Wie es zum Heidegger-Zitat im «Literaturclub» kam

Stefan Zweifel überwarf sich mit Elke Heidenreich und der «Literaturclub»-Redaktion wegen eines falschen Heidegger-Zitats. Nun nimmt die Kritikerin Stellung.

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Im «Literaturclub» im April 2014 kamen wir beim letzten Punkt zum Thema Heidegger, es ging um den neu erschienenen Band 96 der Gesamtausgabe (die sogenannten Schwarzen Hefte 1939–1941). Stefan Zweifel gab eine sehr lange Einführung dazu und schloss damit, dass die nun entdeckten antisemitischen Äusserungen Heideggers für ihn «absolut verstörend» seien, zumal dieses antisemitische Denken offenbar in die Tiefe und die Basis des heideggerschen Denkens reichte.

Ich meldete mich als Erste zu Wort, erinnerte daran, dass Heidegger seit 1932 glühender Sympathisant der Nazis war, seit 1933 NSDAP-Mitglied, und dass ich der Meinung wäre, man müsse die Philosophie eines Mannes, der antisemitische Äusserungen dieser Art mache, im Nachhinein doch auch infrage stellen. Und nun will ich das umstrittene Zitat genau erklären, obwohl: «Wer sich selbst auslegt, steigt unter sein Niveau herab.» (Martin Heidegger, Überlegungen XIV, S. 218.)

Dann sagte ich: «Einen Satz wie ‹Die verborgene Deutschheit› (das wörtliche Zitat las ich vorsichtshalber ab, Band 96, S. 29) ‹müsse man entbergen›» (dieses Wort stammt aus einem Artikel in der SZ vom 25. März 2014 von Thomas Meyer zu Heidegger, enthalten im Dossier, das uns die Redaktion für die Sendung zur Verfügung stellte; ich fand das Wort «entbergen» so originell, dass ich es hier verwendete) – dann sah ich hoch und sagte, ohne weiter zu zitieren, mit meinen Worten, was ich als Fazit aus Heideggers Worten herausgelesen hatte, nämlich: «Und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland – ?»

«Unnötig heftig»

Der Satz war am Ende offen gelassen, es war deutlich mündliche Rede, es war deutlich nicht mehr Zitat. Ich wollte weiter fragen, ob wir die Beurteilung Heideggers nicht eher den Philosophen oder Historikern überlassen müssten als dem «Literaturclub» (was Rüdiger Safranski später einleuchtend widerlegte), und Zweifel sagte neben mir: «Also dieser Satz steht aber nicht in dem Band, über den wir jetzt reden.» Ich sagte: «Doch.» Das wiederholte sich noch zweimal, bis ich mein Buch zugegeben ungeduldig und unnötig heftig auf den Tisch warf – das hätte ich mir als Geste sparen können, aber ich wollte endlich meinen Gedanken zu Ende bringen, und Safranski konnte dann auch, s. o., darauf antworten.

Das Buch ist durchzogen von diffamierenden Äusserungen, Juden betreffend. So spricht Heidegger von der «zeitweiligen Machtsteigerung des Weltjudentums» und seiner «leeren Rationalität und Rechenfähigkeit» (S. 46), er denkt über Rasse nach und schreibt: «Die Juden ‹leben› bei ihrer betont rechnerischen Begabung am längsten schon nach dem Rasseprinzip, weshalb sie sich auch am heftigsten gegen die uneingeschränkte Anwendung zur Wehr setzen.» (S. 56.)

Er diffamiert das «internationale Judentum» (S. 133) und räsoniert über die «Neuordnung der Erde» durch den Zweiten Weltkrieg und denkt, «das Menschentum (. . .) und das bisherige Wesen wird in das Vollendete verfestigt» (S. 193). «Das deutsche Blut verströmt umsonst» (S. 226), sollte dem nicht so sein. «Jeder deutsche Mann ist umsonst gefallen, wenn wir nicht stündlich dafür wirken, dass über die jetzt ganz losgelassene und endgültige Selbstverwüstung des gesamten neuzeitlichen Menschentums hinaus ein Anfang des deutschen Wesens gerettet wird» (S. 256). «Das Weltjudentum (. . .) ist überall unfassbar» (S. 262), und die «verborgene Deutschheit» klingt noch einmal an in «Wieder ist – und wie oft noch wird – das deutsche Wesen weit zurückgeworfen in eine unheimliche Verborgenheit» (S. 48).

«Unnötige Eskalation»

Das bedeutet, und so habe ich es auch aus dem Dossier heraus gelesen (und so deutet es der Herausgeber der Schwarzen Hefte, Peter Trawny, in seinem Nachwort an): Die Mittel der Nationalsozialisten, dieses Ziel vom deutschen Wesen zu erreichen, nimmt Heidegger sehr wohl zur Kenntnis, auch wenn er kein Wort über den Holocaust selbst verliert.

In diesem Zusammenhang stand meine Aussage. Es ist also nicht richtig, mir zu unterstellen, ich hätte das Zitat erfunden oder das Buch nicht richtig gelesen. Es ist meine Pflicht, jedes für die Sendung vorgeschlagene Buch gründlich zu lesen und mir dazu meine Gedanken und meine Notizen zu machen. Die Notizen waren «Die verborgene Deutschheit» und «entbergen», der Rest waren meine zusammenfassenden Gedanken.

Ich möchte abschliessend meiner Verwunderung Ausdruck geben, dass auf diesen Teil der Diskussion über Heidegger plötzlich Stefan Zweifels Furor gerichtet ist. Nach der Sendung ging es durchaus gelassen zu, auch die Maisendung vier Wochen danach verlief in sehr harmonischer Form.

Erst als die Redaktion Zweifel wegen seiner Moderationen kritisierte und ihm anbot, besser wieder als Kritiker im Team mitzumachen (was wir alle sehr begrüsst hätten), eskalierte diese eigentlich ganz normale Auseinandersetzung innerhalb einer Diskussion zu diesen von der Presse eilig und unreflektiert aufgegriffenen Anwürfen. Ich bedaure diese unnötige Eskalation sehr und weise jeden Vorwurf unsauberer Arbeit mit gutem Gewissen von mir. Es ging nie um dieses Zitat, es ging um Zweifels Entlassung. Man sollte das nicht vermischen, und die Redaktion des «Literaturclubs» hat mit diesem Zitat aber auch gar nichts zu tun. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.05.2014, 11:41 Uhr)

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