Kultur

Weshalb der Büchner-Preisträger Jirgl in der DDR ausharrte

Von Dania Ringeisen, dapd. Aktualisiert am 09.07.2010 1 Kommentar

Der 57-jährige Schriftsteller Reinhard Jirgl erhält den mit 40'000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis. Während der DDR-Zeit fühlte er sich allein auf einem «zerschossenen Schlachtfeld».

Hohe Auszeichnung: Der Berliner Schriftsteller Reinhard Jirgl.

Hohe Auszeichnung: Der Berliner Schriftsteller Reinhard Jirgl.
Bild: pd

Jahrelang schrieb er nur für die eigene Schublade. Denn als Reinhard Jirgl 1985 sein erstes, umfangreiches Manuskript «Mutter Vater Roman» beim Ost-Berliner Aufbau-Verlag einreichte, wurde ihm eine «nichtmarxistische Geschichtsauffassung» vorgeworfen und die Veröffentlichung des Romans verweigert. Heimlich setzte jedoch Jirgl sein Schreiben fort. Und es lohnte sich: In der Nachwende-Zeit wurde der Roman 1990 veröffentlicht. In diesem Jahr wird der heute 57-Jährige mit dem wichtigsten deutschen Literaturpreis, dem Georg-Büchner-Preis, ausgezeichnet.

Insgesamt sechs fertige Manuskripte des studierten Ingenieurs lagen bis zur Wende 1989 in der Schublade, ohne dass je ein einziges veröffentlicht wurde. Weil das erste Manuskript in der DDR nicht erscheinen konnte, fielen auch die übrigen durch - trotz der Unterstützung durch den Dramatiker Heiner Müller. Eine «typische DDR-Methode», erklärte Jirgl, der 1953 in Ost-Berlin geboren wurde, einst in einem Interview mit der «Frankfurter Rundschau». Wütend und deprimiert sei er angesichts der Papierstapel gewesen und fühlte sich, weil so viele Freunde ausgewandert seien, allein auf einem «zerschossenen Schlachtfeld». «Aber was sollte ich im Westen? Keiner kannte mich, und ich passte in keine Schublade, war weder Dissident noch sichtbar von der Stasi verfolgt und auch in keiner Underground-Szene aktiv», sagte Jirgl.

1993 erhält Jirgl Alfred-Döblin-Preis

Um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren und weil er Zeit zum Schreiben brauchte, arbeitete Jirgl als Beleuchtungsingenieur an der Berliner Volksbühne. Die Wende kam und mit ihr auch das erste Angebot: 1990 erschien nun doch sein Roman «Mutter Vater Roman» in einem von dem Schriftsteller und Verleger Gerhard Wolf editierten Literaturprogramm beim Aufbau-Verlag. Das Werk blieb jedoch in Zeiten des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs nahezu unbeachtet. «Jirgl ist lange genug entmutigt worden, und es hat nichts genützt, ausser ihm und seinen Texten», schrieb Heiner Müller im September 1989.

Die entscheidende Änderung in der öffentlichen Wahrnehmung, auch seine persönliche Wende, wie Jirgl es beschrieb, kam 1993, als er für seinen Roman «Abschied von den Feinden» mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet und Autor des Carl Hanser Verlags wurde, in dem seitdem seine Bücher erscheinen. 1996 gab Jirgl seine Tätigkeit als Techniker an der Berliner Volksbühne auf und arbeitet seitdem als freier Schriftsteller in der Hauptstadt.

Zu den Ereignissen im Herbst 1989 hat Jirgl eine ganz eigene Betrachtungsweise. «Es war kein Staatsstreich und keine Revolution, es war die beamtische, teils feindliche Übernahme eines Betriebs namens DDR, der ökonomisch, militärisch und moralisch bankrott war», beschrieb der Autor den damaligen politischen Umbruch. Die in diesen Bereichen «etwas solventere Firma BRD» habe die DDR übernommen und sich, wie bei allen Fabrikübernahmen, damit verändert.

Suche nach einem «Moment der Erstmaligkeit»

Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts spielt in Jirgls Werken eine zentrale Rolle, immer wieder konfrontiert er seine Figuren mit den Ereignissen. Im Zentrum seiner Werke stehen die unbewältigten Erfahrungen von Kriegen und Vertreibungen, von Aufbrüchen und Katastrophen, den Zeiten der Teilung und der schwierigen Vereinigung.

Der grossen breiten Öffentlichkeit ist der studierte Ingenieur allerdings kaum bekannt. Denn seine Texte gelten als eher unbequem, nicht gerade lesefreundlich und schwierig, weil er Nebenschauplätze meidet und stattdessen «sein Schlachtfeld die Sprache» sei, wie die «Zeit» in einer Rezension schrieb. Nicht schwierig, sondern zeitaufwändig seien seine Texte, meint dagegen der 57-Jährige. In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk erklärte er: «Was ich mit der Sprache suche, ist eigentlich ein Moment der Erstmaligkeit.» Und das bedeute, dass er eine Genauigkeit und eine Differenziertheit haben müsse, in der Sprache, die die Dudennorm und alles, was in Regularien gelte, eigentlich nicht erfüllen könne. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.07.2010, 09:50 Uhr

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1 Kommentar

Anton Erni

10.07.2010, 00:15 Uhr
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Jirgl kennt keine abgedroschenen Sprachmuster die unser Denken vorfabrizieren; mit einer unheimlich präzisen, aber auch düster-poetischen Sprache, schafft er neue Räume für alle, die so etwas wie Sprachekel kennen. Seine Sprache erinnert vordergründig an Arno Schmidt, aber sie ist durchaus eigen und was er uns zu sagen hat, verschlägt einem den Atem... Antworten