Woher kommt der Hass auf uns?
Von Luciano Ferrari. Aktualisiert am 14.09.2009 3 Kommentare
Info
Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren. C.-Bertelsmann-Verlag. 287 S., ca. 35 Fr.
Am Dienstag, 15. September, um 20 Uhr wird Jean Ziegler im Kaufleuten sein Buch präsentieren und sich den Fragen von Luciano Ferrari stellen.
Einen Tag später, ebenfalls um 20:00 Uhr, stellt sich Ziegler bei Thalia Bücher in Basel den Fragen von BaZ-Redaktor Christian Mensch.
Kurz vor Barack Obamas Amtseinsetzung trafen sich die beiden grossen alten Welterklärer, Zbigniew Brzezinski und Brent Scowcroft, zu einem langen Gespräch. Darin skizzierten sie die wichtigsten aussenpolitischen Herausforderungen für den neuen, jungen US-Präsidenten. Dabei kamen sie auf ein Phänomen zu sprechen, das beide faszinierend finden, das sie aber noch nicht vollständig einordnen und einschätzen können. Brzezinski nennt es «das globale politische Erwachen». Mit dem Ende des Kalten Kriegs sei die ganze Menschheit (all of humanity) zum ersten Mal «politisch aktiv» geworden: Das sei «ein sehr, sehr dramatischer Wandel», so der frühere Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter.
«Heute weiss jeder Bescheid»
Scowcroft, seinerseits Berater von gleich drei früheren US-Präsidenten, George H. W. Bush, Gerald Ford und Richard Nixon, führt dieses politische Erwachen auf die wirtschaftliche Globalisierung und weltweite mediale Vernetzung zurück: «Die Globalisierung hat zu einer Politisierung der Weltgemeinschaft geführt.» Das habe Rückwirkungen auf die Aussenpolitik: «Heute weiss fast jeder über fast alles Bescheid, was in der Welt geschieht. Reaktionen sind unvermeidlich – manchmal fallen sie sehr stark aus. Dies ist eine neue Dimension, mit der wir noch nicht umzugehen wissen.»
Dieses «politische Erwachen» beschäftigt auch Jean Ziegler in seinem neuen Buch. Er nennt es «die Wiederkehr der Erinnerung». Und er lokalisiert es vor allem «im Süden», in Südamerika und Afrika. Im Unterschied zu Brzezinski und Scowcroft klassifiziert Ziegler es auch sofort als eine antikolonialistische, antiimperialistische und auch antikapitalistische Regung: «Wir erleben eine Zeit der Wiederkehr der Erinnerungen. Plötzlich besinnen sich die Völker auf die Demütigungen, die Schrecken, die sie in der Vergangenheit erlitten haben. Sie haben sich entschlossen, vom Westen Rechenschaft zu fordern. Das verwundete Gedächtnis der einstigen Kolonialvölker ist zu einer geschichtsmächtigen Kraft geworden.» Beim französischen Historiker Fernand Braudel findet Ziegler eine handliche Definition für «den Westen»: «Der Westen definiert sich im Wesentlichen über seine Produktionsweise, den Kapitalismus.»
Eine analytische Lücke
Woher diese Rückbesinnung auf die eigene Geschichte und Identität plötzlich kommt, interessiert Ziegler hingegen nur bedingt. Er verweist auf «die rätselhaften Wege des kollektiven Gedächtnisses» und auf Maurice Halbwachs, der die Entstehung und Wandlung des kollektiven Bewusstseins erforscht hat. Das schafft eine analytische Lücke im Buch, die bis zum Schluss nicht mehr geschlossen wird. Würden die Ursachen dieses Erwachens weiter ergründet – die engere wirtschaftliche Vernetzung der Länder durch die Globalisierung, die grössere gegenseitige Abhängigkeit, die Politisierung der Weltgesellschaft sowie die neue Austarierung der geopolitischen Machtverhältnisse –, ergäbe sich vielleicht auch eine andere Interpretation der Folgen.
Doch was die Konsequenzen angeht, legt sich Ziegler rasch fest: Das «politische Erwachen» des Südens erkläre, weshalb der «Hass auf den Westen» gerade jetzt über uns hereinbricht, so Zieglers These. Von seinen zahlreichen Reisen und Begegnungen als Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung glaubt Ziegler in diesem Phänomen den Grund für die zunehmende Entfremdung zwischen dem Süden und dem Westen gefunden zu haben sowie – fataler noch – die Ursache für die Blockade der internationalen Organisationen.
Dieser Hass sei auf die Demütigungen und die tiefen ökonomischen und seelischen Verletzungen zurückzuführen, die Sklaverei, Kolonialismus sowie die kapitalistische Wirtschaftsordnung verursacht und perpetuiert hätten. Es ist dieser Hass, so versucht Ziegler an verschiedenen Beispielen darzustellen, der dazu führe, dass etwa die Diplomaten südlicher Länder im Uno-Menschenrechtsrat in Genf die Verurteilung der Gräueltaten in Darfur verhindern oder die Entsendung von Blauhelmtruppen im Uno-Sicherheitsrat in New York.
Mit katastrophalen Folgen für die betroffenen Menschen. Ziegler: «Indem dieser Hass die internationalen Verhandlungen blockiert, verhindert er die Lösung von Konflikten und schwerwiegenden Problemen, obwohl dabei unter Umständen das Überleben der ganzen Menschheit auf dem Spiel steht.»
Ziegler bringt dabei sehr viel Verständnis für die Vertreter des Südens auf. Er lastet die Verantwortung an diesem gefährlichen Scheitern der internationalen Organisationen vielmehr der Unsensibilität, der Gleichgültigkeit und Blindheit des Westens an. Statt die Wiederherstellung des Gedächtnisses und die Rückgewinnung der Identität der Völker des Südens zu unterstützen, schüre der Westen mit seinem forcierten und menschenverachtenden Kapitalismus den Hass nur noch neu, so die flammende Anklage. Ziegler scheut sich nicht, in diesem Zusammenhang von einer «kannibalistischen Weltordnung des globalisierten Finanzkapitals» und sogar von einem «Weltwirtschaftskrieg» zu sprechen, der vom Westen gegen den Süden geführt werde.
Das Debakel von Durban
Das einzig Hoffnungsvolle am Hass auf den Westen ist, dass es sich nicht um eine fanatische, blinde Emotion handelt, wie etwa jene, die die islamistischen Terroristen antreibt. Ziegler spricht vielmehr von einem «rationalen Hass», dieser sei «das genaue Gegenteil der wiederkehrenden Explosionen des pathologischen Hasses». Der Westen könnte also – wenn er denn wollte – durch eine Anerkennung des «verwundeten Gedächtnisses», durch Reue und «wiedergutmachende Gerechtigkeit» den Ursachen dieses Hasses begegnen. Ziegler zeigt aber etwa am Beispiel der gescheiterten Anti-Rassismus-Konferenz von Durban im September 2001, dass der Westen dazu nicht bereit sei. In der südafrikanischen Stadt hätte der Westen Sklaverei und Kolonialismus öffentlich als Verbrechen anerkennen und Wiedergutmachung versprechen sollen. Doch der Widerstand war enorm, Durban wurde ein totaler Misserfolg.
Was aber geschieht, wenn sich die Exponenten des Westens nicht besinnen? Wenn sie unsensibel, arrogant und zynisch bleiben, wie Ziegler das Verhalten des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, von Bundeskanzlerin Angela Merkel oder von Papst Benedikt XVI. beschreibt? Das Schlusskapitel zeigt, dass sich der Süden in diesem Fall vom Westen lossagen wird.
Am Beispiel von Bolivien und Evo Morales, dem ersten Indio-Präsidenten Lateinamerikas, beschreibt Ziegler, wie es gelingen kann, «den Hass (auf den Westen) zu verwandeln in eine Kraft der Gerechtigkeit, des Fortschritts und der Freiheit». Der Fall Bolivien strahle auf den ganzen Kontinent aus: «Für die Völker des Südens schlägt die Stunde der Unabhängigkeit, der Souveränität, des Nationalstaats.»
Ziegler mag an manchen Stellen sehr pathetisch, in der Analyse manchmal verstaubt sein. Wie die Überlegungen von Brzezinski und Scowcraft aber zeigen oder die Faszination für die neuen südamerikanischen Staatsführer von Oliver Stone und Tariq Ali in ihrem neuen Dokumentarfilm («South of the Border»), ist Ziegler dennoch einem spannenden, neuen weltpolitischen Phänomen auf der Spur. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.09.2009, 14:07 Uhr
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3 Kommentare
Ziegler schreibt: ...wie es gelingen kann, «den Hass (auf den Westen) zu verwandeln in eine Kraft der Gerechtigkeit, des Fortschritts und der Freiheit». Schön, das er so denkt, jedoch soll er mal nach Bolivien kommen und bitte zeigen wo die Gerechtigkeit, der Fortschritt und die Freiheit bleiben, denn davon spürt hier niemand was, auch wenn das Regime von Morales in Europa immer schöngefärbt wird Antworten












