Kultur

Wie Gottesbilder Kulturkämpfe provozieren

Von Michael Meier. Aktualisiert am 15.03.2009 3 Kommentare

Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf legt ein brillantes Buch über missbrauchte Götter vor: Trotz Bildverbot ist die Geschichte voll von Gottesbildern, die sich konkurrenzieren.

Friedrich Wilhelm Graf.

Friedrich Wilhelm Graf.

Info-Box

Friedrich Wilhelm Graf: Missbrauchte Götter. Zum Menschenbilderstreit in der Moderne. Verlag C. H. Beck. 207 S., 34.50 Fr.

Im Anfang war das Wort, sagt das Johannes-Evangelium. Im Anfang war das Bild, sagt der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf. Und macht plausibel, dass die Glaubensgeschichten der Menschheit weithin als Bildkulte begannen. «In historischer Perspektive kommt Bildern der vielen Götter Vorrang vor dem Wort des einen Gottes zu.» Dank den Archäologen wissen wir, dass etwa die Juden zunächst Götter- und Kultbilder verehrten, ehe diese dem monotheistischen Gott Jahwe weichen mussten.

Es war das Bildverbot, das die transzendente Geistigkeit des jüdischen Gottes schützte. Dieser offenbarte sich nunmehr im Wort der Thora statt in Kultbildern. Denn «Bilder drohen die Alleinwirksamkeit des souveränen Gotteswortes zu stören», so der Münchner Theologe. In Kontinuität zum Judentum glaubte der Reformator Calvin an die sprachbezogene Gottesunmittelbarkeit des Menschen. Dabei gebärdete er sich viel bilderfeindlicher als Luther, der ebenfalls das schlichte Hören auf Gottes reines Wort verkündete. Wo immer das Unendliche im Bild verendlicht und vergegenständlicht wird, geschieht laut Graf im Prinzip Gottesmissbrauch. Zumindest in der protestantischen Ohrenreligion, für die das Wort das entscheidende Medium der Selbstoffenbarung Gottes ist.

Augen- oder Ohrenreligion

Der Missbrauch Gottes beginnt also dort, wo man ihn ins Bild setzt. Doch Graf weiss nur zu gut, dass die Religionsgeschichte voll von Gottesbildern ist. Dagegen hat er auch nichts einzuwenden, solange die Bildwerdung Gottes von der Reflexion begleitet wird. Das aber geschieht für ihn in der Augenreligion des römischen Katholizismus viel zu wenig: Sie vertraut der Macht der Bilder mehr als der Wirkkraft des Wortes. Ja, die katholische Sakralmagie bringt eine ganze Glaubensindustrie in Form von Bildern hervor. Und droht, indem sie den unsichtbaren Gott sichtbar macht, in die Banalästhetik abzugleiten.

Grafs Essay gehört zum Besten, was man über die Konkurrenz von Wort und Bild, von Ohren- und Augenreligion lesen kann und wirkt in unserer Zeit mit ihrer klaren Dominanz der Bilder gleicherweise provozierend und inspirierend. Souverän legt er die religiösen Tiefenschichten aktueller Debatten um Götter- und Menschenbilder frei. So sieht er etwa in der modernen Auseinandersetzung um abstrakte und figürliche Kunst die alten theologischen Ideenkämpfe um die Visualisierbarkeit des geistig Absoluten aufleben. Oder er zeigt, wie die postmodernen jüdischen Philosophen Derrida oder Lévinas das Verbot, Unendliches im Bild zu verendlichen, als Garant weltanschaulicher Vielfalt der alten Metaphysik gegenüberstellten.

Schade nur, dass der wohl originellste und kreativste Denker unter den evangelischen Theologen deutscher Zunge nicht für eine breite Leserschaft, sondern für seinesgleichen schreibt. Völlig ungeniert bedient sich Graf im Giftschrank der Fremd- und Fachwörter.

Der gekreuzigte Frosch

Gerade auch in unseren religiös erregten Zeiten gilt für Graf: Wer Gott gegen das Bildverbot im Bild zu vergegenständlichen sucht, bläst zum Kulturkampf. Er erinnert etwa an den Streit um die Mohammed-Karikaturen, an den von Martin Kippenberg mit seinem «gekreuzigten Frosch» provozierten Bozener Bilderstreit oder an die englische Comicserie «Popetown». Jedes Mal schreien die religiös Beleidigten: Blasphemie! – was für Graf religionskulturell naiv ist. Schliesslich sei die öffentliche Gotteskritik ein Bewegungsmoment der Religionsgeschichte insgesamt. Auch Christentum und Judentum hätten immer wieder im Namen ihres Gottes andere Götter verachtet und verlacht.

Graf mag überraschende Thesen. Jene etwa, dass gerade die Moderne seit 1800 eine extrem götterproduktive Epoche ist. Marx, Nietzsche und Feuerbach zum Trotz. So lässt er die konfessionellen Götter, die von der Romantik wiederentdeckten antiken Götter, die faschistischen Messiasgestalten oder den Papst als Vize-Gott Revue passieren.

Dass Götter seit Feuerbach nur als hinausprojizierte Wünsche des Menschen gelten, sagt laut Graf noch nichts über deren tatsächliche Existenz. Jedenfalls entfalten die Projektionen Wirkung, insbesondere eine Wechselwirkung zwischen Gottes- und Menschenbildern.

Das veranschaulicht Graf an der von Albert Schweitzer 1906 veröffentlichten Geschichte der Leben-Jesu-Forschung. Der Theologe zeigte damals, wie der historische Jesus die Eigenschaften jener annimmt, die ihn kollektiv erinnern und in Szene setzen: Jesus, der Befreier der Armen, der Frauen, der Schwulen. Und immer wird der Verdacht des missbrauchten Gottes laut. Das wirft etwa die christliche Rechte der feministischen oder schwulen Theologie vor, während sie selber den Gott der Bibel für ihre Moralinteressen gegen Abtreibung oder Homoehe verzweckt. In all den theologischen Debatten betätigt sich Graf meisterhaft als «Diskurspolizist», um ihn mit einer seiner geliebten Wortkreationen zu bezeichnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2009, 23:17 Uhr

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3 Kommentare

ralph kocher

16.03.2009, 13:58 Uhr
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Nennen wir "die Luft" - in der wir uns bewegen - einmal nur MATRIX; denn andere nennen dieses ES individuell die "4. Dimension" - und noch andere sagen dem ES "Das 5. Element". Mit Worten also kann man ES klar definieren. Bildlich LUFT darstellen wird schon schwieriger aber bildlich kann man besser suggerieren! Diese Matrix, dieses ES - ist bildlich sicher auch in Filme jeglich Couleur initiierbar Antworten


Ciril Münzinger

16.03.2009, 16:28 Uhr
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Da hielt mir doch ein Kreationist (eh. Christ oder Evangelikaler) vor, dass Karikaturen gerechtfertigt seien gegenüber "falschen" Kulturen. Ich meinte, ob er dies auch fände, wenn eine plastisch reell gezeichnete Karikatur einen erigierten Papst einen Knaben schänden zeigen täte; dabei ein am Kreuze hängender J. mit Riesensteifem dazu noch hingucken würde. Glauben verunglimpfen bleibt unästhetisch Antworten