Wer einen Jahrhundertroman übersetzt, entdeckt die Welt

Der in Basel lebende Deutsche Ulrich Blumenbach hat den Monsterroman «Infinite Jest» von David Foster Wallace ins Deutsche übersetzt.

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Wenn sich die düstere Radiofee Madame Psychosis an «die Akromegaliker und Hyperkeratotiker, die Enuretiker und spastischen Schiefhälse» draussen wendet, hilft vielleicht das Mediziner-Lexikon «Pschyrembel» weiter. Aber welcher Mensch kennt sich schon zugleich in byzantinischen Erotica, abseitigen Fernsehserien und höherer Mathematik aus? Und wie soll man den kongenial verschlungenen Bandwurmsatz aufdröseln und neu zusammenknüpfen, mit dem David Foster Wallace die Fesselung eines verschnupften frankokanadischen Separatisten beschreibt, ohne den richtigen Ton und den Faden zu verlieren?

Kapriolen und «lexikalische Vergewaltigungen»

Bei der Übersetzung von «Infinite Jest» («Unendlicher Spass») hat der in Basel lebende Deutsche Ulrich Blumenbach, wie er kürzlich in seiner Dankesrede für den Hieronymusring, den Wanderpokal der Übersetzerzunft, gestand, «Dinge gesehen, die mir selbst erfahrene Übersetzer kaum glauben würden». Wörter, die neu oder so einmalig sind, dass sie kein Wörterbuch verzeichnet.

Verschachtelte Satzkonstruktionen, die Thomas Mann oder Proust wie «kurzatmige Asthmatiker» aussehen lassen. Kapriolen und «lexikalische Vergewaltigungen» einer irrwitzigen, kranken Spassgesellschaft, neben denen selbst Thomas Pynchons Romane verblassen.

Blumenbach, ein drahtiger, lebhafter Mann mit einer gut sortierten Bibliothek und einem «libidinösen Verhältnis zur Sprache», hat die Herausforderung sportlich angenommen und brillant gemeistert. Jetzt weiss er, dass ein Saluki ein persischer Windhund, Achondroplasie Zwergwuchs und «gluteale Hyperadiposität» ein vornehmeres Wort für Fettarsch ist. Er weiss, wie Marlon Brando Garagentüren öffnet und Anonyme Alkoholiker den Entzug als quasireligiöse Erfahrung feiern.

Glück ist nicht vorgesehen

Als er das Buch 2003 zum ersten Mal las, wurde Blumenbach erst einmal schwindlig, aber dann packten ihn eine euphorische Vorfreude und der professionelle Ehrgeiz, und so stürzte er sich mutig in das Meer der Wörter. Über manchen Sätzen brütete er einen ganzen Tag; Sachen wie «ascapartic» (von Ascapart, einem sagenhaften Riesen), zu schweigen von Wallace’ Juxwörtern und Neologismen, stehen ja nicht einmal auf den 22 000 Seiten des «Oxford English Dictionary», das der Autor als Junge von A bis Z gelesen haben will.

Sechs Jahre lang sass Blumenbach an dem Buch, dem selbst er eine «leserquälerische» Seite attestiert; bereut hat er es nie. Der «Unendliche Spass» veränderte seinen Alltag, sein Familienleben, sein Verhältnis zu Sprache und Welt und sickerte selbst in seine Träume ein. Albträume waren es nicht, obwohl es manchmal harter Stoff ist, was DFW aus eigener Erfahrung und mit grausam ungerührtem Witz beschreibt: Depressive, Drogensüchtige und durchgeknallte Freaks zwischen Psychiatrie und Tennisakademie.

Unterstützung war nötig

Der Übersetzungsvertrag war vergleichsweise gut dotiert: 52'000 Euro, plus Erfolgsbeteiligung vom ersten Exemplar an. Dennoch hätte Blumenbach das Projekt ohne die finanzielle Unterstützung seiner Eltern und seiner Frau, Stipendien und einen Brotjob als Börsennachrichten-Dolmetscher bei der Credit Suisse nicht stemmen können. Und die 15'000 Euro aus dem Übersetzerpreis der Rowohlt- Ledig-Stiftung nimmt er auch gerne mit.

Aber wer will rechnen, wenn er die Chance hat, einen «Jahrhundertroman» zu übersetzen? Fritz Senn, Leiter des Zürcher Joyce-Archivs und Blumenbachs Mentor, sprach einmal davon, Glück sei im Leben der Übersetzer nicht vorgesehen. Blumenbach denkt anders darüber. Wenn, mit Wittgenstein zu reden, die Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt sind, dann hat DFW seine weit in unbekannte, ungeahnte Fernen hinausgeschoben.

Tag für Tag überraschte er ihn mit einer neuen Facette, einem funkelnden Juwel aus der Schatztruhe seines Universalwissens, seines schwarzen Humors und seiner Sprachgewalt: Wie nie zuvor durfte (und musste) Blumenbach aus der ganzen Sinnlichkeit und «Fülle meiner Muttersprache schöpfen».

Hin und wieder nutzte er auch seine literarische Freiheit, etwa wenn ein irischer Immigrant vor seinen Anonymen Alkoholikerfreunden vom Glück des ersten festen Stuhlgangs schwärmt. Blumenbach übertrug die Beichte – nach einem ersten, misslungenen Versuch mit einem norddeutschen Slang – mit Hilfe eines Freundes ins Baseldeutsche: Das erste «richtig Wirschtli, gar nimme verspritzt» klingt und riecht jetzt tatsächlich «graad eso, als ob dr liebi Gott s gmacht haig».

Die fraktale Geometrie fliegender Matratzen

Auf die Hilfe des Autors konnte und wollte Blumenbach nicht zählen, nachdem er gehört hatte, wie genervt DFW auf Fragen ratloser Übersetzer reagiert. Manche, etwa seine italienischen Kollegen, haben darum vor unverständlichen Passagen gleich kapituliert. Blumenbach konsultierte Spezialisten und arbeitete sich selbst in so entlegene Gebiete wie die fraktale Geometrie fliegender Matratzen und die Gedankenwelt radebrechender frankokanadischer Rollstuhlterroristen ein. Nur mit Tennis (das im Roman wie im Leben von DFW eine grosse Rolle spielt) konnte er sich nicht recht anfreunden.

Mittlerweile kann er aber auch über Roger Federer so kenntnisreich reden wie über die Chemie der Drogen oder die Annularfusion, Wallace’ geniale Lösung aller Atommüll- und Energieprobleme. «Infinite Jest» ist nämlich auch eine bizarre, bis in die technischen Details ausgesponnene Sciencefiction-Satire. Blumenbach spricht von «Tolkien für Erwachsene»; manches erinnert auch an Perry Rhodan für Intellektuelle.

Der bleiche König wartet schon

Am Ende hatte Blumenbach «Infinite Jest» als «Heimat» lieb gewonnen; aber jetzt muss er erst einmal Abstand gewinnen. In ein Loch konnte er schon deshalb nicht fallen, weil jetzt die Zeit der Interviews und Lesungen beginnt, und zur Erholung übersetzt Blumenbach gerade Jack Kerouacs «On the Road» neu. Aber wenn nächstes Jahr in den USA Wallace’ nachgelassener Roman «The Pale King» erscheint, steht er wieder bereit. Dass er dann US-Steuerrecht büffeln muss – der «Bleiche König» spielt in einem Finanzamt –, kann einen askapartischen Übersetzer nicht schrecken. «Wer nicht krepieren will, muss kapieren», heisst es in «Unendlicher Spass» einmal. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.08.2009, 19:30 Uhr)

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