Wie sich eine Diktatur in eine Demokratie verwandelt
Von Luciano Ferrari. Aktualisiert am 07.03.2011 12 Kommentare
Javier Cercas
Anatomie eines Augenblicks:
Die Nacht, in der Spaniens Demokratie gerettet wurde.
Fischer 2011, 569 S., ca 39,90 Fr.
Javier Cercas tritt am 7.3. um 20 Uhr, im Literaturhaus Zürich auf.
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Wie schafft ein Land den Übergang von der Diktatur zur Demokratie? Was löst ein solch tief greifender Prozess in der Gesellschaft aus, welche Beharrungskräfte wirken ihm entgegen, und ab welchem Moment ist der Wandel unumkehrbar? Diese Fragen sind angesichts der demokratischen Revolutionen in Tunesien, Ägypten und anderen Ländern der arabischen Welt brandaktuell. Der spanische Autor Javier Cercas beantwortet sie am Beispiel Spaniens, das nach einem blutigen Bürgerkrieg 1939 unter die Militärdiktatur des Generalissmo Franco geriet und erst nach dessen Tod am 20. November 1975 daraus heraus- fand. Allerdings erst nach einem gefährlichen Rückfall: Am 23. Februar 1981, fünf Jahre nach Francos Tod, setzte das Militär zu einem Putsch an. Und scheiterte – aber nur knapp.
Einschusslöcher im Plenarsaal
Auf über 500 Seiten leuchtet Cercas in seiner «Anatomie eines Augenblicks» die Hintergründe dieses einen, zentralen Tages in der Geschichte Spaniens aus. Dabei sind die Ereignisse dieser «siebzehneinhalb verwirrendsten und entscheidendsten Stunden der letzten fünfzig Jahre der Geschichte Spaniens» vordergründig schnell erzählt: Um 18.23 Uhr stürmte Oberstleutnant Antonio Tejero mit einer Handvoll Guardia-Civil-Beamten das spanische Parlament und setzt die Abgeordneten fest.
Es fielen zuerst einzelne Schüsse, Tejero befahl den Parlamentariern: «Auf den Boden! Auf den Boden!», dann kam es zu einer eigentlichen Schiesserei, Maschinenpistolenfeuer war zu vernehmen. Die Parlamentarier sollten eingeschüchtert werden, den Ernst der Lage begreifen, es wurde aber niemand verletzt. Noch heute zeigen die spanischen Politiker ihren ausländischen Besuchern stolz die Einschusslöcher in der Decke des Plenarsaals.
Der König war beim Squash
Der Putsch wurde live am Radio übertragen, die Fernsehaufzeichnung jedoch zuerst noch zurückbehalten und erst am Tag danach ausgestrahlt. Doch die Ereignisse im Parlament waren nur das spektakulärste Element des Militärputschs. Gleichzeitig mit der Aktion von Oberstleutnant Tejero rückte in Valencia General Milans del Bosch mit seinen Panzern aus und verhängte über die südostspanische Region den Ausnahmezustand, während die Panzer der Division Brunete Madrid besetzen sollten.
Der eigentliche Anführer des Putsches, General Alfonso Armada, machte sich derweil zum Zarzuela-Palast des Königs auf. Dieser spielte gerade eine Partie Squash mit einem Freund. Armada war überzeugt, den König von der Notwendigkeit überzeugen zu können, das demokratische Experiment vorerst einmal auszusetzen. Der König sollte den Putsch legitimieren und eine Einheitsregierung unter dem Militärgeneral Armada einsetzen. Die Franquisten hätten die Macht im Staat zurückerobert.
Die Unsicherheit des Ausgangs
Doch der König spielte nicht mit. Er empfing Armada nicht, obwohl dieser mehrere Versuche unternahm, zu ihm vorzudringen. Wie bekannt, liess König Juan-Carlos I vielmehr eine Fernsehansprache aufnehmen, in der er sich hinter die Demokratie und die junge spanische Verfassung stellte. Der Putsch war gescheitert, auch wenn es nach der Ausstrahlung der Rede des Königs um 1.20 Uhr am Morgen des 24. Februar noch sehr viele Stunden dauern sollte, bis die Abgeordneten im Parlament freikamen, Tejero sich ergab und die noch viel gefährlichere Variante eines Militärputsches ohne den Segen des Königs – und damit womöglich der Beginn eines neuen Bürgerkriegs zwischen königstreuen und franquistischen Armeeteilen – definitiv gebannt war.
Genau um diese Unsicherheit des Ausgangs, um die permanente Offenheit des historischen Prozesses geht es Cercas. In jedem Moment, bei jeder historischen Weggabelung zeigt er auf, dass die Ereignisse sich auch in eine ganz andere Richtung hätten entwickeln können. Cercas seziert die Motive der einzelnen Akteure, ihre Ängste, ihre Ressentiments, ihre Freundschafts-, Vertrauens- oder eben auch Konkurrenzbeziehungen bis ins kleinste Detail, sodass am Ende zwar immer noch plausibel und zwingend die Geschichte so enden musste, wie sie endete.
Gleichzeitig aber hinterlässt die Darstellung beim Leser die Gewissheit, dass es eben auch ganz anders hätte kommen können, dass nur ganz geringe Korrekturen im Ablauf der Ereignisse oder im Verhalten und in den Reaktionen der Akteure das Ende der spanischen Demokratie hätten bedeuten können. Das Buch kokettiert deshalb in fast jedem Kapitel mit Fiktion und Wirklichkeit. Schon ganz am Anfang erklärt Cercas, er habe ursprünglich eigentlich einen Roman schreiben wollen, habe dann aber feststellen müssen, dass «sich die Wirklichkeit des 23. Februar als dermassen umfassend erwies, dass sie vorerst nicht in den Griff zu bekommen war und somit jeder Versuch, sie mir mittels eines Romans zu unterwerfen, aussichtslos schien».
Ein Faschist wird Demokrat
Zentrale Figur des 23. Februar 1981 war der damals noch amtierende Ministerpräsident Adolfo Suárez, er gilt als «Königskind des Franquismus», denn er war vom König (den wiederum Franco als seinen eigentlichen Erben eingesetzt hatte) 1976 als Generalsekretär der franquistischen Bewegung an die Spitze der Regierung berufen worden. Dabei galt Suárez selbst in seinen Kreisen zwar als ehrgeizige, aber kaum ernst zu nehmende Figur. Cercas beschreibt, wie die franquistische Elite auf ihn herabsah: Für sie war er «ein kleiner, vom Ehrgeiz zerfressener Falangistenführer aus der Provinz, ein ahnungsloser Naseweis, ein Karrierist wie aus dem Lehrbuch, der es durch hartnäckige Schleimerei im fauligen Sumpf des Franquismus nach oben gebracht hatte und seine Karriere anschliessend fortsetzen konnte, weil der König ihn dafür benutzte, mit Taschenspielertricks und marktschreierischem Dauergeschwätz das Gebäude der franquistischen Einheitspartei abzutragen».
Die Auseinandersetzung mit der komplexen Persönlichkeit von Suárez bildet den eigentlichen und faszinierenden Kern der Analyse von Cercas. Suárez verwandelte sich vom Faschisten zum Demokraten und schliesslich zu einem Mitte-links-Politiker, zu einem «Aristokraten der Linken», wie Cercas schreibt, der sogar bei der Amtseinsetzung des ersten sozialistischen Ministerpräsidenten 1982 für Felipe Gonzáles stimmte, was den definitiven Sieg der Demokratie und die Niederlage der Franquisten besiegelte.
Wirtschaftskrise und Terror
Der Putsch von 1981 galt ihm, Suárez, der zwar zweimal in demokratischen Wahlen als Ministerpräsident legitimiert worden war, spätestens 1980 aber in einer tiefen Krise steckte. Bereits 25 Tage vor dem Putsch, am 29. Januar 1981, hatte er deshalb im Fernsehen seinen Rücktritt bekannt gegeben. In der Parlamentssitzung vom 23. Februar sollte denn auch sein Nachfolger, Leopoldo Calvo Sotelo, vereidigt werden.
Und dennoch putschte das Militär gegen Suárez, der es sich bei der Verwandlung Spaniens in eine vollgültige Demokratie inzwischen mit allen verscherzt hatte. Mit der Kirche wegen des liberalen Scheidungsgesetzes, mit dem Heer, weil er die verhassten und im Bürgerkrieg blutig besiegten Kommunisten als Partei zugelassen hatte. Mit dem König, weil ihm die Situation im Land immer mehr zu entgleiten schien und er sich den Wünschen des Monarchen längst nicht mehr willfährig beugte.
Widerspruch des Putschs
Dazu kam, dass das Land nach dem zweiten Erdölpreisschock unter einer schweren Wirtschaftskrise litt und die baskische Terrororganisation ETA mit Morden an Guardia-Civil-Beamten und Entführungen von Politikern und Wirtschaftsführern für zusätzliche Unruhe sorgte. Schliesslich drohte das Land durch ein schlecht konzipiertes Autonomiegesetz für die Regionen und den damit verbundenen Dezentralisierungsprozess zu zerfallen.
Der Militärputsch vom 23. Februar 1981 lag deshalb förmlich in der Luft. Die Klärung, die er brachte, zeigt schon fast beispielhaft die innere Widersprüchlichkeit und Kontingenz der historischen Entwicklung. Denn es war ausgerechnet der von Militärdiktator Franco eingesetzte König, der die Demokratie rettete, dabei allerdings gleichzeitig die Monarchie zur «mächtigsten Institution des Landes» machte. Cercas: «Der Putsch sorge dafür, dass die Krone auf einmal tatsächlich ringsum abgesichert und die Monarchie auf einmal zu hundert Prozent legitimiert war und sich in die solideste, beliebteste und gegen jede Kritik gefeite und im Grunde mächtigste Institution des Landes wandelte.»
Lange ist's gar nicht her
Für die Auseinandersetzung mit den aktuellen Ereignissen in Ägypten oder Tunesien hält die «Anatomie eines Augenblicks» zwei wichtige Einsichten bereit. Zum einen hilft sie verstehen, welch gewaltige historische, kulturelle und politische Kräfte in einem so grundlegenden Wandel in der Gesellschaft gegen- und miteinander wirken. Zum anderen ruft das Buch in Erinnerung, dass auch in Europa die Zeit der Diktaturen nicht sehr weit zurückliegt. Griechenland und Portugal befreiten sich erst 1974 aus ihren Militärdiktaturen, und der spanische Militärputsch hat sich erst vor zehn Tagen zum dreissigsten Mal gejährt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.03.2011, 07:43 Uhr
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