Alles stinkfrech aufschreiben

Schriftstellerin Ruth Schweikert erhielt am Samstag den Kunstpreis der Stadt Zürich. Die Laudatio hielt Altmeister Peter Bichsel. Ein Preisrede.

Lobt das gesellschaftliche Engagement und ein Werk «dicht an der Schmerzgrenze»: Stadtpräsidentin Corine Mauch (rechts) mit Ruth Schweikert. Foto: Doris Fanconi

Lobt das gesellschaftliche Engagement und ein Werk «dicht an der Schmerzgrenze»: Stadtpräsidentin Corine Mauch (rechts) mit Ruth Schweikert. Foto: Doris Fanconi

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Sie kennen das wohl. Man bleibt irgendwo sitzen, nach einem Fest, oder irgendwo zufällig oder in einer öden Kneipe zu später Stunde, und plötzlich ist man nur noch zu zweit, und der andere beginnt zu erzählen – und erzählt und erzählt, und ich höre ihm zu und höre ihm zu und frage mich selbst: Warum erzählt er mir das?

Und anderntags, etwas verkatert, erinnere ich mich daran, und meine Frage verändert sich in ein «Warum erzählt er mir das?» So ergeht es mir immer wieder beim Lesen von Ruth Schweikert, ich fühle mich ertappt, ich fühle mich betroffen. Warum erzählt sie mir das?

1996 war ich eingeladen an die Baden-Württembergischen Literaturtage mit der Auflage, zwei junge Autoren mitzubringen. Ich entschied mich für Franco Supino und Ruth Schweikert. Ich hatte ihr erstes Buch «Erdnüsse. Totschlagen» mit grosser Begeisterung gelesen, hatte sie auch daraus lesen hören in Solothurn, später auch ihren erstaunlichen Essay über das Werk von Otto F. Walter. Diesen Essay wollte ich gern noch mal hören, und so war ausgemacht, dass sie ihn an unserer gemeinsamen Veranstaltung, irgendwo in der Nähe von Heilbronn, lesen soll.

Ein heisser Nachmittag, ein öder, spärlich besetzter Saal eines Ausflugrestaurants mit, so schien es mir, entsprechenden Gästen. Supino und ich hätten geradeso gut wieder heimfahren können, es hätte uns wohl niemand aufgehalten. So störte es auch niemanden, als wir vorschlugen, den Beginn noch etwas zu verschieben, denn Ruth war noch nicht da. Sie war nicht mit uns gereist und kam auf komplizierten Wegen von irgendwoher. Nach einer weiteren halben Stunde begannen wir halt dann zu zweit, und der Zweite las und las, bis sie kam. Sie setzte sich erst mal in die erste Reihe, nahm den Laptop auf die Knie und vertiefte sich in ihn, wie wenn sie alles noch zu schreiben hätte. Dann ging sie auf die Bühne und las aus ihrem Laptop, als würde sie, sich selbst vorlesend, den Text kritisch überprüfen. Dann plötzlich, mitten in einem Satz, sagte sie: «So weit, den Rest habe ich auf dem Computer verloren – für immer.»

Couragiert und engagiert

Warum erzähle ich Ihnen das. Weil es meine erste persönliche Begegnung mit Ruth war und weil ich das mit dem Laptop hinreissend fand. Ich habe es in Varianten später immer wieder erlebt – eine Autorin, die vorlesend an der Arbeit ist, und Arbeit ist ernstes Handwerk. Schweikerts Sätze sind gezimmert wie das Meisterstück einer Schreinerin. Beim Lesen von Ruth Schweikert passiert es mir immer wieder, dass ich nur noch Sprache höre, Sprache an und für sich, Erzählen an und für sich. Ihre Inhalte sind da, um erzählt zu werden, um aufgeschrieben zu werden – die Welt, die ganze Welt aufschreiben.

In der Geschichte «Port-Bou» in «Erdnüsse. Totschlagen» steht der Satz: «Mutter will sich nicht erinnern an das Fräulein von 1957, das sie ja einst war, und wenn sie sich erinnern wollte, würde sie mir, ihrem Tochterfräulein, niemals Details über ihr erotisches Voreheleben preisgeben, sie weiss ja, ich würde sie missbrauchen, ich würde mir stinkfrech alles aufschreiben.»

Das ist Programm, und das ist kräftig, und hätte das Wort «handgreiflich» nicht bereits eine andere Bedeutung, es wäre das richtige Wort dafür. Das ist eine Drohung – Welt, ich werde dich aufschreiben, stinkfrech aufschreiben, das ist couragiert und engagiert. Und erzählen und aufschreiben sind zwei sehr verschiedene Sachen, das Aufschreiben bedrohlich, das Erzählen besänftigend.

Ruth Schweikert gelingt es, in ihren Sätzen beides zusammenzuschmieden, und zum Schmieden braucht es viel Kraft, die Kraft der Sprache zum Beispiel. Ich beneide Ruth um ihre Kunst der langen Sätze. Ihr Prinzip «Alles aufschreiben» bezieht sich auf jeden einzelnen Satz, jeder Satz ist eine ganze Welt. Sie fürchtet sich vor dem voreiligen Punkt und setzt einen Strichpunkt. Es geht, auch im einzelnen Satz, um alles.

Es gibt keine Icherzählerin, obwohl man sie hört

Und sie kann mit dieser Sprache auch zuschlagen, gnadenlos zuschlagen. Im Roman «Wie wir älter werden»: «Einmal – wie viele Jahre hatte er nicht mehr daran gedacht – war sie in heller Aufregung in sein Büro geplatzt, worin Jacques sich verzogen hatte, um in Ruhe ein paar Akten zu studieren; und während sie sein Gesicht mit ihren kindlichen Küssen bedeckte, schlug sie ihm gleichzeitig den Schädel ein, mit ihren überraschend kraftvollen Kleinmädchenhänden, die sie zu Fäusten ballte; und zwischen den Küssen zischte sie ihm etwas zu, das er erst nach einer Weile verstand, als es ihm gelungen war, ihre Unterarme zu packen. Endlich sah Katrin ihn an; ich dachte, du bist tot, stiess sie kaum hörbar hervor, ich war mir sicher, du bist tot.»

Das kann man nicht erfinden, nur die Sprache kann das erfinden, aber die Sprache braucht eine Trägerin, von der sie beherrscht ist – also eine Icherzählung. Doch im ganzen Roman gibt es kein Ich, das erzählt. Und ich höre trotzdem dauernd ein Ich, bald ein kalt feststellendes Ich, dann wieder ein zärtliches, ein sarkastisches, ein stilles, ein lautes Ich. Und ich bin als Leser dauernd auf der Suche nach der Icherzählerin. Aus dem «Warum erzählt sie mir das?» wird ein «Wer erzählt mir das?»

Es muss eine dieser Figuren des Romans sein, oder abwechselnd mehrere oder alle. Meine Suche nach der Identität der Icherzählerin zieht mich hinein in den Strudel des Geschehens, ich sitze mit drin im falschen Film. Und kriege ihn nicht los, wenn ich nach der Nachmittagsvorstellung ins grelle Licht der Strasse trete. Und da begegne ich ihnen wieder, den Irissen und den Jacques und den Kathrins, den Helens und den Friederiken, und ich habe alle in Verdacht. Die Strasse wird mir zum Panoptikum.

Alles, diese Scheisse, diese Verlogenheit, dieses Tun als ob und viel mehr noch als ob nicht , all das ist aufgeschrieben – es steht geschrieben . All das wirft sie mir, dem Leser, an den Kopf und tröstet mich im selben Satz mit Poesie, zieht mich hinein in ihren Roman, in ihren Ärger, in ihre Verzweiflung, sie stellt mich in eine Ecke und verlangt, dass ich mir das anschaue, sie engagiert mich, sie, die Engagierte. «Augen auf» bitte, hinschauen bitte. Das kann man nicht einfach abtun mit der Bezeichnung «Familienroman».

«Wie wir älter werden» könnte durchaus der Titel eines Sachbuchs sein. Trotzdem, es würde mir kein besserer Titel für Ruth Schweikerts Roman einfallen. Wie wir älter werden, wir werden es halt, die Resignation und das Aufbäumen der Erzählerin, wer sie auch immer ist, die Romanfigur Iris oder Kathrin, aber letztlich die Autorin selbst.

Es geht um Literatur

Das hat mit Autobiografischem wenig oder viel zu tun, denn zu unserer Biografie gehört nicht nur das, was wir gelebt haben, sondern auch alles, was wir gelesen haben, gehört haben, und die Filme, die wir gesehen haben, und selbst die Titanic und Wilhelm Tell, die lange vor unserer Geburt waren, das alles gehört letztlich mit zu unserer Biografie.

Und ich staune über den Reichtum von all dem, was die Erzählerin weiss, gehört, gesehen und gelebt hat – über all das, was ihr während des Erzählens noch nebenbei einfällt. Und ich staune noch mehr über all die Kritiker, die sich darüber beschweren, dass die Geschichte nicht gradlinig genug erzählt werde. Ihnen sei das Sachbuch empfohlen, das ohnehin die Literatur erfolgreich verdrängt. Das ist sein gutes Recht, aber hier geht es um Literatur, um eine Literatur, die zu meiner Zeit in den Sechziger-, Siebzigerjahren noch wahrgenommen wurde.

Inzwischen sterben die literarischen Buchhandlungen aus oder verkommen zu Internetportalen – jedes Buch innert 24 Stunden lieferbar. Das ist schön und gut, ersetzt aber jene Buchhandlungen nicht, die Eldorados für Leser waren, in denen man herumsehen und herumleben konnte und sich in Acht nehmen musste, die Frage der Buchhändlerin nach unserem Wunsch nicht mit einem simplen «Alles!» zu beantworten.

Lassen wir die Klage – vorbei ist vorbei. Und ich stelle erfreut fest, dass es in unserer Gegend noch nie ein solch grosses Potenzial von Talenten, ja von Meistern und vor allem Meisterinnen gab von dem, was einmal Literatur hiess. Sie bäumt sich offensichtlich auf, die Literatur, gegen die misslichen Umstände.

Zum Beispiel Ruth Schweikert. Ja, es geht auch mir so, wie Leser und Kritiker ab und zu bemängeln. Auch ich habe immer wieder Mühe, mich im Gewirr der Personen zu orientieren. Aber ich beginne das sehr bald zu geniessen. Auch im realen Leben habe ich, wie wir alle, meine Mühe mit Namen. Warum soll ich sie hier, im Roman drin, nicht haben. Ich blättere zurück, welche ist nun Iris und welche Kathrin und und . . . Ich gebe es auf, ergebe mich dem Erzählen, der Sprache, dem Reichtum an Einfällen, an messerscharfen Behauptungen, an bösartigen Beobachtungen und stehe mitten im Gewirr des Lebens.

Glück des Nichtverstehens

Und wenn sich das Gewirr endlich etwas lichtet, wenn ich dann plötzlich weiss, wer wer ist und um was es geht, bin ich fast ein wenig enttäuscht und wünsche mir das Nichtverstehen zurück.

Was will der Mann in der Beiz, die es übrigens wie die Buchhandlung auch nicht mehr gibt, mit seiner Geschichte – nur, dass ich ihm zuhöre. Ich gebe zu, dass mir dies immer wieder schwerfällt und dass ich mich auch schon lautstark dagegen verwahrt habe.

Iris und Kathrin und Jacques und Emil höre ich gern zu. Die können alle erzählen, und ich bin froh, dass sie mir auch wirklich etwas zu erzählen haben, denn zum Erzählen braucht man eine Geschichte, aber die Geschichte selbst ist noch keine Erzählung. Die Geschichte braucht einen Erzähler, die Figuren in «Wie wir älter werden» erzählen meisterhaft. Wir wissen, das haben sie von Ruth Schweikert gelernt, denn Ruth Schweikert kommt vom Theater und kann mit Figuren umgehen, und sie hat damit etwas im Sinn, das ist gefährlich, gewagt und tapfer, und das ist engagiert und politisch. Und dies in einer Zeit, die mehr und mehr daran ist, sich zu entpolitisieren. «Ich werde stinkfrech alles aufschreiben»: Ja, liebe Ruth, tu es, tu es, wir brauchen es dringend, wir brauchen dich. Und wir brauchen die Frage «Warum erzählt sie mir das?»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2016, 18:44 Uhr

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Schriftsteller Peter Bichsel.

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