Kultur

Wie die Psychoanalyse zur neuen Religion wurde

Wie kam es zum unaufhaltsamen Aufstieg der Psychologie im 20. Jahrhundert? Die israelische Soziologin Eva Illouz hat diesen Triumphzug in ihrem neuen Buch klug und kritisch analysiert.

Der Psychoanalyse war angetreten, den Menschen zu befreien. Sigmund Freud im Wachsfigurenkabinett.

Der Psychoanalyse war angetreten, den Menschen zu befreien. Sigmund Freud im Wachsfigurenkabinett.

In einer Titelgeschichte über das Vermächtnis von Sigmund Freud bezeichnete das amerikanische Magazin «Newsweek» den Begründer der Psychoanalyse 2006 als «treibende Kraft eines Kneipengequatsches geistiger Normalverbraucher, das unsere Kultur seit einem Jahrhundert in Beschlag genommen hat. Ohne Freud wäre Woody Allen nur ein Trottel und Tony Soprano nichts weiter als ein Gangster. Es gäbe zwar einen Ödipus, aber keinen Ödipuskomplex.»

Der Siegeszug der Psychologie, vor allen Dingen der Psychoanalyse, lässt sich mit statistischen Zahlen belegen. In seiner Untersuchung «The Therapeutic State» schreibt James L. Nolan, dass es in den USA «doppelt so viele Therapeuten wie Zahnärzte oder Apotheker» gebe. Die Psychologisierung erfasst alle Bereiche des modernen Lebens: Die Individuen bedienen sich nicht nur bei romantischem Kerzenlicht des reichen psychologischen Jargons, auch bei der Arbeit hat sich das therapeutische Reden durchgesetzt. So reproduzieren Personalabteilungen vorgestanzte Denkmuster der Psychologie.

Heerscharen von Therapeuten

Was zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Befreiung des Menschen von verkrusteten Traditionen begeistert gefeiert wurde, erweist sich heute mehr und mehr als ein Korsett, das den individuellen Handlungsspielraum massiv einengt. Denn das, was sich mit psychologischen Begriffen und Termini nicht umschreiben lässt, wird entweder ignoriert oder therapiert. Michel Foucault war einer der ersten Denker, der vehement und intellektuell brillant gegen die Zumutungen dieses neuen Diskurses (und dessen subtile Repressionen) angeschrieben hat. Dies hatte auch damit zu tun, dass Foucault homosexuell war und nicht zum Establishment gehörte. Von der sozialen Peripherie aus erkannte er die Normen der schnell um sich greifenden Psychologisierung und führte die Dialektik der Aufklärung fort: Der vermeintlich Aufgeklärte wird selbst zum Verklärten und der Erleuchtete zum Verblendeten.

Hier setzt Eva Illouz an. Mit den Publikationen «Der Konsum der Romantik» (2003) und «Gefühle in Zeiten des Kapitalismus» (2006) hat sich die israelische Soziologin international einen Namen gemacht. Ihr neues Buch mit dem allzu pathetischen Titel «Die Errettung der modernen Seele» («Saving the Modern Soul» im Original) stellt keine hochtrabenden Theorien vor, sondern stützt den Befund der durch und durch psychologisierten Gesellschaft mit aktuellen Zahlen, Daten und Interviews. Die Lektüre ist erhellend und interessant, auch wenn der Stil wenig einladend ist: Die Soziologin schreibt sehr spröde und unterwirft sich freiwillig akademischen Gepflogenheiten. So zitiert die Autorin übereifrig andere Studien oder verweist auf sie. Auch das Lektorat war grosszügig und liess etwa den «Schweizer Psychiater Max Eitingon» durch – der in Tat und Wahrheit Russe war. Und dennoch: Wer sich durch die Materie durchbeisst, ist nach 400 Seiten gescheiter und sein Blick auf den gesellschaftlichen Status quo kritischer.

Das Gefühlsmonopol der Psychiater

In den 1970er-Jahren wird der Abstieg in die psychischen Abgründe beinahe zur moralischen Pflicht jedes Einzelnen und Selbstverwirklichung das höchste aller Ziele – ja zum Mantra geglückten Lebens. Die Psychologen, so die Quintessenz von Eva Illouz, haben «das Monopol auf die Definition und die Regeln des Gefühlslebens im privaten und öffentlichen Bereich für sich beansprucht».

Heerscharen von Therapeuten und Ratgebern sorgen heute auf der ganzen Welt dafür, dass an der Herrschaft des heilenden Geistes, der an die Stelle des Heiligen Geistes getreten ist, nicht gerüttelt wird. Die Psychologie als Ersatzreligion in areligiösen Zeiten verträgt keinen Widerspruch. Wer Kritik äussert und etwa die Suche nach dem wahren, aber verschütteten Selbst für wenig sinnvoll oder wenig ergiebig hält, wird selbst zu einem Fall für die Couch erklärt. Er verdränge bloss seine eigene Vergangenheit, lassen ihn tief blickende Psychoanalytiker wissen.

Ideologie als vergessener Begriff

Die Deutungshoheit der Psychologie ist heute so verbreitet und selbstverständlich, dass sie gar nicht mehr wahrgenommen wird. Für diesen Zustand trifft der etwas in Vergessenheit geratene Begriff Ideologie zu. Mitunter ist die Repression so subtil, dass sie als angenehm empfunden wird. Die leicht verständlichen und wohltuend einfachen Erklärungsmuster entheben uns der Notwendigkeit, komplexer denken zu müssen.

«Die Errettung der modernen Seele» hinterfragt klug unser Selbstbild und zeigt eines mit Nachdruck: Haben sich die Tabus und Zwänge einmal aufgelöst, kann es durchaus sein, dass die Begriffe, die den Aufbruch ermöglichten, ihre befreiende Kraft verlieren und sich in Hemmnisse der künftigen Entwicklung verwandeln. Just diesen Zusammenhang deutet Eva Illouz an, wenn sie in der Einleitung schreibt: «Statt der strengen Züge des Zensors trägt die moderne Macht die wohlwollenden Züge unseres Psychoanalytikers.» Wer sich emanzipiert, wird auch diszipliniert. Der therapeutische Diskurs prägt fortan die Sprache des Individuums, und dieses verwickelt sich in den Fallstricken der einst emanzipatorischen Begriffe.

Feminisierung der Lebenswelt

Der Begriff «Emanzipation» weist den Weg zu einem weiteren wichtigen Aspekt des Buches: Mit der zunehmenden Dominanz der Psychologie ging nämlich, so Eva Illouz, eine Feminisierung der Lebenswelt einher. Die Betonung der Gefühlsebene, der Verweis auf unbewusste Wünsche und auf Träume, die bedeutungsvoll sein sollen, hat zu einer Verweiblichung des Denkens und Handelns geführt, die sich in allen gesellschaftlichen und politischen Bereichen bemerkbar macht – nicht nur in den Schulen. Die enge Verflechtung dieser beiden Denkströmungen Psychologie und Feminismus schuf eine neue kulturelle Matrix mit dem Effekt, dass die männlich definierte Psyche langsam, aber sicher weiblich umformatiert wurde. Diese Phase dauert nach wie vor an.

Schliesslich: Den Stoff, den Frauen in früheren Jahrhunderten in den Romanen fanden, liefert ihnen nun die Psychologie, dieses Reich, in dem alles möglich ist – selbst der Verrat an sich selbst.

Eva Illouz: Die Errettung der modernen Seele. Suhrkamp, Frankfurt 2009. 412 S., ca. 45 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2009, 06:57 Uhr

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11 Kommentare

michael roloff

02.10.2009, 06:20 Uhr
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Ja, wenn man dann nur in den Kategorien der Psychoanayse denkt und urteilt kann die Psychologie schon ein neues Gefaengnis werden. Freud betonte doch, dass man danach auf jedenfall nur auf gewoehnliche Weise ungluecklich waere. der Revolutionaere Kern der Psychoanalyze hat noch einmal mit Foucault wieder aufgelegt, http://www.roloff.freehosting.net/index.html Antworten


Samuel Dresman

30.09.2009, 18:54 Uhr
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Na klar, verstehen und ordnen der weiblichen Gefühle ist der zwanghafte männliche Versuch nicht "naß" zu werden an den weiblichen Gefühlen bevor er darin ertrinkt. Die Bewältigung der Gefühlswelt mittels Ratio (Verstand) ist eine heroische Aufgabe die nur ein Histrioniker für lösungsmöglich hält. "Wenn das Geld auf dem Konto klingelt, das Selbst vom ES zum ICH sich schlingelt. Antworten


Thomas Leibundgut

30.09.2009, 16:35 Uhr
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Jaja, der Mann ist rational und gefühllos und die Frau emotional. Die guten alten Klischees, an die wir uns genau so gerne halten wie an die Psychologie. Und dann wird die arme arme männliche Psyche auch noch verweiblicht. Und die Schule diskriminiert strukturell die Männer. Und schon morgen geht unsere Welt unter. Böse, böse Frauenö Machos aller Länder vereinigt euch! Antworten


konrad müller

30.09.2009, 15:22 Uhr
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es könnte aber auch sein, dass die zunehmende dominaz der psychologie, die männliche antwort auf die emanzipation der frau ist. also das verstehen und ordnen der weiblichen gefühle. dieses jagen und sammeln und ordnen tönt für mich eher männlich als weiblich. Antworten


Josef Rutz

02.07.2009, 19:50 Uhr
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Wenn es um das Vormundschaftswesen, Behörden und Besuchsrecht geht, würde ich als Vater nie mehr etwas mit einem Psychiater zu tun haben wollen. In diesem Fall muss nämlich zwingend davon ausgegangen werden, dass anstelle der Wahrheit oder einer Problemlösung ein raffiniertes Gefälligkeitsgutachten im Vordergrund steht. Schade, dass auf diese Weise ein einst hochangesehener Berufsstand scheitert! Antworten


Tobias Michael Frey

02.07.2009, 18:27 Uhr
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für gewisse leute in gewissen schwierigen lebenslagen mag es durchaus von nutzen sein, im pychologen einen neutralen gesprächspartner zu finden, dem man das herz ausschütten kann - entspringt nicht die beichte, vom christianisieren mal abgesehen, diesem prinzip? - und der einem einen weg aus der sackgasse weist. in 90% der fälle aber gesundet vor allem die finanzielle lage des therapeuten ... Antworten


Dominic Suter

02.07.2009, 15:19 Uhr
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Viele ertränken ihre Seelenzustände in der Medienflut. Auch die Literatur ist eine Flucht ins Schöne. Psychoanalyse ist einer der wenigen geschützten Orte der Veränderung und Ueberraschung. Natürlich auch gerade für Männer, die Verrat an sich tätigten. Die Männer sind bei vielen Psychoanalytikern ganz gut aufgehoben. Sie können dort eine männliche Identität erarbeiten, die 'verhebbet'. Antworten


monica fehlmann

02.07.2009, 11:11 Uhr
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Die Bücher von Eva Illouz habe ich fast alle gelesen und für viele Fragen Antworten und Erklärungen gefunden. Vorallem «Der Konsum der Romantik» läst aufhorchen und betroffen machen. Antworten


Cornelia Schinzilarz

02.07.2009, 09:50 Uhr
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Bis auf den doch etwas knapp geratenen Schluss - die Feminisierung der Gesellschaft - beschreibt Guido Kalberer die Psychologisierung der Gesellschaft treffend. In jedem Fall macht dieser Artikel auf das Buch von Eva Illouz neugierig. Danke! Antworten


wolfgang Hörtlehner

02.07.2009, 07:58 Uhr
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E,Illouz reißt der Psychoanalyse den Schleier der Wissenschaftlichkeit herunter.Übrig bleibt ein Kneipengequatsche und Boulevardknüller. Die eigentliche treibende Kraft des menschlichen Handelns, das GELTUNGSBEDÜRFNIS , bleibt hingegen im Dunkeln. Antworten


Beat Müller

02.07.2009, 07:41 Uhr
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na ja, der schreibende scheint in der Literatur das gefunden zu haben, wonach er suchte.ich sehe das ziemlich anders. Antworten



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