Martin Miller und seine Mutter Alice

«Was sie getan hat, schmälert ihr Werk nicht»

Die Kinderpsychologin Alice Miller setzte sich zeitlebens für geschlagene Kinder ein, schützte ihren Sohn aber nicht vor dem gewalttätigen Vater. Dennoch will Martin Miller mit seiner Mutter nicht abrechnen.

«Ich bin wirklich ein geschlagenes Kind»: Psychotherapeut Martin Miller im Gespräch.
Video: Jan Derrer

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wollen Sie am Denkmal Ihrer Mutter rütteln?
Nein, keineswegs. Mein Buch ist weder Abrechnung noch Lobhudelei. Aber ich habe zeitlebens aus der Fangemeinde hören müssen, viele hätten sich eine solche Mutter gewünscht. Tatsächlich wünscht man sich dies als Leser ihrer Bücher. Ich wähnte mich aber jeweils im falschen Film, denn ich hatte diese Mutter, und sie war mitverantwortlich für das Drama, das ich in meiner Kindheit erlebte, deshalb mein Buchtitel: «Das wahre Drama des begabten Kindes».

Trotzdem sind Sie nicht der Versuchung erlegen, Ihre Mutter zu demontieren.
Was sie getan hat, schmälert ihr Werk nicht. Sie konnte es in ihrem Leben einfach nicht umsetzen. Damit ist sie nicht allein – es ist die Tragik vieler berühmter Leute.

In Kenntnis Ihrer Biografie liest sich das Buch Ihrer Mutter auch als Abbitte. Hat sie ihre eigenen Fehler erkannt, und wollte sie verhindern, dass dies anderen Eltern auch passiert?
Sie hatte in der Tat Schuldgefühle, als Mutter versagt zu haben. Aber ihre Erkenntnisse hatten keinerlei praktische Konsequenzen. Es ging ihr ausserdem nicht darum, andern Eltern Ratschläge zu erteilen. Sie hat den Standpunkt des kindlichen Erlebens beschrieben; damit war sie im Ansatz radikal. In dieser Radikalität fühle ich mich als ihr geistiger Erbe. Ich hätte ohne ihre Erkenntnis gar nicht so arbeiten können, wie ich dies tue.

Sie beschreiben, wie Ihre Mutter die Manuskripte in einer späteren Phase mit Ihnen besprochen habe. Da wäre ja dann schon die Chance gewesen, Ihre eigenen Erfahrungen mit einfliessen zu lassen.
Nein, das wollte sie nicht hören. Die Phase, in der wir uns – wie man im Fussball sagt – quasi blind verstanden haben, war im Übrigen nur sehr kurz. Das war für mich eine sehr schöne Zeit, die ich nicht durch Störungen kaputt machen wollte. Sie war ja dann auch rasch wieder vorbei. Die gute Phase war insgesamt nur ein kleiner Zwischenfall in unserem neurotischen Verhältnis.

Ihre Mutter hätte Ihre Kritik als Bedrohung Ihres Lebenswerks angesehen?
Sie fürchtete, mich als einfühlsames Gegenüber zu verlieren. Das war stets ihre Angst gewesen, schon als Kind musste sie immer für ihre Eltern da sein, ihre Familie retten. Deshalb war es für sie so wichtig, eine primäre Bezugsperson zu haben, die immer für sie da war. Umso bedrohlicher wurde es für sie, diese zu verlieren. Ich musste mich von dieser Erwartungshaltung abgrenzen. Aber sie hat die Parität auf Augenhöhe mit mir nie ertragen.

Ihr Vater war für den spektakuläreren Teil des Dramas verantwortlich: Sie beschreiben, dass er sie als Kind häufig geschlagen hat; immer empfanden Sie dies als grundlos.
Meine Eltern hatten von Anfang an eine stark belastete Beziehung. Meine Mutter hat meinen Vater als eine Art Stalker empfunden. Sie hat ihn ähnlich wie einen früheren Erpresser aus der Gestapo, mit gleichem Namen wie mein Vater, wahrgenommen, der ihre wahre Identität gekannt hatte. Eine schreckliche Konstellation, in der mein Vater nicht glücklich werden konnte. Diese Frustration und als Folge die Aggression hat er an mir ausgelebt. Für mich war diese Diskrepanz erschütternd: Meine Mutter, die sich zeitlebens stark für geschlagene Kinder einsetzte und in dieser Sache sogar dem Papst schrieb, konnte ihr eigenes Kind nicht vor den Schlägen seines Vaters schützen.

Wieso hat Ihre Mutter weggeschaut?
Ich kann nur vermuten, dass sie befürchtete, die Gewalt des Vaters würde sich andernfalls auch gegen sie richten. Ich musste offenbar die Frustration meines Vaters zu ihren Gunsten abfedern.

In dem Brief, den Sie im Buch abdrucken, schrieb sie, sie hätte davon nichts geahnt.
Das ist unmöglich. Mein Vater lebte seine Gewalttätigkeit gegen mich offen aus und hat mich zeitweilig halb tot geschlagen. Nein, sie hat alles miterlebt, aber sie konnte mit dieser Schuld nicht leben. Und deshalb hat sie ihren Fehler abgewehrt – das lernt man heute in jedem Kommunikationskurs. Man darf nicht zugeben, dass man etwas falsch gemacht hat.

Hegen Sie Groll gegen Ihre Mutter?
Lange ging es mir so, deshalb habe ich mich auch gescheut, dieses Buch zu schreiben. Noch das Konzept drohte eine Abrechnung zu werden. Die Lektorin des Verlags hat konsequent interveniert und mich dadurch vor einer rachsüchtigen Haltung bewahrt: Heute muss ich mit niemandem mehr abrechnen, es reichte mir, mit der Lektorin und den Lesern «wissende Zeugen» für meine Kindheitserlebnisse gefunden zu haben, wie meine Mutter es formuliert hätte. So entstand ein differenziertes Buch, das nicht vergleichbar ist etwa mit der Biografie über Helmut Kohl, geschrieben von seinen Söhnen. Die haben sich meiner Meinung nach bös verirrt.

Beim Schreiben des Buches verschwand der Groll?
Der Groll ist gelegentlich noch da, aber er hat keine Eigendynamik mehr, die mein Leben bestimmt. Das Verstehen hat mir geholfen, Distanz zu gewinnen. Ich kann aber nicht verzeihen, das muss ich auch nicht. Es ist ja auch Trauer und Schmerz dabei.

Wenn man den Lehren des Dalai Lama glaubt, wird man ohne Verzeihen seinen Frieden nicht finden.
Diese Vorstellung ist mir zu kindlich. Was ich erlebt habe, ist in meinem Hirn eingebrannt. Selbst wenn ich sagen würde, ich verzeihe, wird das immer wieder hochkommen.

Alice Miller scheint im letzten Brief, den Sie im Buch abdrucken, immerhin zu verstehen, was Sie erlebt haben.
Ja, das habe ich erst auch gemeint. Als ich das Testament sah, wusste ich aber, dass sich nichts verändert hat. Ich hatte gehofft, dass sie vor der Endgültigkeit des Todes so viel Respekt hat, dass sie mir ein Zeichen geben würde, sie würde mich nun verstehen. Aber sie blieb ihrem Muster treu, die früheren Probleme zu verdrängen. Dass ausgerechnet ich als ihr Kind für sie bedrohlich war, sie mich je länger, je mehr als Aggressor mit ihren Verfolgern im Nationalsozialismus und Krieg gleichsetzte und mich zum Monster machte, das war für mich schrecklich. Sie hat mich wie einen Feind beschwichtigt, im falschen Glauben gelassen und gleichzeitig hinterrücks bekämpft. Ich kann das nur aus meinem professionellen Verständnis heraus verstehen: Das war ihr Kriegstrauma, das langfristig bewirkte, dass jedes Vertrauen letztlich zerstört wurde. Ich bin das ganze Leben von ihr nie wahrgenommen worden als der, der ich bin, sondern als Wiederkehr des alten Aggressors.

Sie hat Sie im Testament noch abgestraft?
Ja, aber ich will das hier nicht ausbreiten.

Was Ihre Mutter erlebt hat, hat eine ganze Generation von Kindern während des 2. Weltkriegs erlebt, später auch die von den Kriegen auf dem Balkan betroffenen Kinder. Jetzt erlebt es die Kindergeneration in den Kriegen im arabischen Raum.
Genau. Und schlimmer wird es noch dadurch, dass die betroffene Generation ihr Trauma via Erziehung an die nächste weitergibt und die nächste ihres an die folgende, ohne dass diese etwas davon weiss. Die sind damit auch gewissermassen im Luftschutzkeller aufgewachsen – ähnlich wie ich das Gefühl hatte, ich hätte den 2. Weltkrieg miterlebt, obwohl ich erst später geboren wurde.

Ähnliche Erfahrungen machen auch viele Jugendliche der zweiten Generation in der Migration.
Genau. Der Begriff der «Parentifizierung» wurde als Diagnose für zu früh erwachsen gewordene Kinder in der Migration geschaffen. Da mussten viele Kinder elterliche Autoritäten nach aussen darstellen und zugleich nach innen ihre Eltern als Autoritätspersonen respektieren. Diese Konfliktsituation schafft ungeheure psychische Spannungen und als Folge schlimme Probleme. Deshalb sind die Bücher meiner Mutter bis heute brandaktuell geblieben.

Sie zeigen grossen Respekt vor ihrem Werk, gleichzeitig stören Sie sich daran, dass ihre Anhängerschaft heute sektenähnliche Züge hat.
Meine Mutter wird in der Tat wie eine Heilige verehrt. Dabei weiss niemand, wer sie eigentlich war. Alles, was in ihrem Wikipedia-Eintrag steht, sind Nebenschauplätze.

Durch Ihr Buch wird Alice Miller menschlich. Das könnte ihre Bücher ja noch authentischer und glaubwürdiger machen, denn sie beschreibt darin letztlich ihr eigenes Drama.
Ja, sie wird durch mein Buch lebendig. Aber sie hat ihre eigene frühere Welt abgespalten und sich in ihrem kreativen Raum dann entfalten können. Sie hat abstrakt über die grossen Fehler in der Erziehung geschrieben, ohne zu erkennen, dass es auch ihre eigene Geschichte war. Bloss hat dieses Verhalten auch einige Kollateralschäden verursacht.

Bei Ihnen?
In der Tat. Einiges aus diesen Kollateralschäden betraf mich. Damit muss ich mich auseinandersetzen. Aber ich war auch glücklich, eine Zeit lang Teil ihrer Welt sein zu dürfen – das hat mir später erlaubt, ebenfalls diesen Beruf auszuüben. Leider war diese Phase nur kurz, dann wurde sie mir gegenüber wieder feindselig. Es ist ganz schwierig, zu verstehen, wie Menschen aus einer inneren Not zum Raubtier werden können. Wenn ein Mensch in seiner Kindheit emotional zu kurz kommt, kämpft er später wie ein Raubtier um emotionale Nahrung. Meine Mutter kämpfte stets um emotionale Zuwendung. Wenn sie sie nicht bekam, hat sie die Menschen abserviert. Solches Verhalten ist heute vielfach verbreitet.

Hat Ihre Schwester, die vom Downsyndrom betroffen ist, ihr die bedingungslose Liebe gegeben, die sie brauchte? Es fällt auf, dass sie die einzige Person war, die sie fotografieren durfte.
Als ich diese Rolle nicht erfüllte, war meine Schwester da, die alles mitmachte. Meine Mutter hat damit auch mir eins ausgewischt, denn es gab mit meiner Schwester keinen Kampf um Autonomie. Umso härter war mein Kampf. Oft ertragen berühmte Eltern es nicht, wenn ihre Kinder für sich Autonomie beanspruchen. Anna Freud, die Tochter von Sigmund Freud, ist ein tragisches Beispiel.

Besteht heute nicht eher die Gefahr, dass Kinder zu ihrem vermeintlichen Wohl in der Erziehung verwöhnt werden?
Meine Mutter hat vor allem das subjektive Erleben des Kindes in den Mittelpunkt gestellt. Es muss dabei als eigenständige kindliche Persönlichkeit respektiert werden, mehr nicht. Auswüchse in die andere Richtung sind in der Folge von 1968 entstanden. Man meinte, die Kinder vor allem Schlechten und jeder Frustration bewahren zu müssen, so dass es kaum mehr die Chance hatte, sich zu einer eigenständigen Person zu entwickeln. Durch unsere gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte, in der explizit den Kindern eine Kindheit zugestanden wurde, sind sehr intime Beziehungsmuster zwischen Eltern und Kind entstanden. Dadurch ist eine Intimität entstanden, die riesige Konflikte schafft beim Versuch der Ablösung. Die Autonomie wird als Bedrohung, als möglicher Verlust wahrgenommen. Wir finden heute ähnlich viele überbehütete wie vernachlässigte Kinder. Beiden fallen später die Selbstständigkeit und Eigenständigkeit im Umgang mit emotionalen Problemen sehr schwer. Genau die werden aber in der modernen Arbeitswelt mehr und mehr gefordert. Da fragt Sie niemand mehr, wie es Ihnen geht.

Das stellen Sie als Coach in der Arbeitswelt fest?
Die emotionalen Anforderungen werden in der Arbeitswelt auch für Chefs immer grösser. Besonders der Umgang mit ihren Mitarbeitern in einer anspruchsvollen Wissensgesellschaft. Berufsleute sind heute so gut ausgebildet, dass man ihr Wissen fördern muss wie Energie, man kann es nicht einfach fracken. Entscheidend wird sein, zu wissen, wie man Wissen von Mitarbeitern mobilisieren kann ohne repressives Vorgehen. Entscheidend für Wertschöpfung ist Wertschätzung.

Auch von Fussballern wird heute viel mehr Autonomie und Selbstsicherheit, zugleich aber auch Teamplay verlangt.
Genau. Früher hiess es, Fussballer seien dumm. Das ist heute ganz anders. Das Spiel ist viel komplexer geworden: Von jedem Spieler wird geistige Beweglichkeit verlangt. Trainer wie Pep Guardiola oder Jürgen Klopp haben die neuen Verhältnisse in der Arbeitswelt auf die Fussballer übertragen. Ein Fussballer muss heute geistig so beweglich sein wie jeder hoch qualifizierte Fachspezialist. Die klassische Holzhackermethode funktioniert heute nicht mehr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.09.2013, 08:48 Uhr

Martin Miller

Der Sohn der Kindheitsforscherin Alice Miller wurde 1950 geboren. Von 1972 bis 1980 war er in Zürich als Primarschullehrer tätig. Er arbeitet heute als Psychotherapeut und Coach in Uster.


Lesen Sie hier ausführlich zu Alice Miller und dem Buch ihres Sohnes Martin Miller.

Martin Miller: Das wahre Drama des begabten Kindes. Kreuz-Verlag, Freiburg 2013. 180 S., ca. 26 Fr.

Artikel zum Thema

Die Kindheitsforscherin versagte beim eigenen Kind

Drei Jahre nach dem Tod seiner Mutter Alice zeigt Martin Miller in einem Buch, wie die grosse Psychologin ihr eigenes Trauma auf den Sohn übertrug. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Kommentare

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Die Welt in Bildern

Lightshow: Ein Blitz entlädt sich während eines Sommergewitters über Bern (27. Juni 2017).
(Bild: Anthony Anex) Mehr...