Kultur

Wie der Menschenfotograf die Geburt einer Stadt sah

Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 02.03.2011 4 Kommentare

Heute erscheint der grossartige Fotoband «Brasilia» von René Burri. Die vielen bisher unveröffentlichten Aufnahmen sind Zeugen einer Utopie.

1/4 Klare Linien im brasilianischen Niemandsland: Rampe zum Palácio do Congresso Nacional von Oscar Niemeyer (1977).
René Burri

   

Das neue «Du» widmet sich seinem freiesten Mitarbeiter René Burri. (Bild: PD)

Buch, Heft und Ausstellungen

René Burri: «Brasilia, Fotografien 1958–1997»
Hg. von Arthur Rüegg. Texte deutsch und englisch. Scheidegger & Spiess, Zürich 2011. Gebunden, 224 S., 122 farbige und 104 SW-Abbildungen. Ca. 100 Fr.

Du-Jubiläumsausgabe 70 Jahre: René Burri. Fotograf/Weltensammler. 122 S., 20 Fr.

Ausstellung 1: Colour. Neumarkt 17 Gallery, Predigergasse 14. Vom 4. bis zum 19. März.

Ausstellung 2: Black & White. Galerie Burgerstocker an der Mühlebachstrasse 2 in Zürich. Vom 5. bis zum 19. März.

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In der perfekten Utopie ist der unfertige Mensch ein Störfaktor. Er passt schlecht in ein Milieu, das so cool und clean ist, dass jedes individuelle Verhalten als Abweichung erscheint. Dass auch die utopische Stadt ohne Menschen eigentlich bestens funktioniert, sieht man bei der Herstellung der Zukunftsstadt Brasilia. René Burri war 1960 dabei, als diese aus dem Boden gestampft wurde. Seine Fotografien sind Zeugen dieser zwei Gesichter utopischen Denkens: Da sie festhalten, wie das Humane das Ideologische unterläuft (und umgekehrt), wurde René Burri oft als Menschenfotograf bezeichnet. In «Brasilia», dem heute erscheinenden Fotoband, kommt dies exemplarisch zum Ausdruck: Ein Paar steht verloren in der weiten Ebene, die Äste eines Baumes zeigen wie Finger in den Himmel, und am Horizont zieht ein Hochhaus wie ein Gewitter auf.

Diese Fotografie, aber auch zahlreiche unveröffentlichte Aufnahmen in Schwarzweiss und Farbe finden sich in «Brasilia». René Burri, ein begeisterter Architektur-Liebhaber (die Corbusier-Fotografien sind besonders gelungen), zeigt die bedingungslos klaren Linien, die der Architekt Oscar Niemeyer durch das brasilianische Niemandsland zieht; er zeigt die kühlen, kühnen Bauten, die noch unbewohnten Wohnsilos und unbelebten Büros, die eine eigenwillige Faszination ausstrahlen, die aber auch die dahinter lauernde Melancholie und Leere nicht verbergen können.

Geometrische Strenge

Gerade in ihrer besonnenen Nachdenklichkeit sind diese Fotografien ein eindrückliches Dokument der Verlockungen und Gefahren neu geschaffener Welten. Wäre dies nicht Brasilien mit seinem natürlichen Hang zum Chaos, wäre das architektonische Ergebnis wohl weniger erträglich ausgefallen: In Brasilia wird die Strenge geometrischen Denkens durch verspielte Spontaneität leicht aufgelockert und durcheinandergewirbelt.

René Burri war immer dabei, als es zu gesellschaftlichen, politischen oder wie 1960 in Brasilien zu architektonischen Umbrüchen kam: Er ist ein Zeitzeuge im besten politischen Sinn. Sein Interesse gilt vor allem der Frage, welche Auswirkungen lokale oder globale Verwerfungen für den einzelnen Menschen haben. Auch in «Brasilia» wird dieser Erkenntnis leitende Blick spürbar: So sehr der Ästhet Burri, der von sich selbst sagt, kein «Burrist» zu sein, von den formschönen Bauten und Strassennetzen fasziniert ist, so sehr sprechen seine Bilder auch von der steten Suche nach dem individuellen Fussabdruck.

Dass die Bildlegenden am Schluss des Bandes versammelt sind und nicht bei den Fotografien stehen, erschwert zwar die Lektüre, hat aber den Vorteil, dass man sich zuerst ganz der Bildaussage widmet, ohne sich auf die Hilfe eines Textes stützen zu können.

Fotografisches Gedächtnis

Auch die Zeitschrift «Du» feiert ihren 70. Geburtstag mit einer Ausgabe, die René Burri, dem «längsten (und freiesten) Mitarbeiter», gewidmet ist. Das Heft, grosszügig gestaltet, lädt zum Blättern und Schmökern ein: Vieles kommt einem bekannt vor (und ist es auch), anderes ist neu und überraschend. Vor allem der kurze, aber aufschlussreiche Ausflug in die Welt der Farbfotografie des mit Schwarzweissbildern bekannt gewordenen Künstlers verblüfft: sehr dezente, sehr funktionale Fotografien, die die Farbe als Mittel zur Konturierung des Bildaufbaus einsetzen. In Stil und Ausdruck stehen die meisten dieser Bilder den Schwarzweissklassikern in nichts nach.

Ein Dutzend seiner Arbeiten kommentiert René Burri in diesem «Du», das wieder auf der Höhe seiner guten, alten Zeit ist. Verblüffend sind seine ungeheure Erinnerungsgabe und sein fotografisches Gedächtnis: Was einmal aufgenommen wurde, wird gespeichert. Auf Seite 23 findet sich ein Bild mit dem Titel «Arbeiterfamilie in Brasilia (1960)», zu dem René Burri heute festhält: «Als ich nach Brasilia kam, stand ausser dem Präsidentenpalast noch nichts. Weit und breit nur Buschwerk und Flüsse. Ich habe die Geburt der Stadt miterlebt, deren Bau vom Präsidenten Juscelino Kubitschek, vom Architekten Oscar Niemeyer und vom Stadtplaner Lucio Costa beschlossen worden war. Der Bau dauerte vier Jahre. Die Arbeiter kamen von überall her, mit der Machete und dem Messer in der Tasche. Der Mann im weissen Sonntagsanzug ist einer der Arbeiter. Er kam mit seiner Frau und seinen vier Kindern und zeigt ihnen stolz das Gebäude, an dem er mitgebaut hat: den Palácio da Justiça.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2011, 08:05 Uhr

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4 Kommentare

Peter Spelt

02.03.2011, 10:40 Uhr
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Brasilia ist anders, auch heute noch. Das dachte ich als ich um 14 Uhr auf der Menschen- und Autoleeren 12-spurigen Avenida ganz alleine unterwegs war auf dem Weg nach Hause. Das war als 2010 Brasilien an der WM spielte und verlor, so waren die Strassen noch eine ganze Weile lang leer. Auch am Abend ist das "Stadtzentrum" wie nach einer Epidemie ohne Menschen, geplant nur für Politiker und Autos. Antworten


Hugo Huber

02.03.2011, 16:13 Uhr
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Brasília schreibt sich mit einem Akzent auf dem ersten "i".
Die Familie auf Bild 3 (Kinder in hübschen Kleidchen und Frau mit Sonnenschirm) war garantiert keine Arbeiterfamilie!
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