«Wer Geld verlieren will, wird Verleger»

Vor 57 Jahren gründete Daniel Keel den Diogenes-Verlag. Noch immer leitet er die Geschicke des Hauses. Es zählt zu den renommiertesten der Branche. Und zu den erfolgreichsten.

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Der Diogenes-Verlag kommt in die Jahre. Mit allem Respekt: Sie auch. Wie fühlen Sie sich?
Natürlich spürt man das Alter. Die Knochen und so. Loriot klagte neulich: «Das Alter ist eine Zumutung.» Er hat Recht.

Sie haben ein grosses Herz für viele verschiedene Autoren. Was waren Ihre eigenen ersten Leseerlebnisse?
Schon meine allerersten Leseerlebnisse zeigen mein Faible für komische und groteske Geschichten. Joggeli söll ga Birli schüttle!, Mickey Mouse. Später die Märchen der Brüder Grimm, Pinocchio, Max und Moritz und natürlich der verwahrloste Struwwelpeter. Kinder sollten früh Gelegenheit haben, auch die Schattenseiten des Lebens kennen zu lernen (lacht).

Welche Diogenes-Autoren haben die Prüfungen der Zeit bestanden?
Eine ganze Anzahl unserer Autoren haben sich bewährt, sind jetzt moderne Klassiker. Um nur einige zu nennen: Dürrenmatt, Andersch, Simenon – die Liste lässt sich leicht erweitern, zum Beispiel mit Scott Fitzgerald, Somerset Maugham bis hin zu Carson McCullers und Muriel Spark – da denke ich an «Memento Mori», Muriel Sparks wunderbaren Roman über das Altern. Mein ganz persönliches Literaturverständnis am meisten geprägt haben Tschechow, Dürrenmatt und Fellini. Diese drei bilden zunächst ein seltsames Trio. Die Drehbücher von Fellini, fand meine Frau, die Italienisch versteht, diese Drehbücher kann man lesen wie Tschechow-Dramen. Was alle drei besonders auszeichnet, ist ihr «common sense» und ihr Humor.

Sie werden gerühmt für Ihre «gute Nase». Mit der haben Sie viele Autoren entdeckt oder wiederentdeckt. Was ist eigentlich das Kriterium dieser Nase für Qualität?
«Ich teile alle Werke in zwei Sorten ein», sagte Tschechow einmal, «solche, die mir gefallen, und solche, die mir nicht gefallen. Ein anderes Kriterium habe ich nicht.» Das kann ich nur unterstreichen. Mir scheint, unser Instinkt hat ziemlich gelitten unter allzu vielem Analysieren und Interpretieren. Ich versuche jedes Buch so zu lesen, als sei es das erste. Mehr Neugier und mehr Unvoreingenommenheit könnten uns nicht schaden. Und ein bisschen Begeisterung. Und ein bisschen von dem oft belächelten «gesunden Menschenverstand».

Sind das die Rezepte für Ihren Erfolg?
Ein bisschen Glück gehört wohl auch noch dazu. Glück kann man nie genug haben. Besonders viel Glück hatte ich am 1. November 1961. An diesem Tag wurde Rudolf C. Bettschart mein Partner. Er hat aus dem dilettantischen Unternehmen eine solide Firma gemacht. Ohne ihn gäbe es den Diogenes-Verlag schon lange nicht mehr.

Sie verlegen Autoren, nicht Bücher. Nicht wenige sind Ihre Freunde geworden. Wie bindet man Autoren von Weltruf wie Dürrenmatt, Highsmith, Fellini – das Geld allein kann es ja nicht sein?
Vielleicht durch andere Autoren unseres Verlags, in deren Umgebung sie sich wohlfühlen. Hin und wieder sind unsere Autoren bei uns zu Besuch. Meine Frau – sie ist Malerin – kocht fabelhaft. Ihre Bilder schmücken die Umschläge vieler Diogenes-Bücher. Sie hat das von Tomi Ungerer illustrierte Liederbuch herausgegeben und eine ganze Reihe von Autoren entdeckt, unter anderen Harold Brodkey, Andrea De Carlo, Arnon Grünberg.

Als Verleger hat man eine andere, intensivere und emotionale Beziehung zu dem, was man herstellt, als ein Schuhfabrikant.
Da tun Sie den Schuhfabrikanten unrecht. Ich vermute, es hat einmal einen Herrn Bally gegeben, der mit dem gleichen Enthusiasmus gute Schuhe verkauft hat wie wir unsere Bücher.

Ist die Zeit der grossen Verlegerpersönlichkeiten vorbei, die Zeit der angestellten Manager gekommen – sind Sie der letzte Dinosaurier?
Saurier haben den unangenehmen Beigeschmack von Ausgestorbenem. Diese Frage sollten sie eher an Buchhändlerinnen und Buchhändler richten. Mir fehlt da der Abstand zu mir selber.

Ist Ihre Art der Verlegerei altmodisch? Sie halten Ihre Bücher lieferbar, den Autoren die Treue, Sie verlegen auch schlecht verkäufliche Bücher, Sie riskieren grosse Werkausgaben. Lässt sich das im 21. Jahrhundert noch halten?
Ich halte mich für einen romantischen Realisten. Als solcher kann ich diese Frage mit Ja beantworten. Bestseller und Longseller wie die weltweit gefeierten Evergreens von Patrick Süskind und Bernhard Schlink oder die geistreichen Romane von Donna Leon helfen mit, aufwendige Werkausgaben wie zum Beispiel Balzacs Comédie humaine und unrentable Raritäten wie Boswells Dr. Johnson oder Egon Friedells brillante Essays neu aufzulegen.

Kann man als Verleger reich werden?
Wer Geld verdienen will, wird Banker. Wer Geld verlieren will, wird Verleger.

Diogenes gibt es jetzt 57 Jahre. Glauben Sie, dass der Verlag seinen hundertsten Geburtstag wird feiern können?
Was spricht dagegen? Wie Sie sagen, hat der Verlag die ersten 50 Jahre unbeschadet überstanden. Daniel Kampa hat diese Jahre in einer üppig illustrierten Chronik amüsant dokumentiert.

Die Veränderungen im Buchhandel sind dramatisch: Konzentration, Preiskämpfe, die Konkurrenz durch das Internet, neue Rechtefragen, eine lesemüde Jugend. Das alles ist dem guten Buch nicht gerade förderlich. Was kann ein Verleger da tun?
Nichts – weitermachen. Wir werden noch viel hören von digitalen und globalen Neuerungen. Alles fliesst... (lacht) «Die Welt ist eine Pulverfabrik, in der das Rauchen nicht verboten ist», warnt Dürrenmatt in einer Sammlung von Denkanstössen. Dürrenmatts kleines explosives Buch hat eine neue Reihe ausgelöst: «Denken mit...» Denken mit Schopenhauer und Orwell, Montaigne, Kant und Gandhi – über zwanzig Dichter und Denker zeigen uns ihre Wege.. .

Sie sind immer noch ein aktiver Verleger. Wie sieht Ihre Aktivität genau aus? Prüfen Sie immer noch Manuskripte?
Ja.

Bestimmen Sie das Programm?
Ja. Das ist doch das Wichtigste, selbst wenn ein grosser Teil meiner Arbeit aus Ablehnen, Verhindern, Verzichten besteht. Das Auswählen und vor allem das Durchhalten bleibt das Interessanteste an unserem merkwürdigen Beruf. (sinniert) Wenn man eines Tages hören müsste: «Um den Alten ist es in letzter Zeit still geworden...», ja, dann sollte man endlich anfangen, mit seiner Zeit zu geizen.

Wie haben Sie die Nachfolgefrage geregelt? Welche Rolle werden Ihre Kinder einmal im Verlag spielen?
Ich lasse mich gern überraschen. Unsere Kinder, zwei begabte Knaben fortgeschrittenen Alters, hätten das Zeug, im Verlag mitzuspielen. Der Ältere ist schon Vizepräsident des Verwaltungsrats. Er hat drei Jahre bei Knopf in New York gearbeitet. Der jüngere ist Künstler, Fotograf und Autor von zwölf zum Teil sehr erfolgreichen Büchern. Ausserdem sind die beiden in diesem Trubel aufgewachsen und haben jeder auf seine Weise von klein auf geholfen, den Diogenes-Karren mitzuziehen. Ein Familienunternehmen eben. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie zusammen mit unserer hochkarätigen Geschäftsleitung und einem Team, um das uns mancher Kollege beneidet, den Verlag weiterführen.

Diogenes ist ein Verlag für Weltliteratur. Die Schweiz spielt, trotz Dürrenmatt, keine so grosse Rolle.
Wir haben doch mit Hugo Loetscher, Urs Widmer, Martin Suter und Lukas Hartmann vier sehr erfolgreiche, gut etablierte Schweizer Schriftsteller, aber auch viel versprechende neue Talente wie Laura de Weck und Rolf Dobelli, oder Joey Goebel, Benedict Wells, Anthony McCarten. Letztere sind zwar keine Schweizer, aber viel versprechend sind auch sie. Wichtig ist nicht so sehr, woher ein Autor kommt, wichtig ist, dass er eine gute Geschichte gut erzählen kann. Voltaire soll einmal gesagt haben: «Jede Art zu schreiben ist erlaubt – nur die langweilige nicht.» Da hat Voltaire sicher Recht, nur, wer soll bestimmen, was langweilig ist und was nicht?

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.07.2009, 08:33 Uhr)

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