Kultur

Wie der Mensch dem Tier die Welt zur Hölle macht

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 17.08.2010 1 Kommentar

Zwei Jahre nach seinem sensationellen Erfolg mit «Nach Hause schwimmen» legt Buchpreisträger Rolf Lappert seinen neuen Roman vor. Ein Buch voller Rätsel.

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Rolf Lappert: Tiere sind für ihn Geschöpfe wie wir und verdienen dieselbe Sorge. (Bild: Keystone )

Rolf Lappert: Auf den Inseln des letzten Lichts. Roman. Hanser, München 2010. 544 S., ca. 40 Fr.

Dass wir Fleisch essen und das nicht tun sollten, ist nicht mehr das kommende Megathema: Medial ist es schon da. Auslöser ist Jonathan Safran Foers Bestseller «Eating Animals», das jetzt gerade auf Deutsch herauskommt. Und die deutsche Autorin Karen Duve, die derzeit verschiedene Härtestufen des Vegetarismus durchprobiert, stösst demnächst mit «Anständig essen» in dasselbe Horn. Der Schweizer Autor Rolf Lappert, Buchpreisträger von 2008, ist seit Jahrzehnten Vegetarier. Das triftigste Motiv – es gibt noch das ökologische und das gesundheitliche – ist für ihn, dass der Mensch kein Recht hat, Tiere zu töten, weil sie Geschöpfe sind wie er und dieselbe Sorge verdienen.

Die schrecklichsten und eindrücklichsten Szenen in seinem neuen Roman spielen auf einem Schlachthof und in einer Primaten-Versuchsstation. Sie führen drastisch vor, wie brutal der Mensch mit Tieren verfährt, weil er sie nur als Mittel zum Zweck versteht, und der Zweck, das sind seine eigenen, durchaus nicht überlebensnotwendigen Bedürfnisse. In diesem Momenten verwandelt sich die ganze Welt in einen Ort des Grauens, in dem das grösste Glück darin besteht, ihn gar nicht betreten zu müssen. Wie jener Fötus, der einer geschlachteten Kuh aus dem Leib gleitet, «ein Kälbchen in der Fruchtblase, klein wie eine Katze, hell, beinahe durchsichtig, die Augen geschlossen, friedlich, wie selig darüber, nie in diese Welt hineingeboren zu werden».

Potemkin führt Regie

Hier sind wir im innersten Kreis der Hölle, aber Zumutungen und Wahrheiten dieses Kalibers mutet der Autor seinen Lesern nur in wenigen Momenten zu. Meist befinden sie sich unter seiner Führung an einem Ort, dessen Zuordnung schwierig ist. Ein Paradies ist es definitiv nicht – obwohl in paradiesischen Zonen gelegen, auf zwei Inseln irgendwo im philippinischen Archipel, die durch das Zusammenwirken von tropischer Natur und verkommener Zivilisation einen leicht surrealen Charakter bekommen. Ein erzählerischer Limbus, von dem man lange nicht weiss, was man von ihm halten soll.

Hierhin, auf die «Inseln des letzten Lichts», verschlägt es das irische Geschwisterpaar Megan und Tobey, die Hauptpersonen in Lapperts Roman. Sie kommen zeitversetzt an: erst Megan, dann Tobey, auf Megans Spuren. Erzählt werden beide Aufenthalte in umgekehrter Chronologie, im ersten Teil erfahren wir, was Tobey widerfährt, im dritten und letzten, wie es Megan ergangen ist. (Der zweite, kürzere Teil behandelt Tobeys Zeit als Mitglied einer dilettantischen Rockband in Dublin.) Dass die Insel den beiden nicht bekommt, darf verraten werden, weil es bei der allgemeinen Tonlage des Buches niemanden überrascht: Beide verlieren wir aus den Augen, als sie sich im Meer verlieren.

Alles ohne Ergebnis

Inseln, gerade in südlichen Gefilden, gelten als Sehnsuchtsorte. Die beiden namenlosen Inseln in Lapperts Roman lösen dagegen klaustrophobische Gefühle aus; bei den zeitweiligen Bewohnern wie auch bei uns Lesern. Das hat auch damit zu tun, dass unser Unwissen, was auf diesen Inseln eigentlich geschieht, kompensiert wird mit unaufhörlichen Erkundungs- und Spaziergängen, mit Gesprächen, beim Frühstück, beim spätabendlichen Bier, nach dem Schwimmen: alles ohne Ergebnis. Lange, allzu lange wird erst vor Megan, dann vor Tobey (oder umgekehrt) eine Fassade aufrechterhalten, ein Potemkinsches Dorf aufgebaut. Auf den Inseln werde geforscht, sagt man ihnen, nämlich daran, wie weit man mit Menschenaffen kommunizieren könne.

Vier dieser Primaten, die mit Hemd und Hose bekleidet sind und von einer internationalen Truppe von Helfern geschult werden, treten auf; der Intelligenteste von ihnen, ein auf den Namen Montgomery getaufter Bonobo, versteht 200 Wörter und kurze Sätze und kann durch das Zeigen auf Wortkärtchen sogar selbst «sprechen». Finanziert wird diese Forschung von einer Stiftung, deren Präsidentin, die leicht demente Nancy Preston, in einer Villa auf der Insel vor sich hin dämmert. Für den Stiftungsrat wird einmal jährlich ein Film gedreht, der die Fortschritte dokumentieren soll, aber auch bei diesem Film führt Potemkin die Regie.

Drogen? Viren? Terror?

Tobey wie Megan begreifen schnell, dass hinter dem Forschungsfake etwas anderes stecken muss. Aber was? Werden auf den Inseln synthetische Drogen hergestellt, wird mit gefährlichen Viren experimentiert? Beides klingt plausibel. Dazu lässt Lappert eine islamistische Gruppe auftreten, die mal zuschlägt, mal rettet, so wie auch die «offiziellen» Inselbewohner in ihrem Verhalten wie in ihren Auskünften die Widersprüche nur so übereinanderstapeln. Die einprägsamste Figur neben dem Geschwisterpaar (zwischen dem der Autor eine inzestuöse Annäherung andeutet, die sie dann, wie bei umgepolten Magneten, um so stärker voneinander abstösst) ist der Inder – oder Pakistaner? – Tanvir, der jeden Zuhörer mit einer anderen Version seiner Lebensgeschichte beglückt, jeweils eingeleitet mit der Frage: «Die kurze oder die lange Fassung?»

Erzählen und Lügen: Zwischen diesen Polen, die ja in der Literatur in gewisser Weise ineins fallen, liegt die Spannung dieses Romans, was darüber hinwegtröstet, dass die «ordinäre», also die Plot-Spannung, sich nicht recht einstellen will. Als hätte man ihm selbst die Tanvir-Frage gestellt, serviert Lappert die lange, die sehr lange Fassung. Auf der Insel ist die Zeit ausser Kraft gesetzt, und die Erzählzeit hat sich dem anzupassen, muss sich der Romancier gedacht haben.

Wurde Wilbur im grossartigen Vorgängerroman «Nach Hause schwimmen» von des Schicksals Wellen mal hierhin, mal dorthin geworfen, so tritt die Handlung hier auf der Stelle, schlägt verlegen Haken, dreht sich im Kreis. Denn viel mehr als auf flotte Action kommt es Lappert in diesem Roman auf Stimmungen und Zustände an, auf Landschaften, Erinnerungen, auf eine «vertraute Verzweiflung», die vor allem eins ausdrückt: die Unbehaustheit des Menschen auf dieser Welt – sobald er sich klargemacht hat, welche Verbrechen auf dieser Welt ständig begangen werden.

Eine Frage, keine Botschaft

Tobey und Megan empfinden da ganz ähnlich, wobei Tobey eher den unschlüssigen Typus darstellt und Megan die Kämpferin. Tieraktivistin von ihrer irischen Kindheit an, inszeniert sie Attentate gegen Tierquäler und gründet später die «Illegal Eagles», die Hühnerbatterien zerstört oder Bombenattrappen in McDonald’s-Filialen platziert. Megan ist Lapperts Sympathieträgerin, wenn nicht gar sein Sprachrohr; es ist bedrückend, mitzuerleben, wie ihr kämpferischer Elan versiegt und tiefer Niedergeschlagenheit Platz macht.

Mit seltsam gemischten Gefühlen legt man dieses Buch aus der Hand. Gefangen von der Atmosphäre, gepackt von den vielen Binnenerzählungen, berührt von Lapperts sympathisch altmodischem Vertrauen auf die Macht der Worte, die Beschwörungskraft der Formulierungen. Dieser Roman verkündet keine Botschaft, er hinterlässt vielmehr eine Frage, genauer: eine Gegenfrage. Megan stellt sie, als Tanvir sie gefragt hat: «Glauben Sie, Tiere haben eine Seele?» Und Megan: «Haben wir Menschen denn eine?»

Am 21. 9. liest Rolf Lappert im Kaufleuten Zürich aus seinem Roman. Moderation: Martin Ebel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2010, 20:16 Uhr

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1 Kommentar

Antonia Capaul

17.08.2010, 13:45 Uhr
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Allmählich beginnts zu dämmern!! Höchste Zeit!! Antworten