«Wir träumen einen brutalen Traum»

Die Literaturwissenschaftlerin Carolyne Larrington hat untersucht, wie viel echtes Mittelalter in der Erfolgsserie «Game of Thrones» steckt. Die viele Gewalt sei angemessen, sagt sie.

«Fantasy bietet eine Möglichkeit, über grosse Fragen der Gegenwart nachzudenken»: Carolyne Larrington, Oxford-Professorin, am deutschen Seminar der Uni Zürich. Fotos: Urs Jaudas

«Fantasy bietet eine Möglichkeit, über grosse Fragen der Gegenwart nachzudenken»: Carolyne Larrington, Oxford-Professorin, am deutschen Seminar der Uni Zürich. Fotos: Urs Jaudas

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Wie haben Sie «Game of Thrones» entdeckt?
Im Flugzeug nach New York, 2012. Meine Mitreisenden waren eingeschlafen, ich suchte nach Unterhaltung. Ich hatte gehört, dass die Serie in Island gedreht worden war, das interessierte mich schon mal. Nach der ersten Folge war mir klar: Ich bin dabei! Der Norden, das Eis, die Wölfe, der Krieg – wunderbar. Zurück daheim habe ich mir die ganze erste Staffel auf DVD angeschaut, dann alle Bücher gelesen – ich nenne es den verlorenen Sommer des Jahres 2012. Ab der dritten Staffel habe ich die Serie dann live verfolgt, oft irgendwo auf der Welt, auf einem iPad, in schlechtem Licht. Ich bin ein Fan.

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Dabei sehen die meisten Mittelalter-Fachleute solche Fantasy-Filme eher kritisch, oder?
Das stimmt immer weniger. In den 30 Jahren seit meiner Studentenzeit hat sich ein Forschungszweig etabliert, den man Medievalismus nennt. Darin geht es um Schwärmereien vom Mittelalter in der Moderne und Gegenwart. Als ich selber in Oxford studierte, sagten die Leute über J.R.R. Tolkien: Oh, er war sehr klug, ein Gelehrter, zu schade, dass er seine Zeit mit Hobbits verschwendet und nicht mehr ernsthafte Texte zu alt- und mittelenglischer Literatur verfasst hat. Heute sieht man das ganz anders, versteht «The Lord of the Rings» als eine ausserordentliche Leistung. Tolkiens Nachlass ist in Oxford, viele Forscher befassen sich damit.

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Weshalb spielen Fantasy-Geschichten so oft in mittelalterlich aussehenden Welten?
Unsere moderne Welt gründet im Mittelalter. Institutionen wie die Universitäten oder viele Formen des Rechts, heutige Ansichten über Klasse und Hierarchie, ja selbst unser Verständnis der romantischen Liebe haben ihre Wurzeln im Mittelalter. Zeigt man diese Dinge in ihrer mittelalterlichen Form, so sind sind sie uns genügend fremd, um uns zu fesseln – und trotzdem vertraut. Viele der in «Game of Thrones» verhandelten Fragen zum Kampf um Macht, der Rolle der Frau, zur Weitergabe von Wissen sind heutige Fragen. Sie aber in mittelalterlich formuliert zu sehen, lässt das Publikum frischer darüber nachdenken.

Das Mittelalter als Kulisse der Gegenwart?
George R.R. Martin, der Autor der Buchvorlagen, weiss sicher viel über das Mittelalter. In meinem Buch «Winter is coming» zeige ich die historischen Bezüge der Romane und der TV-Show auf. Dennoch: Der Autor wie das Publikum blicken stets aus der Gegenwart ins Mittelalter.

Jede neue Leserschaft verändert die Geschichte wieder.

Kann jeder ins Fantasy-Mittelalter hineinlesen, was er will?
Ja. In «Game of Thrones» spielt etwa die Mauer eine wichtige Rolle. US-Fernsehzuschauer erkennen in ihr heute natürlich Donald Trumps Mauer gegen Mexiko, die Europäer vielleicht eher die Mauern um Europa, die Flüchtlinge abhalten sollen. Aber als Martin sich die Sache in den frühen 90er-Jahren ausdachte, nach eigenen Worten inspiriert vom Hadrianswall in Nordengland, da dachten die Leser an die Berliner Mauer, die erst gerade eingerissen worden war. Die Referenzbedeutung der Mauer wandelt sich. So ist das auch beim Klimawandel: In «Game of Thrones» heisst es, der Winter kommt. Es geht nicht um Erderwärmung, eher um eine neue Eiszeit. Für manche ist das eine schlaue Umkehr unserer heutigen Probleme. Doch man muss sich erinnern, dass wir in den 80ern Angst hatten vor dem nuklearen Winter. Das hat auch Martin geprägt. Jede neue Leserschaft verändert die Geschichte wieder.

Umberto Eco sagte, es gebe verschiedene Arten, vom Mittelalter zu träumen. Welchen Traum träumen wir gerade?
Einen ziemlich brutalen Traum. Es geht nicht mehr wie im 19. Jahrhunderts um Romantik, den Gentleman als neuen Ritter. Sondern primär um körperliche und sexuelle Gewalt, um Grausamkeit. Der Wert des Lebens ist gering, niemand hat Mitleid mit dem verhungernden Bauern. Das Mittelalter wird zudem beschworen als eine Zeit der extremen Gefühle, des religiösen Exzesses. Die Menschen benehmen sich unkontrolliert, ungebremst – es ist die Idee eines Mittelalters, wie sie vielleicht der Soziologe Norbert Elias hatte: Der mittelalterliche Mensch als Kind, das erst mit der Aufklärung Reife gewinnt. In der Wissenschaft ist diese Ansicht heute überholt, aber die Vorstellung eines bunten, lärmigen und grausamen Mittelalters hält an.

«Game of Thrones» ist eine Geschichte über Machtpolitik.

Ist das eine Neuauflage des finsteren Mittelalters?
Vielleicht. «Game of Thrones» ist eine Geschichte über Machtpolitik. Sie kümmert sich nicht gross um Poesie, Schönheit, Literatur – der Handwerker stellt keine schönen farbigen Glasfenster her, sondern Schwerter. Es ist ein harscher Blick aufs Mittelalter. Nicht unrealistisch, aber ja, finster.

In früherer Zeit gab es fröhlichere Mittelalterfilme. Gibt es diesen leichteren Blick noch?
Kaum. Denken Sie an den Film «Pulp Fiction» von 1994. Da sagt der Gangster Marsellus Wallace an einer Stelle: «I'm gonna get medieval on your ass» (etwa: Deinen Arsch knöpf' ich mir mittelalterlich vor). Und das bedeutet: Ich werde dich foltern. Daran können sie gut ablesen, wie die populäre Vorstellung des Mittelalters heute funktioniert.

«Für das Bezahlfernsehen kann man fast tun, was man will.»

Aber ist diese Vorstellung auch richtig?
Mediävisten wehren sich immer wieder dagegen. Sie verweisen auf all die Errungenschaften des Mittelalters: im Denken, Schreiben oder Bauen. Da war viel Raffinesse, ersichtlich etwa aus den Details der erhaltenen Kathedralen. All das bekommt man nicht zu sehen in «Game of Thrones». Die mittelalterliche Periode wird verzerrt repräsentiert, wenn sie nur als gewalttätig und brutal dargestellt wird.

Weshalb wird die Gewalt so sehr betont?
Man könnte zynisch sein und sagen: Das ist der HBO-Effekt. In den USA kann man weder Sex noch gewisse Gewalt im Mainstream-Fernsehen zeigen. Wenn man aber einen Film für das Bezahlfernsehen dreht, kann man mehr oder weniger tun, was man will. Ja, man soll das Publikum dazu bringen, etwas sehen zu wollen und dafür Geld auszugeben.

Ermutigt das immer extremere Geschichten?
Ja. Die Gewalt in «Game of Thrones» ist bereits in den Büchern, das stimmt. Aber es ist etwas anderes, wenn sie auf den Bildschirm kommt. Man muss allerdings auch sagen: Weil die Macher der Show in stetem Kontakt mit den Fans stehen, haben sie die Beschwerden über zu viel sexuelle Gewalt in letzter Zeit gehört und solche Szenen zurückgefahren. Auch das gehört zum Phänomen «Game of Thrones»: Es gibt die Bücher, die TV-Show und dazu eine riesige, weltweite Fangemeinschaft, die sich austauscht und ihrerseits die Show beeinflusst, weil die Macher auf sie hören. Die Bedeutung der Fans wird zunehmen, nun da die Autoren nicht mehr an die Buchvorlagen gebunden sind, freier werden.

«Die Bedeutung der Fans wird weiter zunehmen.»

In den USA wird die Beiläufigkeit kritisiert, mit der «Game of Thrones» Vergewaltigungen zeigt. Das präge das echte Leben, heisst es.
Im Mittelalter war die Gefahr sexueller Gewalt sehr gross, vor allem für Angehörige der tieferen sozialen Klassen. Wenn Armeen vorbeizogen, vergewaltigten sie die Frauen, das tun sie bis heute. Das sollten wir weder beschönigen noch verstecken.

Aber wohl auch nicht gierig konsumieren?
Die Vergewaltigungen werden aber doch nie glorifiziert! Sie lösen Horror aus, auch die resultierenden Traumata werden gezeigt. Die Macher der Serie können es dem Publikum wohl in keinem Fall recht machen. Entweder, sie zeigen die Gewalt nicht und verschweigen damit Teile der Buchvorlage. Oder sie zeigen sie und erschrecken so das Publikum, weil eine Vergewaltigung im Film etwas anderes ist als eine im Buch. So oder so, sie können nur verlieren. In der fünften Staffel wird Sansa in ihrer Hochzeitsnacht vergewaltigt. Die Regie war bemüht, den Vorgang nicht zu zeigen, fokussierte auf eine andere Figur, zeigte ihre Reaktion. Prompt wurden die Macher kritisiert, sie würden das Opfer ignorieren. Diese dauernden Beschwerden über die Szenen sexueller Gewalt machen mich etwas ungeduldig. Das war ein Teil der mittelalterlichen Welt, und es wird nicht verharmlost in der Serie.

Sagt eine so hohe Frequenz von Vergewaltigungen in einer Erfolgsserie nicht auch etwas aus über die Gegenwart?
In Amerika gibt es derzeit Sorgen über sexuelle Gewalt auf Universitätsgeländen. Es mag sein, dass sich hier der Umgang mit sexueller Gewalt verändert. Es wird sicher mehr darüber gesprochen als früher. Und eine Show wie «Game of Thrones» mag mitverantwortlich dafür sein, dass eine Debatte heute möglich ist.

Fasziniert uns die Mittelaltergewalt, weil Gewalt aus dem heutigen Leben immer mehr verschwindet, wie der Psychologe Steven Pinker glaubt?
Sicher: Wenn wir damit rechnen müssten, dass all die furchtbaren Gewalttaten aus der Fernsehserie uns selber am nächsten Tag widerfahren könnten, dann würden wir das weniger unterhaltend finden. Das hat etwas. Zugleich aber ist die Gewalt von «Game of Thrones» eine grundsätzlich-menschliche. Sie ist nicht verschwunden, sondern lebt fort, vor allem in Zeiten des Krieges. Wir wissen das. Der Horror geschieht in echt, auch heute noch.

Flirten wir also eher mit unseren Ängsten? Das kann uns alles auch passieren?
Vielleicht passiert es nicht so sehr im Wohnzimmer des kabelfernsehenden Amerikaners, aber die Serie ist auch in Brasilien sehr populär, wo man der alltäglichen, beiläufigen Gewalt des Mittelalters vielleicht noch etwas näher kommt. «Game of Thrones» ist kein weisses, anglophones Vergnügen, sondern ein globales Ereignis. Mein Buch wird gerade ins Chinesische übersetzt.

«Die Vorwürfe, die Show sei neoimperialistisch, scheinen mir unfair.»

Wird da Europas Mittelalter globalisiert?
Es heisst oft, «Game of Thrones» sei orientalistisch in seiner Darstellung des Ostens, und das stimmt. Das ist auch in den Büchern so: Der Autor lässt verschiedenste Bewohner seiner Welt aus ihren Blickwinkeln erzählen, aber es gibt praktisch keine Ich-Erzähler aus dem Osten, sie werden immer nur von anderen betrachtet. Es wäre interessant zu erfahren, wie sie denken über unsere Helden aus dem Westen. Aber immerhin: der Osten kommt vor und spielt eine wichtige Rolle. Die Vorwürfe, die Show sei neoimperialistisch, scheinen mir etwas unfair.

Sie schreiben, dass die Macher der Serie sowohl mit historischen wie fantastischen Bausteinen arbeiten. Verzerrt ein solcher Mix nicht unser Geschichtsbewusstsein?
Diese Frage würde mich mehr interessieren, wenn ich eine Historikerin wäre. Doch das bin ich nicht. Ich denke: Niemand wird zu diesen Büchern oder Filmen greifen und denken, dass er ein Geschichtswerk in den Händen hält. Es kommen Drachen vor darin. Die Menschen verstehen dieses Genre. Dass es etwas aussagt darüber, wie das Mittelalter gewesen sein könnte, aber dass es keine Wahrheit ist.

Sollte «Game of Thrones» auch in der Schule verwendet werden?
Warum nicht? Früher kamen die Studenten in meine Altenglisch- oder Altisländischklassen, weil sie Tolkien liebten. Heute lieben sie «Game of Thrones». Die Bücher und die Filme können Debatten anregen. Man kann sie als Einstiegsdroge verstehen, die ein neues Publikum für das Mittelalter anfixen. Und wir können sie dann zum harten Stoff führen, der echten Ware: Beowulf und Chaucer.

«Früher kamen die Studenten in meine Altenglischklassen, weil sie Tolkien liebten.»

Sind TV-Serien eskapistisch, eine Flucht?
Für manche sicher. Eine Stunde lang Drachen und Prinzessinen, die ihr Reich zurück haben wollen. Aber Bilder und Ideen aus einer Show wie «Game of Thrones» finden ihren Weg hinaus in die reale Welt. Die Fantasy bietet eine Möglichkeit, über grosse Fragen der Gegenwart nachzudenken und zu sprechen: Über den Machtkampf der britischen Konservativen nach der Brexit-Abstimmung etwa, oder über den Aufstieg Donald Trumps. Und natürlich über die Frage: Wen lassen wir über die Mauer? Und wer muss drüben bleiben, wo er von den White Walkers vernichtet wird? In der Serie dürfen die Menschen kommen.

Das wäre schön, wenn die Menschlichkeit und nicht die Nationalität entscheidend wäre.
Wildlinge dürfen vielleicht hinüber. Aber wollen wir wirklich Riesen auf unserer Seite der Mauer?

Manche sagen, das Mittelalter kommt zurück. Nicht nur die Mauern, auch das Chaos.
Jedes Zeitalter hält sich für das letzte. Wir suchen nach Worten, um uns zu erklären. Aber wie der erwähnte Steven Pinker schreibt: Eine Mehrheit der Menschen hatte es noch nie so gut wie heute.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2017, 23:14 Uhr

Die Wissenschaftlerin als Fan

Die Britin Carolyne Larrington ist Professorin für europäische Literatur des Mittelalters in Oxford. Ihr Buch «Winter is Coming» prüft die historischen Bezüge der Serie Game of Thrones. Dieser Tage sprach Larrington auf Einladung der Universitäten Zürich und Basel in der Schweiz. (TA)

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