Kultur

Wenn eine Nobelpreisträgerin einen ganzen Saal in den Bann zieht

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 09.12.2010

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller las in Zürich und sprach über Verrat, Freundschaft – und Oskar Pastior.

Verbindung von physischer Schwäche und innerer Stärke: Herta Müller (Archivbild: Keystone)

Der Saal im Zürcher Kongresshaus: voll und erwartungsvoll. Dann kommt sie auf die Bühne, klein, dünn und schwarz – schwarz die Hose, der Blazer, die Haare, mit der schon zum Kult gewordenen Frisur, die helmartig das bleiche Gesicht umrahmt und neben dem Kinn spitz zuläuft.

Herta Müller ist eine Ikone, vollends nach der überraschenden Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis, für viele eine Symbolfigur dafür, wie jemand sich nicht zerbrechen und nicht verbiegen lässt, auch wenn alle gegen einen sind: die Deutschen im Banater Dorf, die sie als Nestbeschmutzerin beschimpfen; die Staatsmacht, für die sie ein gefährliches Element darstellt; der rumänische Geheimdienst, der sie von ihrem ersten Buch an als Staatsfeindin behandelt und ihre Existenz mit den perfidesten Methoden zersetzt. Selbst die Reiseerlaubnis dient dazu, sie in ihrem dissidentischen Umfeld zu diskreditieren. Denn wer aus- und wieder einreisen darf, muss sich ja wohl mit der Securitate arrangiert haben!

Gefesselt, gebannt, gerührt

Diese Verbindung von physischer Schwäche und innerer Stärke macht einen grossen Teil ihrer Ausstrahlung aus. Das Publikum im Kongresshaus-Saal war gefesselt, gebannt, gerührt. Die Dramatik des Erlebten, die Authentizität des Berichteten, die Nachvollziehbarkeit des emotionalen Wirrwarrs: Das alles führte zu einem starken Eindruck, einem grossen Abend.

«Es ist ein Gezerre von Gefühlen», sagte Herta Müller, von ihrem Gesprächspartner, dem Landsmann und Autor Ernest Wichner, zwischen drei Lesungsblöcken behutsam durch ihre Biografie geführt, zum Komplex Oskar Pastior. Mit ihm hat sie das Buch «Atemschaukel» begonnen und nach seinem Tod 2006 allein fertig geschrieben. Mit ihm war sie befreundet, so gut befreundet, dass sie diesen Menschen jetzt nicht «wegwerfen» will, auch nachdem bekannt geworden war, dass er in den Sechzigerjahren für die Securitate Spitzeldienste verrichtet hatte.

Herta Müller spricht nicht zum ersten Mal öffentlich darüber, auch Ernest Wichner nicht, der Pastiors Geheimdienstakte in Bukarest gelesen und ausgewertet hat. Und doch wirkt es in Zürich so, als sei die Wunde ganz frisch, als müsse immer wieder neu begriffen und verkraftet werden, dass es da neben diesem Menschen, den sie für den «skrupulösesten und anständigsten» gehalten hatte, noch einen anderen gab.

Was bleibt, ist Mitleid

Leichter fällt es Herta Müller, die öffentliche Ausschlachtung des Falles zu attackieren. Etwa den rumäniendeutschen Autor Dieter Schlesak, der das wenige Bekannte mit bösen Unterstellungen anreichere – Pastior sei mitschuldig am Selbstmord eines Dichters gewesen. «Es ist auch eine Neiddebatte», sagt sie bitter. Sie und Wichner halten alles, was bisher ans Licht gekommen ist, nämlich genau drei Spitzelberichte, für «immer noch nicht so schlimm» – vor allem angesichts des Angstterrors, der auf Pastior nach der Lagerzeit gelastet haben müsse. Was für sie bleibt, ist Mitleid. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2010, 11:47 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare