«Wo früher das Kreuz hing, hängt heute das Rauchverbot»

Der Krebs hat Autor Thomas Hürlimann für den Glauben neu sensibilisiert. Die Verweltlichung der Gesellschaft bereitet ihm Sorge.

Thomas Hürlimann sagt, auf der Intensivstation habe er erlebt, wie kraftvoll Mythen sein könnten. Foto: Felix Brüggemann

Thomas Hürlimann sagt, auf der Intensivstation habe er erlebt, wie kraftvoll Mythen sein könnten. Foto: Felix Brüggemann

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Heute wird oft von der Wiederkehr der Götter gesprochen. Sie hingegen haben kürzlich verkündet: «Der grosse Pan ist tot.» Wie das?
«Der grosse Pan ist tot» ist ein Ausruf in der Schrift «Vom Untergang der Orakel» bei Plutarch. Er war ein Symbol für den Untergang der Antike und ihrer Götterwelt. Ich fürchte, 2000 Jahre später sind wir an einem ähnlichen Punkt. Im Abendland läuten die Totenglocken. Die Kirchen sind leer, Gott stirbt.

Stirbt der christliche Gott mit den regligiösen Symbolen, die man aus dem öffentlichen Raum verbannt?
Das ist eine Entwicklung, die mich beängstigt. Wir selber holen die Kreuze herunter. Aber wir werden uns noch wundern: Zuerst sterben die Zeichen, dann sterben wir ihnen hinterher. Wenn das Kreuz fällt, fallen auch wir. Reinhold Messner sagte neulich, die Möblierung der Alpen könne ihm gestohlen bleiben. Er verkennt: Das Kreuz hat das Abendland und auch unsere Zeitrechnung bestimmt. Aber was Messner vorschwebt, ist in unseren Institutionen bereits passiert. Noch vor wenigen Jahren war ­Zürich eine protestantische Stadt, nun wurde sogar der Andachtsraum im Unispital in einen «Raum der Stille» verwandelt – und mit nichtssagendem Kitsch möbliert. Ebenso in der neuen Ab­dankungshalle in Zug. Die präsentiert sich als grosse Badewanne – damit da ja nichts hängt, was irgendjemanden ­stören könnte. Schauerlich.

Wir müssen Rücksicht nehmen auf die Muslime.
Ich verlange ja auch nicht, dass sie den Halbmond von ihren Moscheen runternehmen, wenn ich durch Istanbul spaziere. Das ist ihre Welt. Und hier ist unsere. Wer zu uns kommt, muss auch mit unseren Symbolen leben können. Es geht einfach nicht, dass wir in vorauseilendem Gehorsam uns selber beiseiteschaffen. Ich habe zehn Jahre lang mit Türken in einem Haus gelebt und weiss, dass die meisten von ihnen uns keineswegs zwingen wollen, unsere Kultur und unsere Dekorationen den Vorstellungen des Islam anzupassen.

Viele Europäer wollen das Kreuz ebenfalls weghaben.
Es steht ja auch für den Tod. Und nichts ist heutzutage so tabu wie unsere Endlichkeit. Früher fürchtete man den Teufel, sagte der Dichter Reinhold Schneider, heute fürchtet man den Tod. Also wird er verteufelt und verschwiegen. Und sein Zeichen soll weg. Diesen Prozess sehen Sie auch an den Friedhöfen. Heute bevorzugt man das Gemeinschaftsgrab oder das Verstreuen der Asche im Wind. Auf dem Friedhof Sihlfeld gibt es immer mehr Platz, die Leerfläche wird grösser, und ich hörte munkeln, die Stadt Zürich strecke die Fühler aus, ob man daraus Bauland machen könne. Eine Gesellschaft definiere sich in ihrem Verhältnis zum Tod, sagte der deutsche Dramatiker Heiner Müller. Wir sollten das ernst nehmen. Es ist verheerend, wenn selbst die Friedhöfe sterben. Aber natürlich ist die Grabpflege in einer mobilen Gesellschaft ein Problem. Denn zur Grabpflege gehört die Stabilitas Loci, das Bleiben am Ort.

Sie wollen nicht zu jenen gehören, die den grossen Pan für tot erklären. Als Klosterschüler in Einsiedeln aber waren Sie Aktuar eines Atheisten-Clubs.
Da war ich 15. Wenn man als Klosterschüler eine Kutte trägt und jeden Tag in die Messe gehen muss, dann ist es doch klar, dass man dagegen aufbegehrt. Ich gründete diesen Club mit einem älteren Schüler, der Nietzsche, Freud und Feuerbach las. Die Patres, unsere Lehrer, waren hochgebildet und mit allen Philosophen von Plato bis Kant bestens vertraut. Aber auf einmal hatten wir Zöglinge den Schlüssel zur Bibliothek. Nun mussten sie über Bücher reden, die wir kannten – und sie nicht.

Die 68er-Bewegung machte Sie nicht glücklich: Ihre «metaphysischen Antennen zappelten ins Leere». Sind Sie nie ganz weggekommen vom Glauben?
Nein, als Schriftsteller kann man das gar nicht. Wenn man schreibt, bewegt man sich immer wieder in Ober- und Überwelten, in Mythen, im Transzendentalen. Ich bin Platoniker. Ich produziere Scheinwelten und glaube an sie.

Und suchen Halt im Kinderglauben?
Nein, ich möchte nicht zurück in den Katholizismus meiner Kindheit. Der war mit Dunkelheit behaftet, mit vielen Verboten. Noch viel weniger möchte ich aber in einer Gesellschaft leben, die sich restlos entsakralisiert und ihre Gläubigkeit auf Moralismus gründet. 1993 war ich in den USA, als Gastprofessor am Dartmouth College. Auf dem Campus mit 20 000 Leuten war ich praktisch der einzige Raucher. Wurde ich dabei beobachtet, kamen sie von allen Seiten angehüpft und schrien: «Wir helfen dir, von deiner Sucht loszukommen!»

Zu viel Moral im Glauben?
Nur Moral! Ein deutscher Kardinal hat gerade seinen Altar durch ein Flüchtlingsboot ersetzt. Und was der Papst so alles von sich gibt, liegt ja auch auf dieser Linie. Der Appell an die Barmherzigkeit mag gut gemeint sein, aber wie verträgt sich Barmherzigkeit mit der Gnade oder mit der Gerechtigkeit? Darüber fällt kein einziges Wort.

Für heutige Theologen hat Religion im Kern mit Ethik zu tun.
Damit versuchen sie, uns vom Glauben an Gott zu dispensieren. Nichts gegen eine aufgeklärte Gesellschaft, die von der Selbstbestimmung des Subjekts ausgeht. Aber wir werden ja, trotz aller Bemühungen der Kirchen, nicht zu Agnostikern. Wir glauben weiter. Und da diese Glaubensbereitschaft einen Inhalt haben muss, formiert sich die Gesellschaft in einer Sekte, die sich selbst überwacht und terrorisiert. Der neue Katechismus heisst: Erstes Gebot: Du sollst den Abfall trennen! Zweites Gebot: Du sollst dich vegan ernähren! Drittes Gebot: Du sollst alles durchgendern! Viertes Gebot: Du sollst so tolerant sein wie Globi im neuesten Globi-Buch!

Die Kirchen haben nur noch eine innerweltliche Botschaft?
Genau wie Globi. Zum Reformations­jubiläum wollen die Deutschen hauptsächlich Luthers Antisemitismus thematisieren – und aus Quotengründen seine Frau zur eigentlichen Reformatorin deklarieren. Wie lustig das wird, kann man sich vorstellen. Und dann wundern sie sich, dass ihre Kirchen leer sind. Die meisten Predigten heutzutage sind, mit Nietzsche gesprochen, «ein moralisches Grunzen».

Political Correctness als Ersatzreligion?
Ja genau, Pan wurde von der Political Correctness eliminiert. Es geht nur noch um soziale Verhaltensweisen, nicht mehr um Transzendenz. In der Moralschwemme ist das Geheimnis abge­soffen. Wo früher das Kreuz hing, hängt heute das Rauchverbot.

Was wäre denn Ihrer Meinung nach die vorrangige Aufgabe der Religion? Kontingenzbewältigung? Trost angesichts der Endlichkeit in Zeiten von Krise und Krankheit?
Es muss nicht unbedingt Trost sein. Ist man krank und verzweifelt, fühlt man sich von einem Hiob oder einem Jesus am Kreuz verstanden. Die Kreuzverächter meinen, das Kreuz mit seinem blutigen Geschehen mache uns Angst. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Der Gott am Kreuz versteht meine Ängste, begleitet mich, teilt mein Leid.

Gott steigt an Karfreitag in die Unterwelt hinab.
Jesus hat nie darüber gesprochen, was er in den drei Tagen zwischen Tod und Auferstehung erlebt hat. Auch Lazarus hat nach seiner Wiedererweckung geschwiegen. Dieses Schweigen könnte ein grosses Geheimnis bergen, aber leider sind die Kirchen nicht mehr in der Lage, solche Themen zu berühren. Deshalb tut es die Literatur – und momentan mit Botho Strauss, Sybille Lewitscharoff und andern sehr kraftvoll, sehr wortmächtig. Die Literatur weiss mit Heid­egger, dass Existenz von Ek-sistere kommt, Hinausstehen in die Nacht des Nichts, in die Verlassenheit.

Sie meinen die Verlassenheit Christi?
Der grosse sowjetische Satiriker Michail Bulgakow schildert diesen Moment in «Der Meister und Margerita». Wer seine Kreuzigungsszene gelesen hat, wird sie nie mehr vergessen. Es war schon immer das vornehme Geschäft der Literatur, untergehende Welten festzuhalten. Oder der Märchen: Ich erinnere mich an meine Studentenjahre, als man Grimms Märchen sozusagen aus der Welt schaffen wollte, weil sie angeblich für Kinder zu grausam seien. Doch genau das wollen sie hören: den Gang in den Wald von Hänsel und Gretel bis fast in den Ofen – und dann das Entkommen. Das ist am Schluss eine so grossartige Befreiung, dass man das gar nicht oft genug hören kann. Weil jedes Kind diese Ängste kennt.

Sie waren todkrank und haben Ihre eigene Lazarus-Erfahrung für «Die Zeit» beschrieben. Fühlen Sie sich auferweckt?
Beim Erwachen auf der Intensivstation wusste ich zunächst überhaupt nicht, wo ich bin, was mit mir ist. Ich war vollkommen desorientiert. Da dachte ich: Hoppla, jetzt geht es dir ein bisschen wie dem auferweckten Lazarus. Tatsächlich vollbringt die moderne Medizin wahre Wunder, und es hilft einem, wenn man anhand einer biblischen Figur seine ­Situation begreifen kann.

Hat Sie diese Erfahrung im Spital wieder zurück zum Glauben gebracht?
Da bin ich vorsichtig. Zu meinem Kinderglauben kann und will ich nicht zurückkehren. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, wie kraftvoll, wie lebendig solche Mythen in mir werden können. Wissen Sie, wenn man eine schwere Krankheit hinter sich hat, sagen einem viele: Toll, jetzt geht es dir wieder gut! Dann fragt man sich, warum man mit Bemerkungen dieser Art so viel Mühe hat. Und liest vom Verstummen des ­Lazarus. Und fühlt sich verstanden und aufgehoben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2016, 17:43 Uhr

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