Wie Lebenslügen Sinn machen

Von Res Strehle, Berlin. Aktualisiert am 27.07.2010

Der Schriftsteller Bernhard Schlink legt mit «Sommerlügen» sieben neue Erzählungen vor und zeigt, wie Menschen sich ihr Leben zurecht lügen.

Spielt mit Geschichten: Berhnard Schlink.

Bernhard Schlink empfängt in einem kargen Seminarraum am Juristischen Institut der Humboldt-Universität in Berlin-Mitte. Er hat kürzlich seinen 66. Geburtstag gefeiert, ist seit ein paar Wochen emeritiert. Künftig wird er nur noch vereinzelt Vorlesungen halten – über Recht und Literatur an der Universität Sydney, über Gerechtigkeit in Cambridge und New York. Er freut sich darauf, mehr Zeit zum Schreiben zu haben, es bedeutet für ihn nicht Blut, Schweiss und Tränen wie für andere, sondern in erster Linie Lust. Er liebt es, «mit Geschichten zu spielen».

Erzählen hat er vom Grossvater gelernt, einem Textilingenieur aus dem Glarnerland, der es liebte, auf den Spaziergängen mit dem Enkel aus der Geschichte zu erzählen und mit dem Spazierstock Schlachtpläne auf den Weg zu zeichnen. Vom Grossvater gibt es auch eine Familiengeschichte, die weit mehr ist als nur kommentierter Stammbaum. Schlink wird demnächst wieder einen Roman angehen, vielleicht noch einmal einen Kriminalroman. Halb wohnt er in Berlin, halb in den USA, wo auch seine Partnerin lebt und wo sie dereinst in ein einsames Haus in den Berkshires einzuziehen hoffen. Ein herzlicher Weltbürger im besten Sinn, bescheiden geblieben trotz Millionenauflage in den verschiedensten Übersetzungen und Verfilmungen mit grossem Hollywoodaufgebot.

Bernhard Schlink, ist die Sommerlüge wie Sommerbier: leichter, zitroniger? Oder gerade schwerer, weil mit ihr ja auch die grossen Sommerutopien zerstört werden? Ich dachte an beides. Oft ist die Lüge zuerst klein, unschuldig erdacht, leichthin geäussert. Aber dann zeigt sich, dass in ihr eine grosse Lebenslüge steckt.

Das kann tragische Folgen haben? Ja.

Das Grosse im Kleinen? Davon versuchte ich zu erzählen.

Nun kann man eine Lebenslüge positiv und negativ deuten. Negativ: sich etwas vormachen über die eigene Ehrenhaftigkeit. Umgekehrt ist sie auch sinn- und identitätsstiftend. Es kann angenehm sein, sich kollektiv in einer Lebenslüge einzurichten. Was ist stärker? Das lässt sich gar nicht trennen. Wir neigen dazu, uns alles zurechtzulegen, als hätte es so kommen müssen. Wenn sich zwei treffen, ist die erste Lüge meist, dass sie sich ihr Leben so erzählen, als habe es sinnvoll und stimmig zum Punkt hingeführt, an dem sie gerade stehen. Man kann in die Erzählung auch Brüche integrieren, aber niemand kann sein Leben als schlechterdings widersinnig begreifen, als Voranschreiten von einer unbegreiflichen Situation zur nächsten. Damit kann man nicht leben. Indem wir uns unser Leben erzählen, interpretieren und definieren wir um, biegen zurecht, machen aus Hässlichem Schönes und geben Belanglosigkeiten Bedeutung. Damit machen wir uns was vor, stiften aber auch Sinn und gestalten und festigen den Boden, auf dem wir weiterleben. Gewiss, bei manchen laufen die Lebenslügen aus dem Ruder. Aber solange sie das nicht tun, sind sie ein Teil der Ausstattung, mit der wir das Leben bewältigen.

Entscheidend scheint ja zu sein, dass man selber daran glaubt. Ohne den Glauben funktionieren sie nicht. Das gilt übrigens auch für die kollektive Geschichte. Auch bei ihr gilt es, Sinn zu stiften und zu glauben, und auch bei ihr überziehen unsere Interpretationen und Definitionen das, was war.

Ist diese Lebenslüge Teil des Bewusstseins, oder wird sie unbewusst konstruiert? Wieder beides. Manchmal wissen wir, dass der Boden, den wir uns da bereiten und auf dem wir leben, Abgründe zudeckt. Manchmal machen wir uns aber auch etwas vor, wenn wir Probleme als gelöst fingieren, die wir nicht wirklich lösen können, und Brüche als gekittet, die sich nicht wirklich kitten lassen. So oder so leben wir oft ganz überzeugt mit dieser Geschichte, die wir uns zurechtlegen.

In der letzten Geschichte stellt sich die Grossmutter der Lebenslüge und kommt zur Einsicht. Happy End? Ich weiss es nicht. Sie sitzt auf dem Balkon und geniesst den Sommer, die Sonne, die Gewitter. Zugleich macht ihre Einsicht sie einsamer. Vielleicht schafft man im Alter immer noch oder sogar besser als früher die Dekonstruktion, hat aber nicht mehr die Kraft oder auch die Lust, sich eine neue Geschichte zu erzählen.

Sind Sie als Schriftsteller auch ein wenig ein verhinderter Philosoph? Ich erlebe es nicht so. Ich denke und lebe in den Geschichten. Die philosophischen oder rechtlichen oder geschichtlichen Themen, die mich beschäftigen, finden von selbst ihren Weg in die Geschichten. Ich spiele mit den Geschichten, wie andere pfeifen. Manche fügen sich so, dass ich sie schreiben kann, andere nicht.

Wie kommen Sie auf Geschichten? Wie kommen wir auf irgendetwas? Ich weiss nicht genau und will eigentlich auch gar nicht wissen, wie ich auf meine Geschichten komme. Ich will einfach schreiben. Das Schöne ist, beim Schreiben in den Geschichten zu leben.

(Der Bund)

Erstellt: 27.07.2010, 15:36 Uhr

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