«Was mich reut, sind Versäumnisse an Courage»

Adolf Muschg wird heute 80 Jahre alt. Für den Schriftsteller und Germanisten ist das Alter kein Massaker, er orientiert sich an älteren Menschen, die mit sich im Reinen sind. Was nicht heisst, dass sich bei ihm nun die grosse Gelassenheit breitmacht.

«Ich glaube, wer Bücher schreibt, lernt, nicht Buch zu führen»: Adolf Muschg. Foto: Ruben Wyttenbach (13 Photo)

«Ich glaube, wer Bücher schreibt, lernt, nicht Buch zu führen»: Adolf Muschg. Foto: Ruben Wyttenbach (13 Photo)

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Sie werden 80. Das ist ein hohes Alter, das früher wenige erreichten. Andererseits sagt man heute: Das ist doch kein Alter! Wie erleben Sie es selbst?
Früher war das Alter nicht erklärungs- und auch nicht entschuldigungsbedürftig. Heute stellen wir fest, dass ein alter Mensch die Techniken der Jungen nicht beherrscht, er gleicht dem afrikanischen Häuptling, der noch alles über Geister weiss und nichts über Kunstdünger. Die digitale Revolution war ein grosser Sprung. Ich denke, dass das Leben meiner Grossmutter dem eines Menschen aus dem 18. Jahrhundert ähnlicher war als mein eigenes dem meiner Kinder.

Sie schreiben in Ihrem neuen Essayband offen über Ihre Krebserkrankung und über eine grosse Operation. Wenn es nicht zu indiskret ist: Wie geht es Ihnen?
Ich war ja ein Leben lang ein Hypochonder, und den bin ich jetzt fast los. Aber der Befund macht mich noch nicht zu einer statistischen Grösse mit einer bestimmten Lebenserwartung, sondern erst recht zur einzelnen Person; von dieser wünsche ich mir eher mehr als früher, und der Krebs wird sich hoffentlich damit arrangieren. Die globalisierte Welt muss ja auch mit dem bösartigen Wachstum der Finanzmärkte leben. Auch da hofft man auf Entschleunigung. In meinem Alter wissen die Ärzte immer einen starken Trost: Sie werden an etwas ganz anderem sterben.

Das Alter ist ein Massaker: Der Satz von Philip Roth ist einer der meistzitierten zum Thema. Ist es auch Ihr Satz?
Nein. Schon weil ich in meinem Leben zu viele Beispiele alter Menschen gesehen habe, die mit sich im Reinen sind. Je älter sie werden, desto mehr Heiterkeit strahlen sie aus. Ich denke an einige ­japanische Meister, wunderbare alte Narren, aber auch den einen oder andern Handwerker oder Gärtner in meiner Nähe. Oder an den alten Ernst Bloch, der den Finger hob und sagte: Ein Abenteuer steht mir noch bevor, das Sterben. Für Menschen, an denen ich mich orientieren möchte, ist der Tod immer ein Schlüssel zum guten Leben gewesen. Bei Seneca hiess das: Ars moriendi.

Wie könnte eine Ars moriendi aussehen?
Sie ist die andere Seite der Lebenskunst, und diese hat viel damit zu tun, dass wir unsere Grenzen als verbindlich betrachten, wie bei einem Kunstwerk die Form. Endlichkeit zu akzeptieren, betrachte ich als wahren Ausdruck der Freiheit. Sie schliesst die Pflicht ein, in dem Teil, der uns zugemessen ist, das uns Mögliche zu werden und zu tun. Und das ist ja auch ein Vergnügen.

Meinen Sie das mit dem Satz, der in einem Ihrer neuen Essays steht, man solle den Fluch der Endlichkeit in einen Segen umdeuten?
Ja, das klingt so christlich-erbaulich. Aber mit diesem Fluch sind wir alle geschlagen. Er definiert uns als Menschen. Dieses Schicksal anzuerkennen macht uns sogar fähig, es zu lieben. Und es macht den Schluss – und ich glaube, es ist dann wirklich Schluss – für uns selbst zumutbar, und für andere auch.

Gibt es irgendetwas Positives am Alter?
Vielleicht ein anderes Verhältnis zur Zeit. Zunächst scheint es paradox: Erst, wenn die Zeit abläuft, lernt man, sie mit etwas wie Ruhe zu betrachten. Was auch schön ist: Das Nichtmehrmüssen ist die gute Seite des Nichtmehrkönnens. Das entlastet ungemein. Wir sind daran gewöhnt, uns daran zu messen, was wir können und leisten. Es fällt uns schwer, unser Glück zu finden in dem, was wir lassen können. Dabei wird ja auch unsere Zivilisation als Ganzes lernen müssen, vieles zu lassen, wovon sie immer noch zwanghaft fortgetrieben wird. Mehr Geld, mehr Quote, mehr Erfolg: Damit programmieren wir uns zum Aussterben. Das Gefühl, dass im Raffen der Wurm steckt, verbreitet sich allmählich. Aber es verändert erst das Vokabular, die Richtung noch nicht.

Der gesellschaftliche Umgang mit dem Alter hat sich verändert. Der ehrwürdige Weise ist passé. Heute sieht man in den Alten den Kostenfaktor. Ausserdem fordert man ewige Vitalität und Aktivität: den fitten Senior, konsumfreudig und möglichst auch noch ehrenamtlich tätig.
Was Sie beschreiben, betrifft nicht nur die Alten, sondern das Menschenbild als Ganzes. Wir legen ihm eine unbrauchbare Kosten-Nutzen-Rechnung zugrunde. Wer fordert, dass sich die Alten wie Junge verhalten sollen, begeht ein Unrecht an beiden. Und was Gelassenheit betrifft: Auch die Jungen sollten sich mehr davon leisten können, zum Beispiel im Umgang mit ihrer Karriere.

Die Gelassenheit, die man alten Menschen gern zuschreibt, stelle ich bei Ihnen nicht fest.
Stimmt, ich kann mich über manches heute mehr aufregen als vor 30 Jahren. Etwa über den Rückfall in die Muster des Kalten Kriegs: Stichwort Ukraine; oder über den Vormarsch des Nationalismus in Europa. Andererseits: Ich sehe darin auch Hegels List der Vernunft am Werk. Europa braucht immer eine ernsthafte Krise, um sich auf sich selbst zu besinnen. Die neue Rechte muss auch den Vergesslichsten wieder vor Augen führen, was Europa wert ist. So wie die Abstimmung vom 9. Februar nötig war, damit die SP wieder den Mut fand zu ­sagen: Ja, wir wollen in die EU! Die Geschichte lebt von Überraschungen und erlaubt einem gar nicht, weise zu werden. Zu sehr ist man Teil davon, mit Haut und Haar; und die Hoffnung, lieber Teil der Lösung zu sein als Teil des Problems, stirbt zuletzt.

Wenn nicht Gelassenheit, dann vielleicht das Gegenteil: Führt die überschaubare Lebenszeit zu verstärktem Produktionsdruck?
Ich sitze, fast seit ich denken kann, jeden Vormittag am Schreibtisch und empfinde Ausfälle, etwa durch Reisen, als Störung. Natürlich ist sie manchmal willkommen. Auch die Beweisnot, die sich im Schreiben ausdrückt, bleibt unverändert. Das kann man Sucht nennen. Es ist aber auch ein Training der Fantasie und der Wahrnehmung: Erst durch Schreiben lerne ich etwas besser sehen, wenn auch nie abschliessend. Denn Schreiben heisst Fragen, und ob die Fragen gut gestellt sind, merkt man nur daran, dass sie nie zu Antworten führen, sondern zu grösseren Fragen.

Fällt Ihnen das Schreiben denn jetzt wenigstens leichter?
In meiner Familie war das geschriebene Wort immer hoch besetzt. Bei meinem Vater musste es vor seinem Gott bestehen, bei meinem Halbruder Walter vor einem anderen Gott, aber der Anspruch blieb derselbe. Diese Über-Ich-Erbschaft ist schwer abzuschütteln. Bei meinem ersten Buch ist es gelungen, sie zu überlisten, und allmählich lernte ich, sie zu unterlaufen. Ich muss keinem Gott mehr gerecht werden, sondern einer Geschichte. Aber ich glaube immer noch: Etwas an ihr ist über mir, ist grösser als ich, unverfügbar. Es erdrückt mich nicht mehr. Aber leicht? Schon Thomas Mann hat gemeint, ein Schriftsteller sei jemand, dem das Schreiben schwerer falle als anderen Leuten. Und Leichtigkeit ist das Schwere, das keiner bemerkt.

Mit 80 Jahren kann man heute bei guter Gesundheit noch zehn Jahre oder länger leben und Pläne machen für diese Zeit. Machen Sie Pläne?
Das beste Buch ist immer das nächste: Mit diesem Köder vor Augen ruht man nicht, bis man an ihm zappelt. Aber: Zehn Jahre . . . wenn die Zeit bemessen ist, rechnet man nicht mehr so. Man sieht jetzt besser: Das Leben besteht aus Augenblicken, und die sind keine Bruchteile von Zeit. Sie haben ihre eigene volle Gegenwart. Von einem chinesischen Tuschmeister wird erzählt, dass er jahrelang wartete, bis er seinen letzten Strich auf das Papier setzte – einen einzigen Strich, der die Leere des Papiers zum Leuchten brachte. Das ist mein Bild vollkommener Gegenwart. Sie steht gewissermassen quer zur Zeit. Gottfried Keller sagt es unzimperlich: «Ein Tag kann eine Perle sein und ein Jahrhundert nichts.»

Wie man so sagt: jeden Tag als Geschenk nehmen?
So stehts auf dem Kalenderblatt und gilt für alle Tage des Lebens. Aber man merkts besser, wenn sie gezählt sind, und dann hört man zu zählen auf.

Schauen Sie mit 80 Jahren auf Ihr Leben zurück, ziehen Sie Bilanz, nach dem Motto, mein Leben war so oder so?
Nein. Es ist so und so, Tag für Tag. Meine Gesundheit ist vergänglich, und in welcher klinischen Gestalt sie sich verabschieden wird, ist Glückssache. Bilanz ziehen? Ich glaube, wer Bücher schreibt, lernt, nicht Buch zu führen; das heisst nicht, dass ich nicht am Möglichen gesündigt habe, oft auch am Nötigen. Das meiste straft sich selbst, aber vieles ist nicht wieder gutzumachen. Ich erwarte nicht mehr, wie meine frommen Ahnen, dafür im Jenseits richtiggestellt zu werden. Natürlich habe ich grossen Mist gebaut, aber auf diesem Mist sind eben auch Blumen gewachsen. Was nicht für mich war, habe ich auch nicht verpasst. Was mich reut, sind Versäumnisse an Courage: zum Widerspruch, zur Leidenschaft.

Zur Frage des Lebensendes gibt es eine gesellschaftliche Debatte und zwei antagonistische Positionen: Die einen sagen, die Selbstbestimmtheit des Menschen müsse bis zum Schluss gelten, die anderen, man könne das Sterben heute sanft und angstfrei gestalten und solle den Menschen nicht ihre letzte Erfahrung nehmen.
Aber nimmt man sie ihnen nicht gerade so? In solchen Grenzfragen stehe ich – Pardon – auf beiden Seiten. Es gibt den begreiflichen Wunsch, nicht dahinzu­siechen und das Elend abzukürzen. Aber an jeder Euthanasie gibt es ein Moment, das mich beschäftigt: Die zunehmende Akzeptanz der Sterbehilfe rückt sie in die Nähe der Entsorgung, in jedem Sinn. Im Sinn von Kants kategorischem Imperativ: Ich kann nicht wünschen, dass die Grundlage dieses Handelns zum allgemeinen Gesetz werde.

Das ist die grosse Antwort. Und die persönliche?
Auch ich möchte nicht qualvoll verenden. Aber ich komme nicht an der Erinnerung vorbei, dass der Mensch, in dem Christen ihren Gott verehren, genau das getan hat. Im Kelch, den er leeren musste, war kein Pentobarbital, nicht einmal Morphium. Solange ich lebe, kann ich nicht wissen, wann mein Mass voll ist, aber von vorsorglicher Angst möchte ich es mir nicht diktieren lassen – und auch nicht von Bequemlichkeit, nicht derjenigen der Gesellschaft, nicht einmal meiner eigenen. Vielleicht gibt es im letzten Augenblick noch etwas zu wissen, was ich nicht verschlafen möchte. Ein überlebensgrosses Vorbild bewussten Sterbens hat Albrecht von Haller zu bieten, ein Universalgelehrter und frommer Mann. Als er spürte, jetzt ist es so weit, begann sich von Haller den Puls zu fühlen und sagte: «Il bat . . . bat . . . bat . . . plus.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.05.2014, 08:45 Uhr)

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Adolf Muschg

Essays und eine Biografie

«Im Erlebensfall» heisst eine Sammlung von Reden und Essays, die zum 80. Geburtstag Adolf Muschgs im Verlag C. H. Beck erschienen ist (310 S., ca. 35 Fr.). Darunter finden sich neben einem grossen unveröffentlichten Aufsatz über Velázquez’ Bild «Die Spinnerinnen» Texte aus den letzten zehn Jahren, über Themen, die den Autor schon viel länger beschäftigen: Europa, die Bildung im Sinne Wilhelm von Humboldts, Fragen der Identität, der Freiheit, der Toleranz, aber auch eine Liebeserklärung an Grimms Wörterbuch und ein Auftritt vor Burschenschaftlern. Gleichzeitig und ebenfalls bei C. H. Beck ist eine Biografie aus der Feder des Germanisten Manfred Dierks erschienen (Adolf Muschg. Lebensrettende Phantasie. 312 S., ca. 35 Fr.), die ausgehend von der Biografie des Autors – Vater, Mutter, Halbbruder, strengreligiöse Erziehung, extreme Hypochondrie – die Entwicklung seines Schreibens als Therapie und Rettung nachzeichnet. (ebl)

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