Gute Seiten, schlechte Seiten

Liebesromane und Krimis für ein breites Lesepublikum sind heute alles andere als trivial. Was aber unterscheidet solche Bücher von «richtiger» Literatur?

Eine Geschichte voller Stereotypen: Die arbeitslose Louisa pflegt den behinderten Ex-Banker Will. Szene aus der Verfilmung von «Ein ganzes halbes Jahr». Foto: Warner Bros.

Eine Geschichte voller Stereotypen: Die arbeitslose Louisa pflegt den behinderten Ex-Banker Will. Szene aus der Verfilmung von «Ein ganzes halbes Jahr». Foto: Warner Bros.

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Literatur hier, Schund dort: So sah einst die Einteilung des erzählenden Schrifttums aus, verbunden mit einem klaren moralischen Verdikt. Heute differenziert die Forschung mehr, massgeblich ist ein 3-Schichten-Modell. Es beschreibt mehr, was gelesen wird und wie das beschaffen ist, als dass es wertet.

Vertikal betrachtet, steht ganz unten nach wie vor die Trivialliteratur, das Genre der Arztromane e tutti quanti, in dem Aschenputtel seinen Prinzen, vulgo die Krankenschwester den Chefarzt, kriegt. Dabei handelt es sich meist um verlogene Geschichten, die den Lesern eine heile Welt vorgaukeln und sie geistig, politisch und sprachlich klein halten. Dergleichen lebt meist nur noch in den Nischen der Heftchen oder der Self-­Publishing-Plattformen im Internet fort.

Mittelklasse des Erzählens

Wer heute ein breites Publikum erreichen will, weiss, dass dieses mit Billigware nicht abzuspeisen ist. Deshalb bewegt sich die aktuelle Unterhaltungsliteratur, gewissermassen die breite Mittelklasse des Erzählens, auf einem anderen Niveau. Denn auch wer von seiner Lektüre bloss unterhalten, abgelenkt, in Spannung und Aufregung versetzt werden will, hat Ansprüche. Allzu triviale Konstellationen, allzu unwahrscheinliche Wendungen und Fügungen, allzu klischeehafte Personenzeichnungen wie im Trivialroman gang und gäbe goutiert dieses Publikum nicht.

Zudem ist es, in unserem Bewegtbilduniversum, geschult durch ausgiebigen Film-, Fernseh- und Videoclipkonsum. Es kann mit Perspektivwechseln, Zeitsprüngen, schnellen Schnitten und sogar den Distanzsignalen der Ironie umgehen. Beim Plot und bei der Personengestaltung verlangt es Raffinierteres als Schema F.

«Realistisch» soll es schon sein

Schliesslich gehört auch eine gewisse gesellschaftliche Relevanz zum Portfolio der aktuellen Unterhaltungsliteratur: Selbst wer sich im Sessel, im Zugabteil oder am Strand bloss ein paar schöne Stunden machen will, mag dazu keine rosarote Brille aufgesetzt bekommen. Er weiss schliesslich, dass die Welt keine Komfortzone ist, und möchte, dass das Schlimme und Gefährliche auch in der Lektüre vorkommt – durchaus nicht so, dass es ihm diese vermiest mitsamt Feierabend oder Ferien! Aber eben «realistisch»: Das soll es schon sein.

Was fehlt dieser «Mittelklasse» zur «richtigen» Literatur, zur Literatur im engeren, im emphatischen Sinne, also zu «Literatur als Kunst», wie das der ­Zürcher Verleger Egon Ammann immer nannte? Einiges. Vor allem vielleicht ­dieses: Literatur, so verstanden, ist mehr als eine gut erzählte Geschichte, der man folgt, weil man wissen will, wie sie ausgeht.

Die Sprache macht den Unterschied

Ein Roman von literarischem Wert kommt natürlich nicht ohne Handlung aus, aber wenn man diese zusammenfasst, hat man das Wesentliche nicht ­erfasst. Das Wesentliche: Das ist die ­Untrennbarkeit von Form und Inhalt. Grosse Autoren entwickeln ihren Stoff in einer einzig für diesen passenden Form. Sie tun im Grossen, was Dichter im Kleinen tun, wenn Klang und Inhalt der Wörter in einer Verszeile fusionieren zu etwas Einzigartigem.

Und damit sind wir beim Entscheidenden, der Sprache. Die dient, etwas zugespitzt, in der Trivialliteratur dazu, den Leser einzulullen, in der Unter­haltungsliteratur, die Handlung möglichst schlackenlos voranzutreiben und im besten Fall auch Atmosphäre zu schaffen.

E-Literatur muss nicht ernst sein

In der Literatur dient sie gar nicht, sie ist ihr eigener Zweck. Sobald Sprache nicht bloss funktioniert, sondern ein Eigenleben zu führen beginnt, befinden wir uns in literarischen Gefilden, in dem, was man immer noch E- oder die ­«ernste» Literatur nennt.

Das ist ein misslicher Begriff; denn ernst muss es dabei nicht zugehen; ­einige der herrlichsten Werke der Weltliteratur sind hochkomisch. Aber auch der Gegenbegriff U (= Unterhaltung) führt in die Irre, denn ein an grossen Werken geschulter Leser unterhält sich im «Zauberberg», bei «Krieg und Frieden» oder mit der «Kartause von Parma» glänzend, während ihn ein Stück aus der Genre-Ecke, ein Krimi oder Liebesroman, wie handwerklich gekonnt er auch immer ­gemacht sein mag, vielleicht langweilt.

Handwerk gegen Kunst

Nennen wirs Handwerk (bei U), nennen wirs Kunst (bei E): In beiden Disziplinen kann ein Autor scheitern. Es gibt grossartige Unterhalter – wie Martin Suter – und sogenannte Grossschriftsteller, denen ein Werk missglückt – zum Beispiel, um Lebende zu schonen, Nobelpreisträger Günter Grass mit seinem Fontane-Roman «Ein weites Feld».

Das Stichwort passt: In der «Mittel-» wie der «Oberschicht» sind Anspruch und Zugänglichkeit unterschiedlich ausgeprägt, die Spannweite ist gross. Bei den Unterhaltern gibt es höchst Originelles neben biederer Dutzendware, in der Literatur reicht das Spektrum von der verrätselten Lyrik bis zur zugänglichen Familiensaga. Und es fehlt auch nicht an Beispielen für Bücher, die alle literarischen Kriterien erfüllen und gleichwohl ein Millionenpublikum finden – so war es bei Balzac und Dickens, so ist es gegenwärtig bei Elena Ferrante. Gut muss nicht schwierig sein.

Dennoch bleibt die Unterscheidung, bleiben die Orientierungsmarken E und U sinnvoll und praktikabel. Eine Lesevorgabe ergibt sich daraus ja nicht: ­Lesen soll weiter jeder das, was er mag. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2017, 18:18 Uhr

Schund oder Literatur?

Beispiel I: Der Liebesroman

«Ein ganzes halbes Jahr» der Engländerin Jojo Moyes wurde seit 2013 im deutschsprachigen Raum drei Millionen Mal verkauft (weltweit 12 Millionen Mal), die Taschenbuchausgabe steht seit 75 Wochen auf der Bestsellerliste. Es ist eine «Romantic Novel»: Die arbeitslose Louisa wird für ein halbes Jahr als ­Pflegerin des reichen Ex-Bankers Will engagiert, der nach einem Unfall querschnittsgelähmt und lebensmüde ist.

Erst mögen sie einander überhaupt nicht, dann aber doch. Louisa entwirft ein Programm von Aktivitäten, um Will wieder Freude am Leben zu geben; er zeigt der unbedarft vor sich hinsumpfenden Arbeitertochter, was ein lebenswertes Leben überhaupt ausmacht: Bildung, Kultur, beruflicher Ehrgeiz. Obwohl sie sich bei einem romantischen Urlaub auf Mauritius am Strand ihre Liebe erklären und leidenschaftlich küssen, scheitert Louisas Lebensrettungsprogramm. Nicht jedoch Wills Pygmalion-Projekt, zumal er seiner Pflegerin nach seinem Freitod eine grosse Summe hinterlässt. Kein unbedingtes Happy ­Ending, aber für Will – das ist nicht ­zynisch gemeint – ein «happy death» und für Louisa happy Erbe.

Reiche sind eiskalt, Arme haben Herz

Jojo Moyes versteht ihr Handwerk, sie schreibt flüssig und plastisch. In der Unterhaltungsmittelschicht rangiert sie damit eher oben. Sie nimmt sich aktuellen gesellschaftlichen Debattenthemen an: die Nöte der Behinderten, das Recht auf den eigenen Tod. Auch der Klassencharakter der englischen Gesellschaft ist deutlich markiert.

Markiert ist diese aber auch moralisch, und das höchst stereotyp: Die Reichen sind eiskalt oder moralisch dubios, die Armen haben dagegen, um auch sprachlich zu den Klischees zu greifen, die hier naheliegen, das Herz auf dem rechten Fleck. Louisas Freund, ein Fitnessfanatiker, ist ein eindimensionaler Charakter und deshalb leicht zu ent­sorgen. Aber auch Louisa, deren aus­gestellte Unperfektheit und munterer Erzählton lange gefällt, wird immer mehr als Teilchen einer konventionellen dramaturgischen Mechanik erkennbar.

Sprachlich im Rahmen des Konventionellen

Ihre Graumäusigkeit, ihre provinzielle Anspruchslosigkeit erklärt die ­Autorin als Folge eines Traumas – als junges Mädchen wurde sie von einer Gruppe Halbstarker betrunken gemacht und missbraucht. Will heilt das Trauma und macht sie frei für ein neues Leben. Das hässliche Entlein verwandelt sich in einen glücklichen Schwan – wozu auch das Verschwinden ihres behinderten Wohltäters gehört, denn wie hätte ihr Leben an seiner Seite als Pflegerin wohl weiter ausgesehen?

Mit einer defizitären Heldin, dem «Abgehängten»-Milieu und dem Tod des Helden konterkariert Jojo Moyes zwar Leseerwartungen, erfüllt sie mit der Verwandlung des Kleinstadt-Aschenputtels in eine moderne junge Frau auf einer ­höheren Ebene dann aber doch wieder.

Dass die Autorin sprachlich ganz im Rahmen des Konventionellen bleibt, mögen Sätze belegen, die fallen, wenn Louisa besonders aufgeregt ist: «Ich konnte mich nicht erinnern, jemals zuvor in einer so unangenehmen Situation gewesen zu sein.» – «Es war unbeschreiblich.» – «Will sah mich an. Mit seinen unergründlichen blauen Augen. In meinem Magen flog eine Wolke Schmetterlinge auf.» Die Sprache kann mit den Emotionen, die sie wiedergeben will, nicht ­mithalten: ein untrügliches Zeichen für die Lücke, die nach oben, zur Literatur, klafft.

Leseprobe


Beispiel II: Der Psychothriller

Sebastian Fitzek ist der in unserem Sprachraum derzeit wohl erfolgreichste Vertreter des Genres. Seine Welt-Gesamtauflage liegt bei 8 Millionen Büchern, das «Joshua-Projekt» aktuell bei 650'000 Exemplaren.

Icherzähler Max Rohde ist ein Krimiautor, der selbst in eine Krimihandlung gerät, eine äusserst verdrehte: Gleich drei Verfolgergruppen jagen den Helden. Seine 10-jährige Tochter Jola wurde entführt; er will sie retten, soll aber ­andererseits gezwungen werden, sie zu töten, damit ein Computerprogramm recht behält, das Verbrechen voraus­sehen kann.

Das Schlachtenglück wendet sich sekündlich

Diese Jola gerät in einen Schlamassel nach dem anderen, sie wird aus einem erst brennenden, dann explodierenden Haus geschleudert, von einem Killer ­beschossen, von einem Wildschwein gerammt; in einem Moor ertrinkt sie fast. «Fast» trifft es nicht richtig: Eigentlich ist sie für die Leser mehrfach schon gestorben, damit deren Empathie bis aufs Äusserste beansprucht wird; auch wendet sich das Schlachtenglück in den zahlreichen Kämpfen und Verfolgungsjagden sekündlich.

Kurz: Fitzek trampelt mit einer Überdosis Action auf unseren Nerven herum. Leider auch auf unserem Sprachgefühl: «Ein noch nie gefühlter Schmerz stiess sie in das undurchdringlichste Schwarz, das sie jemals vereinnahmt hatte.» Fitzek benutzt den Superlativ bis zum Überdruss und übertreibt bis zur Lächerlichkeit. Etwa hier über eine dreijährige Göre: «Gegen Joy ist Isis eine Pfadfindertruppe.» Ernst nehmen kann man solche Vergleiche nicht.

Auch Fitzek verhandelt in seinem Thriller «gesellschaftlich relevante» Themen, und zwar gleich drei: Kindsmisshandlung, die Rechte von nicht strafbar gewordenen Pädophilen und «predictive policing». Der Autor inszeniert sich selbst durch «Betroffenheit» und ein ellenlanges, überaus eitles und sich bei den Lesern anbiederndes ­Nachwort. Dies, die sprachliche Schluderei und die exzessiven Gewaltszenen machen das Buch unappetitlich und ­verweisen es an den unteren Rand der U-Literatur.

Leseprobe

Martin Ebel (Tages-Anzeiger)

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