«Wir müssen uns neu überlegen, was uns wirklich glücklich macht»
Von Alain Zucker. Aktualisiert am 05.02.2010 8 Kommentare
Jeremy Rifkin: Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein. Campus, München 2010. 468 S., ca. 45 Fr.
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Der Glaube an den Fortschritt
Jeremy Rifkin versteht es, die passende These zum Zeitgeist zu finden. Der Präsident der Foundation on Economic Trends und Berater vieler, vornehmlich europäischer Regierungen hat siebzehn Bücher geschrieben – das neuste über die «empathische Zivilisation», die er am Horizont wahrnimmt. Sich auf neuere neurowissenschaftliche Erkenntnisse stützend, entwickelt der Amerikaner eine Art Universaltheorie über die Entwicklung der Menschheit, die alles, was man über die menschliche Natur zu wissen glaubt, über den Haufen wirft. Rifkins Welt fusst auf
dem Prinzip Hoffnung.
Herr Rifkin, wir haben eine der schlimmsten Rezessionen hinter uns, wir machen keine Fortschritte beim Klimawandel. Wieso stimmt Sie die Zukunft optimistisch?
Ich bin nicht optimistisch, sondern hoffnungsvoll. Das ist ein grosser Unterschied. Wir sind vielleicht an einem der schwierigsten Momente unserer Geschichte: zum einen, weil die Wirtschaft eine Art Kernschmelze erlebte, zum andern, weil die Politiker trotz des immer bedrohlicheren Klimawandels in Kopenhagen nicht fähig waren, sich zusammenzuraufen. Doch es könnte ein Wendepunkt sein. Erstmals sehe ich Umrisse eines globalen Bewusstseins.
Sie sehen Licht, weil es dunkel ist?
Die Politiker und Wirtschaftsführer haben sich bisher auf Ideen des 18. Jahrhunderts verlassen, um die Fragen des 21. Jahrhunderts zu lösen. Dabei sind es diese alten Ideen, die uns dahin gebracht haben, wo wir sind. Genauer, die Aufklärung und ihr Bild des Menschen als autonomes Individuum, das auf dem Markt nur sein Eigeninteresse verfolgt, rational und objektiv im Verhalten. Diese Grundidee ist falsch.
Und was ist dann richtig?
Unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung haben Neurowissenschaftler und Biologen nachgewiesen, dass der Mensch genetisch gesehen nicht kühl, kalkulierend und eigennützig ist, er kommt jedenfalls nicht so auf die Welt. Wenn Babys eine Prägung haben, dann ist es das Bedürfnis nach Gegenseitigkeit, Intimität, Liebe und Gesellschaft. Man spricht von den sogenannten Empathie-Neuronen.
Klingt schön, aber was hat das mit einem globalen Bewusstsein für den Planeten zu tun?
Die neuen Kommunikationsmittel ermöglichen es uns, als eine ausgedehnte Familie zu denken. Als das Erdbeben Haiti erreichte, erfuhren alle auf dem Globus dank Twitter und Youtube, was sich in den Trümmern abspielte. Und es folgte eine massive, empathische Reaktion weltweit.
Schauen Sie sich um: Die meisten Menschen versuchen in erster Linie, das Beste für sich und ihre Familie herauszuholen.
Sie irren sich! Historiker zum Beispiel haben die Tendenz, vor allem die Katastrophen, die Brüche nachzuzeichnen, die schwierigen Momente: Kriege, Holocaust, Genozide. So bekommen wir ein verzerrtes Geschichtsbild. Es gibt auch die Geschichte des menschlichen Bewusstseins, der Ausweitung von Empathie auf immer breitere Gemeinschaften. Das ist ein besserer Massstab, um die menschliche Entwicklung über die Zeit zu beurteilen.
Empathie als Massstab für Fortschritt? Das ist Geschichtsklitterung.
Wieso? Wir sehen die Welt heute doch völlig anders als die Leute im Mittelalter. Und wer die Geschichte studiert, stellt fest, dass sich das menschliche Bewusstsein immer dann grundsätzlich verändert, wenn Energierevolutionen mit Kommunikationsrevolutionen einhergehen. Die Jäger-und-Sammler-Gesellschaft funktionierte über orale Kommunikation und war geprägt von einer mythologischen Weltsicht. Als wir zur Agrarwirtschaft übergingen, hatten wir die Keilschrift, und die Weltsicht wurde theologisch, die Grundlage der grossen Religionen. Im 19. Jahrhundert traf die Revolution des Massendrucks mit der Dampf- und Kohletechnologie zusammen. Das ideologische Zeitalter brach an. Und so weiter.
Und wurden wir nicht jedes Mal individualistischer?
Nein, die neuen Kommunikationsinstrumente dehnten den Kreis jener aus, mit denen die Menschen mitfühlten. In einer Jäger-und-Sammler-Gesellschaft blieb die Kommunikation auf Rededistanz beschränkt. Bindungen gingen nicht über Blutsbande hinaus. Später dehnten sich die Bande auf gleiche Religionen, gleiche Nationalitäten aus. Ich frage also: Stehen wir dank der neuen Revolution an der Schwelle einer globalen Gesellschaft, die ihre emotionale Bindung auf alle Menschen ausdehnt?
Von welcher Revolution reden Sie?
Wir sind auf der Schwelle einer dritten industriellen Revolution. Die IT-Revolution der letzten Dekade, mit dem PC und dem Internet, verschmilzt mit einer neuen Energierevolution, die den Masseneinsatz erneuerbarer Energien ermöglicht: wie Sonne, Wind, Biotreibstoffe, Wasserstoff.
Nochmals: Mitgefühl ist gratis. Die Frage ist, ob man auch entsprechend handelt.
Empathie ist ein sehr komplexer emotionaler Zustand. Wichtig ist, dass man sich solidarisch zeigt. Viel hängt davon ab, wie wir unsere Kinder erziehen. Ein Beispiel: Ihr Kind klaut dem anderen das Spielzeug und bringt es zum Weinen. Was sagen Sie?
Ich sage meinem Kind: «Gib bitte das Spielzeug zurück!»
Wahrscheinlich sagen Sie ihm auch: Wie würdest du dich fühlen, wenn der andere dir das Spielzeug weggenommen hätte? So bringt man ihm ein Schuldbewusstsein bei. Früher hätte man die Kinder geschlagen und gesagt: «Böse!» Eine solche Schämkultur macht die Kinder aggressiv, nicht empathisch.
Empathie ist Luxus. Wer selbst hungert, kann sich kein Mitgefühl für den anderen leisten.
Völlig richtig, diese Menschen können sich nicht um den Klimawandel kümmern. Das müssen wir tun, die den Planeten mit unserem C02-Ausstoss zerstören. Wir müssen uns auch neu überlegen, was uns wirklich glücklich macht. Mehr Konsum, mehr Häuser, mehr Geld? Die neue Glücksforschung sagt: Es reicht, wenn man mit grundlegenden Bedürfnissen gut bedient ist.
Was gibt Ihnen die Sicherheit, Recht zu haben?
Ich werde jetzt 65. Wenn alte Leute auf ihr Leben zurückblicken, wenn das Rattenrennen vorbei ist, geht es ihnen selten darum, wann sie ein neues Haus gekauft oder einen neuen Deal im Büro eingefädelt haben. In ihrer Erinnerung eingebrannt haben sich jene Momente, als sie sich anderen Menschen eng verbunden fühlten, als sie anderen nahe kamen. Spätestens auf dem Totenbett merkt man, dass dies die wichtigsten Momente im Leben sind, auch weil sie grösser sind als wir selber.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.02.2010, 04:00 Uhr
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8 Kommentare
Da wird wieder ein Akademiker herbeizitiert um uns in globalisiertem Vokabular zu bestättigen wie menschlich wir sind. Empathisch waren wir immer! Nur leider hats der Neoliberalismus geschafft, das insitutionell und medial ziemlich gut zu verdrehen. Widerstand findet im Internet (Alternet, etc.), als auch auf den Strassen (attac, etc) statt, ist aber nicht so mediengerecht wie ein Altsoziologe. Antworten
Was für ein wunderbarer Kontrast eines Menschen, der positiv denkt - im Gegensatz zum gestrigen Tagi-Bericht "Der Wahn des positiven Denkens", in dem die Autorin meint, das negativ-kritische Ich müsse gepflegt werden. Nein, im Gegenteil, negativ-kritische-Denkende verdrängen, dass wir die neg. Seite hoch entwickelt haben (u.nie verlieren), unser Wachstum jedoch in positiven Sichtweisen liegt Antworten






ralph kocher
Kurz mal hustet der Ölpreis und schon sind wir in einer Jahrhundertkrise... Antworten