist» mit Tipps zum Nacktwandern, zu Lehmbädern und zum unbekleideten Skifahren (235'000). Hier wurde sexuelle Freizügigkeit an den «Rassegedanken» gekoppelt.
«Unpolitisches Mittelmass»
Zur Abteilung Propaganda gehörten die Bilderalben des Zigarettenherstellers Reemtsma: Mit den Zigaretten wurden Fotos von Nazi-Grössen zum Einkleben verkauft. Es gab Arztromane (»Angela Koldewey») und deutsch-französische Liebesgeschichten (»André und Ursula»), Kriegsliteratur (»Narvik») und Einladungen zum Heldentod.
War die Gleichschaltung der Literatur erfolgreich? Für Christian Adam sind die Nazis «grandios gescheitert». Im «Verbieten und Ausmerzen» hätten sie eine gewisse Perfektion erlangt, doch gemessen an den Absatzzahlen habe sich vor allem «das unpolitische Mittelmass» durchgesetzt. (dj/sda)
Erstellt: 20.08.2010, 10:38 Uhr






