Über allem schwebt der Hungerengel
Herta Müller.
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Buch
Herta Müller: Atemschaukel. Roman. Hanser, München 2009. 299 S., ca. 34 Franken.
1945 wurden auf Geheiss Stalins 80'000 Rumäniendeutsche zwischen 18 und 33 Jahren in sowjetische Arbeitslager deportiert, um die im Krieg zerstörte Industrie wieder aufzubauen. Erst 1950 liess man sie, so sie noch lebten, nach Hause zurückkehren. Im Lager war auch die Mutter der Autorin Herta Müller. Davon gesprochen hat sie zu ihrer Tochter nie. Nur im Gebot, Kartoffeln so dünn wie möglich zu schälen, äusserte sich das Trauma, in der Feststellung «Wind ist kälter als Schnee», «Durst ist schlimmer als Hunger». Das Thema war verstrickt mit dem Tabu von Rumäniens faschistischer Vergangenheit. Verbündet mit dem nationalsozialistischen Deutschland, wechselte es erst 1944 auf die Seite der Alliierten.
Als Herta Müller 2001 zu dem Thema zu recherchieren begann, das ihre Jugend prägte, ohne dass sie etwas darüber wusste, konnten ihr die mittlerweile betagten Zeugen nicht mehr als ein paar formelhafte Sätze sagen. Keine Bilder, dem Erlittenen ein Gesicht zu geben, keine Sprache, es zu benennen. Mit einer Ausnahme: dem Dichterkollegen Oskar Pastior. Der Lyriker und Sprachexperimentierer, der mit 17 Jahren ins Lager kam, wusste mit fast 80 noch jede Kohlenart aufzuzählen, die er während der fünf Jahre geschaufelt hatte. Sein Körper kannte noch jede Bewegung, die dafür notwendig war. Seinen Sinnen waren die Farben präsent und die Gerüche, die Erschöpfungen, die Schmerzen, das kleine Glück.
Erst erzählte Pastior, Müller schrieb auf. Dann begannen sie, gemeinsam Texte zu schreiben. Im Juni 2004 reisten sie zum Schauplatz der ehemaligen Lager in der östlichen Ukraine, 2005 veröffentlichten sie in einer Zeitschrift einen ersten Teil des Gemeinschaftswerks. 2006 starb Oskar Pastior, Herta Müller war mit ihrem Projekt wieder allein. Nach einem Jahr Pause beschloss sie, das Erinnerungswerk im Sinne des Verstorbenen zu Ende zu erfinden. Als Roman liegt es nun unter dem Titel «Atemschaukel» vor. Ein grossartiges Buch in seiner poetischen Genauigkeit. Ein wichtiges als neue Marke auf der Landkarte des Terrors im 20. Jahrhundert.
Eine Scheibe Brot pro Tag
Die Grundsubstanz des Romans aus 64 Kurzkapiteln bilden die gemeinsam verfassten Textfragmente, die ohne Chronologie Details und Situationen des Lagers skizzieren, immer am Körper erzählt. Die Kohleschaufel gibt den Takt. Die schikanösen Appelle strukturieren die Zeit. Das grausamste Regime aber führt der unsichtbare «Hungerengel». Im Sommer treibt er die Häftlinge auf die Wiesen zum Meldekraut sammeln, winters zu den gefrorenen Kartoffelschalen auf der Abfallhalde. Morgens fordert er die Disziplin, die einzige Scheibe Brot für den ganzen Tag einzuteilen. Abends erfindet er das Ritual des Brottausches, da das eigene Stück immer kleiner scheint als jenes der anderen, «ein glitzriges Geschäft mit den Augen und ein zittriges mit den Fingern». Nachts bleiben zum Essen nur die Wörter: Die Lagerinsassen erzählen sich Rezepte, «Kochrezepte sind die Witze des Hungerengels».
Herta Müller integriert diese Szenen des zeit- und ortlosen Lagerlebens (niemand wusste, wo die Viehwaggons nach zwölf Tagen Fahrt angehalten hatten, zu keinem Zeitpunkt kannten die Insassen die Dauer des Lageraufenthalts) in die autobiografische Geschichte eines Ich-Erzählers, der Leo Auberg heisst und viele Züge von Oskar Pastior trägt. Wir lernen Auberg im Januar 1945 kennen, als er bereits weiss, dass er auf der Liste der Russen steht und den Koffer packt. Der 17-Jährige empfindet weniger Angst als Ungeduld. Endlich weg aus der Kleinstadt, wo zu viele an das «schwarze Viereck von Hitlers Schnurrbart» geglaubt hatten «und an uns Siebenbürger Sachsen als arische Rasse».
Wo die Steine Augen hatten. Wo ihm seiner Rendezvous mit Männern im Erlenpark und im Neptunbad wegen brutale Verhöre und das «Straflager am Kanal» drohen, von dem noch keiner lebend zurückgekommen ist. Die biografische Rahmung zeigt das Lager als Teil eines repressiven Systems, dem auch in Freiheit nicht zu entkommen ist. Nach seiner Entlassung lebt Auberg weiterhin mit gutem Grund in Angst, in der Hauptstadt nicht weniger als in der Provinz. Als Ende der 60er-Jahre in Bukarest zwei homosexuelle Bekannte von ihm verhaftet werden, flüchtet Auberg – wie Pastior – nach Deutschland.
Das Gemüt auf Angst dressiert
Überhaupt, das wirklich Schwierige ist das Danach. Im Lager bündelt sich alle Energie auf das Projekt des Überlebens. Und wenigstens die Erinnerung und Träume führen hinaus. Die Rückkehr ins Leben geht zwar auf der einen Seite erstaunlich schnell: Als es im letzten Lagerjahr auf einmal Geld für die Arbeit gibt, mit dem man auf dem Basar einkaufen kann, nehmen die Körper in wenigen Wochen wieder Form an.
Ebenso schnell erwachen Eitelkeit und Erfindergeist. Über die Wochenschauen finden die neusten amerikanischen Modetrends den Weg in die ukrainische Steppe. Doch wie wird man in den folgenden Monaten und Jahren zu Hause wieder heimisch, wenn das Heimweh nicht weggeht? Wie findet man in die Normalität zurück, wenn «das Gemüt auf Angst dressiert ist, das Hirn auf Unterwerfung angewiesen». Wenn der Lagerhunger unabhängig von der körperlichen Sättigung nie mehr zu stillen ist. Bei der Recherchereise in die Ukraine, erzählt Herta Müller in einem Interview, musste Pastior trotz seines Diabetes auf dem Basar Unmengen an Süssigkeiten verschlingen.
Die grösste Beschädigung des Individuums durch den totalitären Staat, das haben Herta Müller wie Oskar Pastior erfahren, ist das Misstrauen selbst gegenüber den Nächsten. Umso höher ist die kongeniale Zusammenarbeit der
beiden Autoren zu werten, die grosses Vertrauen und radikale Offenheit voraussetzt. Sie ermöglicht Pastior (der ebenfalls als Autor genannt gehörte und nicht mit Dank ins Nachwort verbannt) die Ausbreitung seines dunklen Erinnerungsschatzes, der in seiner Lyrik stets im Verborgenen funkelt. Herta Müller befreit sie von der Fixierung auf die eigenen Traumata durch die Verfolgung durch Ceausescus Geheimdienst, um die ihre früheren Romane gnadenlos kreisen. Nicht durch einen Themenwechsel (den mancher Kritiker ihr schon nahelegte), sondern indem sie sich zu einem Menschen hin öffnet, der Ähnliches erlebt hat. Bei aller Grausamkeit dieses Stoffes: Eine so weiche, auch für die Sensationen unter der Schmerzgrenze sensible, noch als Verletzte der Vielfalt der Erscheinungen zugewandte Herta Müller haben wir noch nicht (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.10.2009, 14:46 Uhr






